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Bloc Party

Blick ins Kinderzimmer

Band Bloc Party

(tsch) Mit ihrem neuen Album "A Weekend In The City" zeichnen die britischen Gitarrenpopper Bloc Party eine musikalische Jugendstudie über Heranwachsende mit ausgeprägtem Bedürfnisbefriedigungstrieb am Wochenende. Kein Wunder: Die Klientel kommt ja zu ihren Konzerten. Frontmann Kele Okereke spricht im Interview über den Umgang mit einem Erfolgsdebüt, über Konsumgesellschaft und Werteverfall.

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teleschau: Kele, wie bist Du mit dem großen Erfolg von "Silent Alarm" umgegangen?

Kele Okereke: Es geschah zum Glück nicht so über Nacht. Es geschah allmählich. Wir spielten eine Menge Shows, die langsam größer und größer wurden. Um ehrlich zu sein, haben wir das gar nicht so mitgekriegt und nie besonders ernst genommen. Wir dachten nie, wir seien jetzt großartig. Wenn du dieses Denken pflegst, trübt das deinen Blick, selbstkritisch und hungrig zu bleiben.

teleschau: Das bedeutet, dass Ihr ausgeprägte Egoisten seid ...

Okereke: Stimmt. Wir machen Musik für uns selbst. Wir spielen nur das, was wir selbst spannend finden und nicht, weil uns Kritiker sagen, wir wären eine tolle Band. Wir wissen, dass wir alles gegeben und alles in unser Debüt gesteckt haben, was wir drauf haben. Und nur das ist wichtig.

teleschau: Und nun das zweite Album. Wochenende, Partyzeit - dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch "A Weekend In The City".

Okereke: Dieses Thema ging mir auf der letzten Tour durch den Kopf, als wir überall auf der Welt in den verschiedensten Städten spielten. Mir fiel auf, was für unterschiedliche Energie manche Städte ausstrahlen, andererseits aber auch Dinge, die überall gleich zu sein scheinen.

teleschau: Zum Beispiel?

Okereke: Jemand aus London wird bestimmte Dinge wieder erkennen, anderen wiederum wird auffallen, dass wir über eine bestimmte Bar in Moskau singen. Ich denke, dass die Leute bemerken, dass viele Verhaltensmuster Jugendlicher sehr universell sind. Es geht überall um das Thema Freizeit. Und was das betrifft, haben die jungen Städter heutzutage überall die gleichen Interessen und Angewohnheiten.

teleschau: Es gibt sogar einen Song über den Berliner Stadtteil Kreuzberg ...

Okereke: Der basiert auf meinen Erfahrungen, als ich mal dort war. Okay, der Song hätte sonst wie heißen können, denn ich hatte natürlich keine Ahnung, wo ich war. Der Titel ist also wenig aussagekräftig, im gegensatz zum Inhalt.

teleschau: Da geht es wieder um die zentralen Themen Liebe und Sex.

Okereke: Ein Song dreht sich zum Beispiel um dieses Abstumpfen, das sehr leicht passieren kann, gerade unter Jugendlichen, wo eine sexuelle Beziehung mit jemand anderem heute sehr einfach zu bekommen ist. Dieser Song ist eine Klage darüber, wie schwer es ist, eine wahre emotionale Beziehung zu finden, während es so einfach ist, viele rein körperliche Abenteuer zu bekommen.

teleschau: Worauf basiert das Deiner Meinung nach? Liegt das an der Techno-Generation? An den Drogen?

Okereke: Ich denke, so wie viele junge Leute heute leben, ist das ein Ergebnis der Konsumgesellschaft. Alles wird dir bequem gemacht, alles lässt sich kaufen, alles kann schnell verändert werden. Es geht nicht mehr um die Qualität von Erfahrungen, sondern um reine Bedürfnisbefriedigung, um eine endlose Kette von Befriedigungen die die Jugendlichen glauben, haben zu müssen. Ich denke, dass dies seinen Ausgangspunkt in den 80er-Jahren hat, als die Leute begannen, sehr selbstbezogen zu leben.

teleschau: Diese Dekade mündete in den hedonistischen Neunzigern...

