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Christian Ulmen

"Ich bin so eine Art Scham-Junkie"

Schauspieler Christian Ulmen

(tsch) Für viele ist der 31-jährige Schauspieler und "so genannte Moderator" (Originalton Ulmen) das Beste, was die deutsche Humorlandschaft heute zu bieten hat. Ein klassischer Comedian ist der in Hamburg aufgewachsene Ulmen freilich nicht. Eher schon ein Humor-Rowdie und Provokateur, der wie besessen eigene und fremde Schamgrenzen auslotet. Die Schauspielkarriere mit Hauptrollen in Kinofilmen wie "Herr Lehmann", "Elementarteilchen" oder "FC Venus" ergab sich bei ihm fast schon nebenbei. Viel lieber redet der mit Frau und Kind in Potsdam lebende Ulmen über TV-Experimente im Grenzbereich zwischen Unterhaltungs-Mainstream und Anarchie. In der ProSieben-Serie "Mein neuer Freund" spielte Christian Ulmen derart überzeugend eine Reihe völlig unterschiedlicher, aber jeweils maximal nerviger Charaktere, dass sich die bemitleidenswerten Kandidaten in menschliche Grenzregionen des Aushaltbaren begeben mussten. Die Serie war genial, aber auch ethisch grenzwertig. Nicht ganz so schlimm kommt es nun mit der rein fiktionalen Serie "Dr. Psycho" (ab Do., 26.03., 21.15 Uhr, ProSieben), in der Ulmen einen zart besaiteten, ein wenig weltfremden Polizeipsychologen spielt. Als der einer knallharten Polizeidienststelle zugeteilt wird, sind die Macho-Kollegen nicht gerade begeistert vom "Psychokasper" und seinen Methoden. Im Interview spricht der Humor-Anarchist über seine neue Krimi-Comedyserie, die aus der Feder von "Stromberg"-Autor Ralf Husmann stammt.

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teleschau: Sie gelten als Ikone des hintergründigen Humors in Deutschland. Unsere Fernsehserien gelten hingegen nicht gerade als die Heimstätte solchen Humors. Was musste passieren, damit Sie in einer deutschen Fernsehserie mitspielen?

Christian Ulmen: Zunächst mal bin ich ja ein Fernsehfreund. Ich habe beim Fernsehen angefangen und war als Kind von Eltern, die mich gegen das Fernsehen erzogen haben, immer hinter dem Fernsehen her. Als ich das Buch von Ralf Husmann las, fand ich die Texte genial. Husmann ist meiner Ansicht nach einer der besten deutschen Fernsehautoren. So kamen wir zusammen.

teleschau: Was ist das Besondere an der Sprache oder der Fernsehästhetik Ralf Husmanns?

Ulmen: Das ist schwer zu sagen. Immer wenn man Komik erklärt, ist sie nicht mehr komisch. Es ist auf jeden Fall keine Sprache, die man sich zuerst mal "redbar" machen muss. Ich kann so ein Buch von Husmann einfach nur vorlesen und schon stimmen die Sätze. Sie klingen echt, so als würde sie jemand vor sich hinspucken. Das hilft dem Schauspieler und führt dazu, dass die Szenen später im Fernsehen plastisch wirken.

teleschau: Trotzdem wirkt Ihr Spiel vor allem in den komischen Szenen improvisiert. Täuscht das?

Ulmen: Es täuscht, das meiste steht so geschrieben. Natürlich eignet man sich die Sprache der Figur während eines so langen Drehs an und redet irgendwann selber so. Wenn es echt wirkt, ist dafür die Mixtur aus Spiel und Husmanns Schreibkunst verantwortlich.

teleschau: Wie viel "Stromberg" steckt in "Dr. Psycho"?

Ulmen: So wenig wie Karlsson vom Dach in Pippi Langstrumpf steckt. Stromberg ist einfach eine ganz andere Figur. Ein Arschloch, dem man gerne zuschaut. Der Psychologe Max Munzl ist hingegen ein durchaus liebenswerter Mensch. Das ist doch ein sehr wesentlicher Unterschied, oder?

teleschau: Ihre neue Serie ist ein Spagat zwischen ernsthaftem Krimi und abseitiger Komödie. Der Krimi ist der Deutschen liebstes Fernsehkind. Glauben Sie, dass sie "Dr. Psycho" seine grotesken Elemente verzeihen?

Ulmen: Die Deutschen möchten auch manchmal lachen. Comedy ist hier ja auch sehr beliebt. Wenn die Rechnung aufgeht, müsste die Serie also abgehen wie eine Rakete. Ich denke, die Krimifreunde werden nicht wegen der komödiantischen Elemente enttäuscht sein. Wenn wir in der ersten Folge eine Geiselnahme zeigen, dann ist das per se spannend. Auch wenn man vorher gelacht hat, will man trotzdem wissen, wie diese Geiselnahme ausgeht.

teleschau: Sie spielen einen Kriminalpsychologen. Nehmen Sie diese Rolle so ernst, dass sie sich mit dem Beruf vorher auseinandergesetzt haben?

