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Steven Soderbergh
"Niemand möchte Filme in Schwarz-Weiß sehen"Regisseur Steven Soderbergh (tsch) Steven Soderberghs schwarzes T-Shirt ziert das ostdeutsche Ampelmännchen. Nur weiß der Herr aus dem fernen Hollywood nicht, worum es sich bei seinem modischen Fehltritt eigentlich handelt. Dafür kennt sich der 44-jährige Filmemacher ("Ocean's 11", "Traffic", "Erin Brockovich") mittlerweile bestens im Nachkriegsberlin aus: Sein neuer Film "The Good German" (Kinostart: 01.03.) erzählt die Geschichte eines amerikanischen Journalisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins zerbombte Berlin zurückkehrt und dort eine alte Liebe wieder entdeckt. Damit arbeitet der vielseitige Regisseur und Produzent nicht nur ein filmisch wenig beackertes Kapitel deutscher Geschichte auf, sondern möchte auch älteren Filmgenerationen huldigen. Im Interview spricht Soderbergh über die Probleme des Schwarz-Weiß-Films im heutigen Kino, seine Schwierigkeiten mit den beiden Hauptdarstellern George Clooney und Cate Blanchett und über die Krise des Kinos. teleschau: Haben Sie sich selbst eingeengt, was die Machart des Films angeht? Steven Soderbergh: Einerseits habe ich mich bewusst in diese Art von Korsett gezwängt, andererseits gab es in mancher Hinsicht auch viele Freiheiten. teleschau: Wie haben Sie diese genutzt? Soderbergh: Wenn ich mit einem Film beginne, habe ich jedes Mal unbegrenzte Möglichkeiten, wie ich ihn angehe. Alle laufen auf parallelen Linien. Wenn ich mich also selbst limitiere und auf eine bestimmte Art von Grammatik festlege, dann eliminiere ich damit umgehend viele der übrigen Alternativen. Je konzentrierter ich also diesen Weg gehe, desto effektiver entledige ich mich unnötigen Ballasts. Das ist ein befreiendes Gefühl, gerade weil es eine so ökonomische Arbeitsweise ist. teleschau: Aber wieso drehten Sie in Schwarz-Weiß? Soderbergh: Als ich realisierte, dass ich nicht den üblichen Historienfilm machen wollte, also in Farbe und möglichst realistisch, konzentrierte ich mich zunächst auf all das Archivmaterial, das aus der damaligen Zeit noch existiert. Das waren Stunden um Stunden historische Wochenschau- und anderweitige Film-Aufnahmen, die ich möglichst eins zu eins in die Geschichte integrieren wollte. Das diktierte mir folgerichtig, in Schwarz-Weiß zu drehen, weil es nur verschwindend geringe Farbaufnahmen über die Potsdamer Konferenz gab. Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten konnte ich unser Material mit dem aus den Archiven annähernd passgenau in der Qualität annähern. Das wäre vor zehn Jahren mit einem ordinären analogen Filmdrucker nicht möglich gewesen. teleschau: Wie schwierig war die Produktion im Vergleich zu Ihren anderen Filmen? Soderbergh: Ich habe einen Film selten so schnell abgedreht. Manchen Tags waren wir schon mittags mit allen Szenen durch, und George und Cate wollten wissen, wie es weitergehen sollte. Ich schickte sie dann einfach nach Hause, weil die nächste Kulisse noch nicht fertig war. Wir waren immer schneller als das Art Department. Bevor mich die Langeweile überkam, ging ich schon mal in den Schneideraum. teleschau: Wie umgänglich waren die Stars George Clooney und Cate Blanchett während des Drehs? Soderbergh: Natürlich können sich die beiden mit ihrem Status mittlerweile die besten Filmstoffe, die auf der Welt existieren, aussuchen. Wenn sie sich also für meinen Film entscheiden, dann aber doch keinen Spaß daran haben, müssten sie ja Idioten sein. George verbringt daher den ganzen Tag am Drehort und beschäftigt sich mit dem gesamten Prozess in allen seinen Einzelheiten. Seine Einstellung ist: Wenn ich mein ganzes Leben immer zum Film wollte, wieso sollte ich dann, dort angekommen, die ganze Zeit im Wohnwagen sitzen oder mich anderswo herumtreiben? Das ist nicht nur Disziplin, das ist wahre Leidenschaft. Mit Cate verhält es sich ähnlich. teleschau: Nur hat