Okereke: ... und führte dazu, dass junge Leute heute denken, so leben zu müssen! Das macht mir wirklich Angst. Es hat den Anschein, als ob viele Jugendliche solche Werte wie Liebe oder Autorität völlig ausgeblendet haben. Sie leben in ihren eigenen Welten und glauben nicht mehr an die Idee der wahren Liebe und was sie dir geben kann.

teleschau: Das führt zum Song "Home", der einen fast schon religiösen Unterton besitzt.

Okereke: Nicht vordergründig. Das war nicht die Intention, als ich diesen Song schrieb. Meine Eltern sind religiös, ich bin eher ein spiritueller Mensch. Ich erkenne Gottes Kraft in den Gesichtern der Menschen, in der Natur, überall. Aber ich sehe nicht die Notwendigkeit, einmal die Woche in ein Haus zu gehen, um dort an einer absurden Routine teilzunehmen. Ich finde die Form organisierter Religion abschreckend.

teleschau: Aber selbst eine Disko kann sich in eine Kathedrale verwandeln, Rock-Shows können zur Andacht werden und geben moralischen Rückhalt. Ist das eine moderne Form von Religion?

Okereke: Ich denke Rock'n'Roll ist... (überlegt lange) ... ach, ich weiß auch nicht. Es ist eine sehr persönliche, subjektive Sache, die sich die Jugendlichen aus einer Performance herausziehen. Ich kann nachvollziehen, dass sie für manche Leute eine spirituelle Qualität erreicht, aber ich habe keine Ahnung, was die Leute von unseren Konzerten mit nach Hause nehmen.

teleschau: Auf alle Fälle eine Menge Melodien. Ihr habt scheinbar eine Liebe für kommerzielle Refrains entdeckt.

Okereke: Ich wusste, dass unsere erste Single "The Prayer" im Radio funktionieren würde, weil sie einen tollen Refrain hat. Nur so geht's: Wenn du eine interessante Idee hast und willst, dass die Leute sie hören, dann musst du sie so verpacken, dass sie im Radio funktioniert. Einen zehnminütigen Jam hätten wir nie ins Radio gekriegt.

teleschau: Was die Live-Situation angeht: Euer Debüt war großartig, aber live wart Ihr anfangs erschreckend schlecht und habt auf großen Bühnen keinen Draht zum Publikum gefunden. Wart Ihr zu früh auf großen Bühnen unterwegs?

Okereke: Ich glaube, wir haben inzwischen eine Menge gelernt, durch die vielen Shows. Wenn du den Geschmack mancher Leute nicht triffst, ist das nicht weiter verwunderlich. Ich bin jedenfalls sehr stolz darauf, was wir als Live-Band hinlegen.

teleschau: Du hast einen relativ starken Akzent, ist es Dir egal, ob dich die Kids im Publikum verstehen?

Okereke: Ich kenne dieses Problem auch aus Japan, ich erzähle eigentlich gerne etwas in den Shows, allerdings plaudere ich so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich mach mir keine großen Gedanken über Kommunikation, denn ich spreche kein Wort Japanisch oder Deutsch - und doch werden wir verstanden. Überall.

Stefan Woldach


Melodien wie aus der Kathedrale: Bloc Party, die Band um Kele Okereke (Zweiter von links), sind die wichtigste junge Band Englands.
Melodien wie aus der Kathedrale: Bloc Party, die Band um Kele Okereke (Zweiter von links), sind die wichtigste junge Band Englands. (V2 / Steve Gullick)

Bloc Party singen über junge Menschen in der Stadt - und begeistern damit sowohl die Jugend als auch die Kulturkritik.
Bloc Party singen über junge Menschen in der Stadt - und begeistern damit sowohl die Jugend als auch die Kulturkritik. (V2 / Steve Gullick)

"Alles wird dir bequem gemacht, alles lässt sich kaufen, alles kann schnell verändert werden." Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke (links) kritisiert die Konsumgesellschaft.
"Alles wird dir bequem gemacht, alles lässt sich kaufen, alles kann schnell verändert werden." Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke (links) kritisiert die Konsumgesellschaft. (V2 / Steve Gullick)

Datum: 11.02.2007

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