Ulmen: Das meiste kennt man ja schon aus Talkshows. Da gibt es diesen bayerischen Profiler, der ständig im Fernsehen zu sehen ist und dort von seiner Arbeit erzählt. Er hatte mit Amokläufern und Massenmördern zu tun und weiß, wie die ticken. Außerdem gibt es zwei, drei Psychologen in meinem Bekanntenkreis. Das reicht, denn für meine Herangehensweise an die Figur "Dr. Psycho" steht nicht die Arbeit eines Polizeipsychologen im Vordergrund. Es geht vielmehr um Momente der Peinlichkeit. Darum, dass ein Geisteswissenschaftler, ein vergeistigter Mensch, überhaupt nicht in dieser harten Welt der Polizei zurechtkommt, dabei aber denkt, er käme super klar. Ich habe mich also intensiver auf diesen Nervkopf vorbereitet als auf die Realität eines Polizeipsychologen.

teleschau: Ist der Berufsstand des Psychologen denn grundsätzlich witzig?

Ulmen: Ja klar. Wenn ein Psychologe nicht mehr in der Lage ist, das Leben einfach zu leben, das Private einfach stattfinden zu lassen, ohne dass er es permanent analysieren muss, dann ist das komisch. Weil er sein Gegenüber damit natürlich wahnsinnig nervt. Auch weil man sich dann so gescannt vorkommt. Als läge man permanent auf dem Röntgenapparat. So ein Mensch hat auf jeden Fall wahnsinnig komische Elemente.

teleschau: Die Polizisten sind aber auch ungewohnt komisch in dieser Serie ...

Ulmen: Ich glaube, sie sind deshalb komisch, weil man sie durch Max Munzls Augen sieht. So lustig Munzl in seiner Verschrobenheit auf die Polizisten wirkt, so komisch wirken sie in Munzls Augen durch ihren wenig reflektierten Aktionismus. Das Aufeinanderprallen der beiden Perspektiven ist der Kern der Komik in "Dr. Psycho".

teleschau: Sie sind kein ausgebildeter Schauspieler. Trotzdem haben Sie Preise gewonnen und sich als Darsteller großer Rollen in ganz unterschiedlichen Genres etabliert. Spielen Sie immer noch rein aus dem Bauch heraus oder haben Sie sich echte Schauspieltechniken angeeignet?

Ulmen: Einige dieser Techniken lernt man schon als so genannter Moderator. Der Job, mit dem ich beim Fernsehen angefangen habe. Da geht es zum Beispiel darum, gegen die eigene Befindlichkeit zu moderieren. Man muss auch mal gute Laune versprühen, wenn man eigentlich schlecht drauf ist. Trotzdem ist das Schauspielen bei mir immer noch vor allem Intuition.

teleschau: Hinterfragen oder analysieren Sie Ihre Intuition, wenn es darum geht, eine Szene so oder so zu spielen?

Ulmen: Intuition entsteht auch im Kopf. Als Max Munzl stelle ich mir vor, dass ich an einen Ort komme, an dem mich keiner mag. Wo mir meine neuen Kollegen mit sehr viel Skepsis und Abneigung begegnen. Dann lässt du die Intuition mit diesen Vorlagen arbeiten und es kommt so etwas dabei raus. Ich stelle mich bestimmt nicht hin und improvisiere jede Szene aus dem Bauch heraus.

teleschau: Ihre Komik hat sehr viel mit Peinlichkeit zu tun. Bei "Mein neuer Freund" brachten sie andere Menschen in unglaublich peinliche Situationen. Auch als "Dr. Psycho" sind Sie selbst immer wieder in unvorteilhaften Situationen zu sehen. Genießen Sie das, oder sind Ihnen die Situationen auch selbst peinlich - wenn Sie beispielsweise in wenig schmeichelhafter Unterwäsche als Geisel ausgetauscht werden?

Ulmen: Beides trifft zu. Weil es mir selbst peinlich ist, genieße ich es. Ich bin so eine Art Scham-Junkie. Es fasziniert mich, dass Menschen ganz unterschiedliche Situationen als höchst blamabel empfinden. Ich möchte herausfinden: Wo sind die eigenen Schamgrenzen? Wo die von anderen Leuten? Einen peinlichen Moment auszuhalten, tut weh. Insofern ist es vielleicht etwas Masochistisches, wenn man das so gerne macht wie ich. Aber es liegt eine wahnsinnige Kraft in diesen unangenehmen Situationen.

teleschau: Was passiert in Ihnen, wenn Sie sich in eine peinliche Situation begeben. Geht es um die Mutprobe, das Überwinden von Grenzen?

