(tsch) Christian Slater schüttelt den Kopf: so ein Durcheinander. Überall im Hotelzimmer stehen Stühle kreuz und quer. "Das stört mein Feng Shui", lacht der 37-jährige Filmstar, der mit der Rolle eines rassistischen Küchenchefs in der Filmbiografie "Bobby" (Start: 08.03.) über Robert Kennedy einen schauspielerischen Neuanfang probt. Während eifrige Mitarbeiter hier noch ein Glas Wasser und da noch einen Kaffee hereinbringen, streicht er sich kurz durchs Haar und klatscht in die Hände. Es kann losgehen, wenn es nach ihm ginge: Ein ganz neues Bild des Enfant terribles, das noch vor wenigen Jahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Gewaltausbrüchen und Drogendelikten unangenehme Publicity genoss. Auf die Presse war er generell schlecht zu sprechen.
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teleschau: In Ihrem neuen Film "Bobby" spielen Sie an der Seite vieler namhafter Kollegen wie Martin Sheen, Harry Belafonte, Anthony Hopkins und Sharon Stone. Wer hätte Ihrer Meinung nach noch gefehlt?
Christian Slater: Es wäre eine Ehre gewesen, wenn auch Jack Nicholson mit dabei gewesen wäre. Aber ehrlich gesagt: Das wäre zu viel für mich gewesen. Ich verehre ihn sehr als Schauspielerkollegen. Während der Dreharbeiten hat mich zuvorderst Anthony Hopkins beeindruckt, der nicht nur ein Superstar ist, sondern auch ein echter Gentleman. Wir hatten viel Spaß miteinander.
teleschau: Bekamen Sie sich untereinander überhaupt zu Gesicht? Schließlich wurden die einzelnen Filmsequenzen getrennt voneinander aufgenommen.
Slater: Es gab einige Gelegenheiten, bei denen wir uns alle zusammenfanden, beim Auftakt und beim großen Finale zum Beispiel. Darüber hinaus unterschieden sich die Dreharbeiten aber deutlich vom normalen Procedere: Wir mussten auch vor Ort sein, wenn wir gar nicht gebraucht wurden. Regisseur Emilio Estevez kannte da kein Pardon.
teleschau: Das Drama handelt vom Attentat auf John F. Kennedys Bruder Robert während seines Wahlkampfes ums Präsidentenamt 1968. Sie wurden ein Jahr nach dem Attentat geboren. Können Sie sich noch an die Nachwehen in den 70er-Jahren erinnern?
Slater: Um ehrlich zu sein: Dafür war ich einfach zu jung. Natürlich erfuhr ich während der Schulzeit viel von meinen Geschichtslehrern über Vietnam und all die politischen Skandale. Mein Gedächtnis wurde also mit aufbereitetem Wissen gespeist. Heute vertraue ich mich in solchen Dingen gerne patenten Filmemachern wie Oliver Stone oder Spike Lee an, die die damaligen Entwicklungen am eigenen Leib erfahren haben und mit ihrer Leinwand-Arbeit Großes leisten. Auch Emilio Estevez fing mit "Bobby" die damalige Atmosphäre sehr gut ein.
teleschau: Haben Sie sich also bloß andere Filme angeschaut, um sich auf ihre Rolle vorzubereiten?
Slater: Das war gar nicht nötig. Als wir zum Dreh kamen, wurden wir mit Informationen förmlich überschüttet. Ich sprach außerdem mit Gastronomiemanagern verschiedener Hotels, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was solch einen Job früher auszeichnete. Ich bin da Perfektionist. Ich verbrachte Stunden mit der Kostümdesignerin Juli Weiss, um das richtige Outfit zu finden. Alles sollte stimmen.
teleschau: Was wussten Sie bereits über die Kennedys?
Slater: Die Kennedys waren ein modernes Camelot: Sie strahlten Stärke, Integrität, Courage und Vertrauen aus und waren Volkspolitiker, was sie natürlich äußerst populär machte. Sie standen für eine andere, eine bessere Welt. Mit ihnen hätte das Land in eine gute Zukunft gehen können.
teleschau: Hätten Sie Bobby gewählt?
