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Letters from Iwo Jima

Letters From Iwo Jima

(tsch) Kazunari Ninomiya blickt schüchtern auf seine gefalteten Hände, die in seinem Schoß liegen. Mit seinen 23 Jahren wirkt er wie ein 14-Jähriger, was sicherlich ein Grund ist, wieso der zart gebaute Japaner in seinem Heimatland besonders gut bei jungen Mädchen ankommt. Er ist Frontmann einer Boygroup, die zu Pop-Rhythmen singt und tanzt, und dafür mit grellen Begeisterungsschreien belohnt wird. Doch Kazunari hat sich verändert. Als er und seine Freunde davon hörten, dass Clint Eastwood junge Darsteller für seinen Film "Letters from Iwo Jima" über die Kämpfe zwischen Japanern und Amerikanern am Ende des Zweiten Weltkriegs suchte, wollte er sich einen Spaß daraus machen, einfach mal Herrn Eastwood zu treffen. Doch als er zum Vorsprechen geladen wurde, stand da nur eine Kamera. Mit voller Enttäuschung, vom Altstar aus Amerika versetzt zu werden, las er seinen Text so gelangweilt vom Blatt, wie er nur konnte. Und schon hatte er die Rolle.

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Vielleicht war es Desillusion, die Regisseur Eastwood in seinem Hauptdarsteller erkannte und die so wichtig ist für einen Film, in dem Menschen scheinbar sinnlos sterben. Kazunari spielt einen Bäcker, der für seinen Kaiser in den Krieg ziehen muss, aber keine Ahnung vom Kämpfen hat. Dennoch überlebt er immer wieder wie durch ein Wunder und wird zum Zeugen einer der blutigsten Schlachten des Pazifikkrieges nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Anders als die amerikanischen Soldaten, die aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes in den Krieg zogen für ein besseres Leben und die Verteidigung ihrer freiheitlichen Ideale, war es den japanischen Soldaten auferlegt zu sterben. Eastwood hat die Vorführung dieses Kontrasts mit seinem Film "Flags of our Fathers", der bereits im Januar in den Kinos gezeigt wurde, begonnen. Nun sind es die unerfahrenen, blutjungen Rekruten aus Fernost, die dem Zuschauer in all ihrer Naivität, teilweisen Verblendung, aber auch Zerrissenheit vorgestellt werden. Die monatelangen Kämpfe auf der japanischen Insel Iwo Jima, auf der Zehntausende Japaner und etwa 7.000 Amerikaner starben, haben bis heute in beiden Kulturkreisen eine traumatische Bedeutung.

Eastwoods Projekt, eine amerikanische und eine japanische Version der Ereignisse zu drehen, ist also ohne Frage ein wichtiges Novum. Doch bleibt auch "Letters from Iwo Jima" der Film eines Amerikaners, der trotz seines guten Willens sein Weltverständnis nicht verbergen kann und einer Authentizität nacheifert, ohne sie jemals erreichen zu können.

Es verwundert deshalb auch nicht sehr, dass der Film bei der Oscar-Verleihung eben nicht als fremdländischer Film, sondern in der Hauptkategorie nominiert wurde. Denn "Letters from Iwo Jima" bleibt trotz propagierter japanischer Perspektive ein amerikazentrierter Kriegsfilm, dessen Anspruch ehrbar ist, aber nur Ansatz bleibt. So erinnert sich der befehlende General der japanischen Truppen in Rückblenden nicht etwa an seine Familie daheim, sondern an seinen Amerika-Besuch, wo er gepflegt und freundschaftlich mit anderen Offizieren diniert hatte. Zwischendurch unterhält er sich auch gerne und verständnisvoll auf Englisch mit einem verwundeten US-Soldaten, den er gewissenhaft pflegt, als tobe draußen nicht die Hölle.

Doch bleibt der Film über weite Längen ruhig, lässt sich lange Zeit, um die Vorahnung der drohenden Schlacht aufzuladen. Was Eastwood aber nicht erklärt, sind die Hintergründe, nicht einmal die Entstehung der Tunnelsysteme im Innern des Berges Suribachi. Der Zuschauer erfährt nur von den Plänen, die viel zu kurzfristig umgesetzt wurden, und von den Schaufeln, mit denen die Soldaten eben diese bautechnische Leistung vollführten. Das Geheimnis um die Höhlen des Suribachi, die auch nach wochenlangem Dauerfeuer den Bomben der Amerikaner standhielten, bleibt bei Eastwood im Dunkeln.

Die Botschaft aber ist umso deutlicher: Krieg ist abscheulich, und selbst die unmenschlichste Ideologie ist nicht so mächtig, dass ihr alle folgen wollen. So sieht der Kinogast mit an, wie sich zahlreiche Japaner mit Handgranaten selbst in die Luft sprengen, um - gemäß der Anweisungen - nicht in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Die Überwindung dieser in Fleisch und Blut übergegangenen Lebensphilosophie "Leben und Sterben für den Kaiser" wird bei Eastwood zum humanistischen Ideal, dessen Erreichbarkeit durch die gedankliche Brückenschlagung zum westlichen Gegenmodell möglich gemacht wird. Nicht ohne Grund ist des Generals liebstes Artifakt ein wuchtiger, amerikanischer Colt, den er einst bei seinem Besuch im fernen Land überreicht bekam und fortan stets bei sich trägt.

Doch, und da ist Eastwood politisch korrekt, muss natürlich angemerkt werden, dass auch die Amerikaner keine Heilsengel waren. In einer Szene werden japanische Gefangene einfach erschossen, weil sie nur als Ballast wahrgenommen werden. So bleibt "Letters from Iwo Jima" ein Kriegsfilm, mit 140 Minuten teils zehrend lang, der nicht erklärt, sondern ein Gefühl transportieren will - und eine Botschaft: Eine Medaille hat immer zwei Seiten.

Leif Kramp

Credits:
V:Warner, USA 2006, R: Clint Eastwood, D: Ken Watanabe, Tsuyosi Ihara, Kazunari Ninomiya u.a.

Laufzeit: 140 Min.

Kinostart:
22.02.07


Saigo (Kazunari Ninomiya) würde alles dafür geben, um seine neugeborene Tochter wiederzusehen.
Saigo (Kazunari Ninomiya) würde alles dafür geben, um seine neugeborene Tochter wiederzusehen. (2006 Warner Bros. Ent.)

Baron Nishi (Tsuyosi Ihara) konnte sogar schon bei den Olympischen Spielen auf seinem Pferd trumpfen.
Baron Nishi (Tsuyosi Ihara) konnte sogar schon bei den Olympischen Spielen auf seinem Pferd trumpfen. (2006 Warner Bros. Ent.)

General Tadamichi Kuribayashi (Ken Watanabe) weiß, wie stark die amerikanischen Angreifertruppen sind.
General Tadamichi Kuribayashi (Ken Watanabe) weiß, wie stark die amerikanischen Angreifertruppen sind. (2006 Warner Bros. Ent.)

Datum: 25.02.2007

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