Ulmen: Mutprobe trifft es nicht. Das würde voraussetzen, dass man sich selbst etwas beweisen will. Vielleicht geht es mehr in Richtung Selbstexperiment. Man kann das mit einem bösen Traum vergleichen. Da wacht man auf, und es war alles nur geträumt. Bei mir war alles nur gespielt.

teleschau: Wie sehr belastet Sie es, wenn Sie einen Menschen wie in "Mein neuer Freund" an den Rand des Nervenzusammenbruchs oder zum Weinen bringen?

Ulmen: So merkwürdig es klingt: Es belastet mich gar nicht. Weil ich das nicht bin. Es ist dann die andere Figur da. Wenn Alexander von Eich fiese Sachen raushaut, nehme ich das nicht so richtig wahr, weil ich so tief in Alexander von Eichs Welt stecke. Wenn ich solche Szenen später im Schnitt sehe, ist es mir natürlich auch unangenehm. Ich empfinde Mitleid und all das, was die Zuschauer auch erleben.

teleschau: Haben Sie nie analysiert, warum Sie so sehr vom Peinlichen fasziniert sind?

Ulmen: Nein, ich habe generell wenig Lust, mich selbst zu analysieren. Ich habe einfach dieses Faible. Peinlichkeit enthält für mich einfach die schönsten humoristischen Momente.

teleschau: Sie haben einmal gesagt, es sei ihr Ziel, "den alltagsroutinierten Geist" zu überfordern. Was meinten Sie damit?

Ulmen: Das sagte ich über meine alte MTV-Show, in der wir unterwegs komische Situationen erschaffen haben. Da spielte ich zum Beispiel einen Polizisten, der auf der Straße einfach zu weinen beginnt. Passanten, ganz normale Leute auf dem Weg zur Arbeit, wollten diesen Polizisten trösten. Sie waren in einer normalen Situation, auf dem Weg zur Arbeit, und plötzlich werden sie aus diesem Alltag herausgerissen, weil ein weinender Polizist die eigene Erwartungsroutine durchbricht.

teleschau: Ihre letzte ProSieben-Produktion "Mein neuer Freund" wurde nach nur einer Folge vom Sender abgesetzt. Dann gab es massenhaft Proteste von Ulmen-Fans, das Format wurde wieder ins Programm genommen und entwickelte sich zu einer der meistdiskutierten Kultserien der letzten Jahre. Könnte es bei "Dr. Psycho" auch so kommen?

Ulmen: Vom Kult habe ich jetzt erst mal genug. Es könnte ruhig auch mal 'ne Quote geben. Die beiden Serien sind aber nicht vergleichbar. "Mein neuer Freund" sprach viel jüngere Zuschauer an und funktionierte auch nur für diese Zielgruppe. 14 bis 29 Jahre war damals die anvisierte Klientel. "Dr. Psycho" hingegen ist altersunabhängig, da liegt die Zielgruppe bei 14 bis 49 Jahren. Ich habe keine Angst, dass sich das genauso entwickeln könnte wie bei "Mein neuer Freund."

teleschau: Sie beschäftigen sich hin und wieder auch als Autor mit der Medienszene. Wenn Sie eine Art Mediendiktator wären, was würden Sie in Deutschland zuerst verändern?

Ulmen: Ich würde vielleicht zuerst versuchen, Angst zu nehmen. Angst ist ganz oft der Grund, warum tolle, innovative Serien nicht realisiert werden oder ganz schnell aus dem Programm verschwinden. Vielleicht würde ich den Programmdirektoren sagen: "Okay, ihr dürft euch 800 Flops pro Jahr erlauben und behaltet trotzdem euren Job. Angst vor Jobverlust ist ein schlechter Ratgeber und dennoch leider eines der Motive, aus denen heraus Programmmacher Entscheidungen treffen.

Eric Leimann


"Ich bin ein Fernsehfreund" - mit seiner neuen ProSieben-Serie "Dr. Psycho" will Christian Ulmen dem deutschem TV-Humor auf die Sprünge helfen.
"Ich bin ein Fernsehfreund" - mit seiner neuen ProSieben-Serie "Dr. Psycho" will Christian Ulmen dem deutschem TV-Humor auf die Sprünge helfen. (ProSieben / Kai Schulz)

Ein lebensuntüchtiger Kopfarbeiter unter Polizei-Machos: Psychologe Max Munzl (Christian Ulmen).
Ein lebensuntüchtiger Kopfarbeiter unter Polizei-Machos: Psychologe Max Munzl (Christian Ulmen). (ProSieben / Kai Schulz)

Max Munzl (Christian Ulmen) hat nicht nur Stress auf dem Revier. Auch seine Frau Lena (Annika Kuhl) möchte sich von ihm trennen. Sein einziger Trost ist Hund Freud.
Max Munzl (Christian Ulmen) hat nicht nur Stress auf dem Revier. Auch seine Frau Lena (Annika Kuhl) möchte sich von ihm trennen. Sein einziger Trost ist Hund Freud. (ProSieben / Kai Schulz)

Datum: 11.03.2007

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