sich zumindest George Clooney offenbar nicht viel Mühe gegeben, Deutsch zu lernen. Wieso haben Sie keine Synchronsprecher engagiert? Soderbergh: George spielt ja einen Amerikaner, also fällt das meiner Meinung nach nicht sehr auf. Aber Cates Aussprache ist völlig in Ordnung. Natürlich hätte es nie perfekt sein können, auch bei Cate nicht, die ja eine Deutsche spielt. Aber andere Stimmen für sie zu finden, wäre nicht nur unnötig aufwendig, sondern auch seltsam gewesen. Schließlich haben sich Cate und George für den Film buchstäblich kostenlos zur Verfügung gestellt. teleschau: Was meinen Sie mit "kostenlos"? Soderbergh: Nach Hollywoodschen Maßstäben: Cate gab sich mit einem Bruchteil dessen zufrieden, was sie auf dem Filmmarkt normalerweise bekommen würde. Dabei hätte sie wirklich hart verhandeln können, weil ich sie und nur sie für die Rolle wollte. Und als wir schließlich sogar noch unter dem kalkulierten Budget lagen, musste ich George förmlich überreden, dass er etwas Geld für seine harte Arbeit annimmt. Schließlich sind wir insgesamt mit 32 Millionen ausgekommen. teleschau: Wie gingen George Clooney und Cate Blanchett mit der Regieanweisung um, dass sie heillos übertreiben sollten? Soderbergh: Sie konnten zunächst nicht damit umgehen. Natürlich war es merkwürdig für sie. Ich schrieb daher ein kleines Manifest speziell für die beiden und gab ihnen einige Filme aus der damaligen Zeit zur Vorbereitung. Das war Schauspielerei vor Marlon Brando, vor Montgomery Clift, vor James Dean. Geholfen hat ihnen sicherlich, dass wir keine drahtlosen Mikrophone benutzten, sondern Stabmikrophone, die über der Szenerie hingen. Sie mussten also schon mit ihren Stimmen übertreiben, um überhaupt gehört zu werden. George und Cate waren teilweise völlig irritiert. Es war ihnen peinlich, so aufs Gas zu drücken, dass sie sich selbst dumm dabei vorkamen, eben weil das all dem widersprach, was sie ihre gesamte Karriere lang beigebracht bekommen hatten. Doch der Kontext erforderte genau diese Attitüde. teleschau: Kommt so etwas bei einem modernen Kinopublikum noch an? Soderbergh: Ich fürchtete mich nicht davor, dass es Schwierigkeiten geben würde, sondern ich erwartete es im Grunde bereits. Aber es war für mich der einzige Weg, wie ich es umsetzen konnte. teleschau: Wieso sollte man sich heutzutage im Kino mit politischer Zeitgeschichte beschäftigen? Soderbergh: Wenn man einen Film über die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg macht, stößt man überall auf Analogien, weil alle Kriege im Grunde gleich sind. Die Verantwortlichen lügen der Öffentlichkeit etwas vor, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Das sehen wir heute wie damals. teleschau: Eignen sich solche Filme dann nicht eher für Universitätsvorlesungen als fürs breite Publikum? Soderbergh: So hätte ich Warner Bros. gegenüber argumentieren sollen: Ich möchte einen Lehrfilm für die Uni machen. Aber im Ernst: Georges Film "Good Night and Good Luck", den ich gemeinsam mit ihm produziert habe, wurde auch in Wissenschaftskreisen interessiert beachtet. Doch finden sich bei der Auseinandersetzung mit Edward R. Murrow sehr viel deutlichere Analogien zum heutigen Verhältnis zwischen den Medien und der Politik als in "The Good German". Ich wurde bereits im Frühjahr 2001 auf das Buch aufmerksam. Es handelt sich also um die Zeit vor dem 11. September und allem, was danach kam. Die Welt ändert sich oder auch nicht. Filme können also auch für sich alleine stehen. teleschau: Ist es schwierig, einen Film über ein Thema zu drehen, das nicht nur das kulturelle Gedächtnis eines Staates betrifft? Soderbergh: Ich bin mir gar nicht so sicher, welche Verantwortung ich als Regisseur überhaupt habe oder übernehmen kann. Ich weiß nur eines: Wenn man eine Kamera in die Hand nimmt, dann beginnt man zu lügen. Selbst in einer Dokumentation kann es nur Lügen geben, Lügen über eine vorgetäuschte Wirklichkeit. Film kann nur einen