Slater: Ich glaube, ich hätte sogar an der Seite der anderen Wahlkämpfer gestanden und wäre Bobby Kennedy überall hin gefolgt, um ihn zu unterstützen. Zweifellos hätte ich ihn gewählt.
teleschau: Wie schwer war es, sich in den Verstand eines Rassisten einzufühlen?
Slater: Das hat mir sogar viel Spaß gemacht. Seine Kleidung anzuziehen und seine Ansichten zu adaptieren, war für mich eine Möglichkeit, den gesamten Film authentischer und bezüglich seiner Charaktere noch ehrlicher zu machen. Schließlich sind und waren auch Rassisten ein Teil der amerikanischen Gesellschaft. Vor einer solchen Rolle nicht zurückzuschrecken, sondern sie ernst zu nehmen, war für mich eine spannende Herausforderung.
teleschau: Hin und wieder blitzen im Film Bilder vom Vietnamkrieg auf. Sollen hier Parallelen zur aktuellen weltpolitischen Krise gezogen werden?
Slater: Der Film ist wie eine Geschichtsstunde, die daran erinnern soll, dass es schon einmal eine schwierige Periode in der Vergangenheit Amerikas gab, dass es aber auch einen Anführer gab, der das Zeug dazu hatte, das Land in eine andere Richtung zu führen. Wir müssen von unserer Historie lernen, um zu verhindern, dass Selbiges noch einmal passiert. Zurzeit befinden wir uns in einer Situation, in der sich bereits etwas ändert. Aber längst ist nicht klar, ob alles besser oder doch schlechter wird.
teleschau: Sie selbst haben eine bewegte Vergangenheit, kollidierten häufig mit dem Gesetz. Was haben Sie aus Ihren Fehltritten gelernt?
Slater: Wie das Leben auch, ist mein Beruf ein Abenteuer, für mich sogar eine Achterbahnfahrt, wenn man so will. Ich bekam bereits in jungen Jahren sehr viel Aufmerksamkeit. Doch was ich damals brauchte, war Zeit, um herauszufinden, wer ich überhaupt war und was ich wollte. So brachte ich mich in viele kritische Situationen, weil ich einfach keine Ahnung hatte und mir die Erfahrung fehlte. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, heute auf all das zurückzublicken und bloß zu denken: Wow!
teleschau: Wen sehen Sie, wenn Sie zurückschauen?
Slater: Ich sehe einen jungen Kerl, der im tiefsten Innern eine gute Seele war, sich aber einfach verlor und mit all den dunklen Seiten und Gruben des Filmgeschäfts in Kontakt kam.
teleschau: Fühlten Sie sich allein gelassen?
Slater: Nein, denn ich habe mir überhaupt nicht helfen lassen. Es gehört doch zum natürlichen Wachstumsprozess, dass man alles alleine schaffen möchte. Nur lief ich in meiner Selbstsicherheit blindlings in Fallstricke. Selbst wenn mir jemand hätte helfen wollen: keine Chance! Jede Warnung wäre ungehört verhallt. Ich dachte ja, alle Antworten schon zu kennen.
teleschau: Gibt es für einen Kinderdarsteller überhaupt so etwas wie eine unbeschwerte Kindheit?
Slater: Ich hatte immer sehr viel Spaß als Kind. Mein Vater war auch Schauspieler. Ich begleitete ihn schon als Fünfjähriger hinter die Kulissen seiner Filme. Ich kann ihn immer noch vor mir sehen, wie er seinen falschen Schnurrbart anlegte und seine Kunstnase, um kurz darauf auf die Bühne zu treten und das Publikum zum Rasen zu bringen. Von klein auf verbinde ich Schauspielerei mit diesem Bild. Niemand zwang mich in den Job, vielmehr drängte ich selbst in diese Welt.
teleschau: Später wurde das Image des bösen Buben zu Ihrem Markenzeichen. Nun scheint es, als wollten Sie daran etwas ändern.
