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Tokio Hotel - Zimmer 483

Tokio Hotel Zimmer 483

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Schlammschlacht also: Im Booklet zu "Zimmer 483" posieren Bill, Tom, Gustav und Georg verschmiert und abgerockt. Eine Tristesse, die der Band besser steht als die naturgemäß etwas ratlosere Positionierung vor eineinhalb Jahren und die auch in vielen Songs ein Gegengewicht findet: Knietief stiefeln die Magdeburger durch einen fatalistischen Depressions-Sumpf, den man so nicht unbedingt erwartet hätte. Da geht's um den Tod, das Verderben und zumindest diffus um Städte, die nicht aus Licht, sondern aus Schatten bestehen. Klar, das ist Produzentenpop, durchkalkuliert und -gestylt bis zur letzten Note. Aber auch das muss man erst einmal können, und wichtiger: Das funktioniert nur mit absolut passgenauen Darstellern.

"Es bringt mich um", lautet die knappe Hook in "Totgeliebt", im folgenden "Spring nicht" wird ebenfalls recht lässig mit Freund Tod umgegangen. "Und hält dich das nicht zurück, dann spring ich für dich", heißt es hier. Im weiteren Verlauf des Albums wird der Komplex Exitus aus Leidenschaft ungefähr so oft bedient wie das Wort Fuck auf amerikanischen HipHop-Platten. Aber das geht in Ordnung, weil gerade dieses Antriggern von Teenager-Sehnsüchten nicht mit übermäßigem Authentizitäts-Stempel versehen wird. Tokio Hotel sind Kunstfiguren, Projektionsflächen, in ihrer Optik gnadenlos überhöht, was vor allem an Sänger Bill Kaulitz erkennbar ist. Und gerade diese Positionierung zwischen Comic-Clip und Videospiel-Ästhetik sorgt dafür, dass all der Pathos der Platte nicht plump wirkt.

So sind auch die stärksten Songs die, die den Schmerz bedienen. Oben erwähntes "Totgeliebt" und die erste Single "Übers Ende der Welt" sind unglaublich gute Pop-Entwürfe, klug und im höchsten Maße publikumsaffin inszeniert. Dem Produzententeam um David Jost gelingt es hier auf bemerkenswerte Art und Weise, eine gewisse Härte im Arrangement mit Pop-Melodien und der markanter werdenden Stimme Kaulitz' zu verbinden. Anderen Songs fehlt diese Substanz. Stücke wie das wirklich völlig banale "Wo sind eure Hände" verleiten höchstens zu einem Achselzucken, "Ich bin da" ist trotz allen Goodwills und nach Abzug aller Studiokniffe unsinniger Schlager mit furchtbarem Refrain, "Vergessene Kinder" so ein bisschen die Light-Variante des Toten-Hosen-Kloppers "Hier kommt Alex". Das braucht keiner, da hilft auch der Kinderchor nichts. Trotzdem hinterlässt "Zimmer 483" durchaus Eindruck. Tokio Hotel haben gezeigt, dass da Potenzial ist, das noch ausschöpfbar ist, dass man mit ihnen rechnen muss. Das ist mehr als nur gut aufgestelltes Kasperletheater für die Bravo-Generation.

Jochen Overbeck


Datum: 25.02.2007

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