ganz speziellen Wirklichkeitsentwurf zeigen. teleschau: Dennoch erzählen Sie eine an Fakten orientierte Geschichte. Soderbergh: Auf einer weniger grundsätzlichen Ebene muss ich zugeben, dass zwei Dinge in "The Good German" faktisch nicht der Wahrheit entsprechen, ich sie also nicht beweisen kann: Es ist nicht klar, ob es wirklich jemanden gegeben hat, der mit Enthüllungen über Gewaltausbrüche oder eine Mitschuld von Wernher von Braun an die Öffentlichkeit gehen wollte. Dabei hat er in einer Raketenfabrik gearbeitet, wo Sklaven ausgebeutet wurden. Ein weiteres filmisches Erzählmittel sind die begeistert klatschenden Deutschen während der Militärparade der Alliierten durch Berlin: Ich kann Ihnen garantieren, dass damals kein Deutscher am Rande der Straße so gewunken oder geklatscht hat. Ich entschied mich aber dafür, weil ich eine an Hitchcock erinnernde Atmosphäre aufbauen wollte - durch den Kontrast zwischen Begeisterung der Masse und einen Mord in ihrer Mitte. teleschau: Wollten Sie also im Rückgriff auf alte Erzählstile einen neuen Stil erfinden? Soderbergh: Nein, es geht eher um die Verbindung zwischen europäischer und amerikanischer Filmkultur. Die Bewegung der neuen amerikanischen Filme in den 60er- und 70er-Jahren war nur deswegen so stark, einflussreich und brillant, weil sie zwar eine neue Form des schnellen amerikanischen Erzählstils erfand, aber tief verwurzelt waren in der europäischen Tradition, sich Charakteren und Stilen anzunähern. Diese Filme haben mich geprägt, als ich jung war, und haben mich zu dem gemacht, was ich bin: Mehr ein Synthetisierer als ein Erfinder. Sie haben mich dazu gebracht, mir die Vorbilder aus Europa anzuschauen. So wurde ich infiziert von der Hingabe zur europäischen Filmgeschichte. teleschau: Dennoch erfanden Sie ein neues Auswertungsmodell für Hollywood, Filme gleichzeitig nicht nur ins Kino, sondern auch auf DVD und ins Fernsehen zu bringen. Wollten Sie mit ihrer Vision die Kinobetreiber auf die Barrikaden treiben? Soderbergh: Wir sollten da alle ganz ruhig und besonnen bleiben. Es ist ja nicht das Ende des Kinos, wie mancherorts befürchtet wird. Vielleicht werden nicht mehr so viele Menschen in die Kinos strömen wie heute, doch der Strom wird niemals abbrechen. Ich darf aber wohl mit gutem Recht behaupten, dass viele Leute, die nicht gerne ins Kino gehen, so auf andere Art einen Film zu sehen bekommen. Man sollte der Öffentlichkeit nicht diktieren, wie sie ein Produkt zu konsumieren hat. Außerdem werden sich Kinoliebhaber nicht mehr über Störenfriede ärgern müssen, weil sie fortan unter sich sein werden. Dazu rechne ich auch mich. Die Kinokultur hat nichts damit zu tun, auf welche Art ein Film gezeigt wird: Ich habe 30-sekündige Werbespots gesehen, die großes Kino waren, und zweieinhalbstündige mit dem Oscar prämierte Epen, die weit davon entfernt waren. Es kommt nicht auf die Größe der Präsentation an, sondern auf das, was eine Produktion im Kopf auslöst. teleschau: Das kollektive Erlebnis im Kinosaal wird damit aber wohl der Vergangenheit angehören. Soderbergh: Auch das wird nicht verschwinden. Schließlich sind Kinosäle auch heute noch das angesagteste Ziel für das erste Date, zumindest in Amerika: Zuerst Kino, dann Abendessen im schicken Restaurant. teleschau: Hat auch der Schwarz-Weiß-Film noch eine Zukunft? Soderbergh: Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass irgendjemand heute noch Filme in Schwarz-Weiß sehen möchte. Ich schade damit eigentlich auch dem Filmstudio. Warner hat große Schwierigkeiten, den Film weltweit zu vermarkten, weil Schwarz-Weiß-Filme explizit durch die Verwertungsverträge mit den großen Kinoketten und Fernsehkonzernen ausgeschlossen werden. Doch genau diese Verträge garantieren ihnen gemeinhin den Rückfluss eines Großteils der Produktionskosten. Bei "The Good German" starten sie also tatsächlich bei Null. Leif Kramp |
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