Slater: Ich ging in meiner Karriere durch viele Phasen, bis ich erkannte, dass ich mit dem Wissen, das ich besaß, nicht mehr weiterkam. Also legte ich eine Pause ein, um herauszufinden, was ich überhaupt in der Filmwelt wollte und was mir eigentlich an der Arbeit Spaß machte. Danach kehrte ich sozusagen auf die Schulbank zurück. Larry Moss, ein bekannter Schauspielcoach, trainierte mich, und ich musste feststellen, dass ich ein grottenschlechter Schauspieler war.
teleschau: Erkannten Sie das selbst oder wurde es Ihnen ins Gesicht gesagt?
Slater: Und wie mir das ins Gesicht gesagt wurde! Natürlich hat vor allem der Trainer meine Darbietung in der Luft zerpflückt. Aber auch die anderen Studenten, die Zeuge dieser Peinlichkeit waren, ließen insgeheim sicherlich kein gutes Haar an mir. Ich schämte mich dafür. Aber ich hielt durch und bin nicht nur im Raum geblieben, sondern habe die Kritik ernst genommen, um besser zu werden.
teleschau: Wann kam die Erleuchtung, etwas ändern zu müssen?
Slater: Genau das ist etwas, was ich mich gar nicht erst frage. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, mit welcher Frau ich zu der Zeit verheiratet war oder ob mich jemand darauf stoßen musste, etwas an mir zu ändern. Wichtig ist für mich nur, dass ich es getan habe.
teleschau: Haben Sie nun Ihr Leben vollständig umgekrempelt?
Slater: Ich will etwas von meinem Privileg zurückgeben. Seit einiger Zeit engagiere ich mich für eine Organisation namens CCFA (Caring for Children and Families with Aids), die sich für Kinder und Familien stark macht, die von der Krankheit Aids betroffen sind. Außerdem mache ich mich für eine Initiative gegen Gewalt an Kindern stark. Und ich bin gerade dabei, eine Dokumentation über ein Dorf in Afrika zu drehen, das ich finanziell unterstützen möchte.
Slater: Wenn ich in einer besseren Welt leben will, dann muss ich logischerweise alles versuchen, um die Aufmerksamkeit, die auf mich gerichtet wird, umzulenken auf die wirklich wichtigen Dinge. Auch das habe ich gelernt.
teleschau: Trifft es Sie immer noch hart, wenn etwas Falsches über Sie in der Boulevardpresse berichtet wird?
Slater: Sie meinen, ob ich meine Karate-Kenntnisse anwende? (lacht) Es gab Zeiten, da war mein Verhältnis zu den Medien nicht das beste. Jetzt ist es mir aber nicht mehr wichtig, was jemand anderes über mich denkt oder schreibt. Im Gegensatz zu manchen Kollegen lese ich, das gebe ich zu, aber doch hin und wieder Filmkritiken, nur um zu wissen, ob ich völlig falsch liege, wenn ich denke, einen guten Job gemacht zu haben. (lacht)
teleschau: Im Internet votieren ihre Fans: "Slater for President", und ihre Gegner: "I hate this guy". Ziemlich extreme Reaktionen ...
Slater: Das ist doch wunderbar repräsentativ im universalen Sinn. Zu Politikern gibt es meist ähnlich divergierende Bekundungen. Aber eigentlich bin ich kein Schwarz-Weiß-Maler. Beide Gruppen, ob sie mich nun mögen oder nicht, sollten mich mal kennenlernen, wie ich wirklich bin. Solche Meinungen im Internet zeugen ja häufig nur von Wissenslücken.
Leif Kramp
Als seriösen und ambitionierten Anwalt erlebte der Kinobesucher Christian Slater in dem bewegenden Gerichtsdrama "Murder in the First" (1994). (Warner Bros.)
In dem politischen Drama "Bobby", das von der Ermordung Robert F. Kennedys handelt, feiert Christian Slater als rassistischer Küchenchef sein Leinwand-Comeback. (Kinowelt Filmverleih GmbH)
Emilio Estevez (vorne) führte Regie bei dem Drama "Bobby" und ist in einer der Hauptrollen zu sehen. Christian Slater und er standen bereits für den modernen Western "Young Guns 2" (1990) gemeinsam vor der Kamera. (Kinowelt Filmverleih GmbH)