Alpha Dog

Alpha Dog - Tödliche Freundschaft

(tsch) Film als Zustandsbeschreibung, als realitätsnaher Zeitspiegel, einmal nicht in Form einer Dokumentation - die es wertfrei und ohne Stellungsnahme des Filmemachers ohnehin nicht wirklich gibt -, sondern als packendes, fiktionalisiertes Jugenddrama. Nicht weniger ist Nick Cassavetes mit seiner aktuellen Arbeit gelungen. Den Judy-Garland-Evergreen "Somewhere over the Rainbow" legt der Sohn des großen John Cassavetes ironisch über den Vorspann, evoziert so Traumfabrik-Erinnerungen und ist doch fest im Hier und Jetzt verankert. Denn sein Anti-Held, der "Alpha Dog", der von Emile Hirsch ("Dogtown Boys") mit nötiger Überheblichkeit und Härte gespielte Drogendealer Johnny Truelove, ist eine der Wirklichkeit entlehnte Figur.

Anzeige

 

Jesse James Hollywood hieß er im richtigen Leben und machte seinem verpflichtenden Namen im Jahr 2000 alle Ehre, als er es als jüngster Krimineller auf der Most-Wanted-Liste des FBI landete. Nach Brasilien geflüchtet, dort gestellt und schließlich ausgeliefert, sitzt er nun in Haft. Wartet, angeklagt wegen Anstiftung zu Entführung und Mord, auf seinen Prozess. Aus juristischen Gründen wurde der Start des Films in den USA mehrfach verschoben, Cassavetes sah sich gezwungen, sein Drehbuch umzuschreiben und musste gewisse Szenen demzufolge auch neu drehen.

Nun, nach der letztjährigen Uraufführung in Sundance, steht das Werk endlich hierzulande auf dem Spielplan, recht unauffällig beworben, trotz zugkräftiger Namen wie Bruce Willis, Sharon Stone, Harry Dean Stanton und vor allem Pop-Idol Justin Timberlake, der sich vorzüglich als (relativer) Good Guy in den Bad-Boy-Trupp einfügt.

Cassavetes entführt im pseudodokumentarischen Stil an die US-Westküste, in die privilegierte Nachbarschaft des San Gabriel Valley. Die Erwachsenen glänzen durch Abwesenheit, die Surfer-Kids hängen am Pool ab, kiffen, hören HipHop und machen sich über die MTV-Rapper lustig - ihrer Meinung nach allesamt Weicheier, die doch in ihren Videos nur Spielzeugwaffen benutzen. Die Wände zieren "Scarface"-Poster und das Gehabe ist machohaft.

Das Wort führt Johnny, der seinem (klein-)kriminellen Vater (Willis) nacheifert, mit Geld um sich wirft und an jedem Arm eine ebenso blonde wie blöde Braut hängen hat. Die Grenze zwischen Rekonstruktion und Richtigkeit verschwimmt ob Robert Fraisses ("Hotel Ruanda") sonnenverbrannter, gleißender Bilder, Aaron Zigmans ("John Q. - Verzweifelte Wut") pulsierendem Score und vor allem dem spürbaren, naturalistischen Spiel des jugendlichen Ensembles.

Aggression, Leere, Permissivität, Langeweile, Perspektivlosigkeit. Die Gewalt entlädt sich, als einer von Johnnys Kurieren, der Hitzkopf Jake (wandelnde Zeitbombe: Ben Foster) seine paar Hundert Dollar Schulden nicht zahlen kann und von seinem Chef gemaßregelt wird. Erzürnt dringt der daraufhin in Johnnys Wohnung ein, verwüstet diese und hinterlässt auch noch einen dicken Kothaufen auf dessen teuren Teppich. Im Gegenzug entführt nun Johnny, um sein Gesicht zu wahren, Jakes 15-jährigen Halbbruder Zack (Anton Yelchin) und droht diesen zu töten, sollte er sein Geld nicht bekommen ...

Es ist eine Spirale der Gewalt, die der Regisseur in der Folge chronologisiert. Zeiten werden eingeblendet, Zeugen als solche kenntlich gemacht, zig Möglichkeiten, das Kidnapping zu beenden, aufgezeigt. Doch Täter und Opfer sind aneinandergekettet, grausam miteinander vertraut und verbunden. Zack ist von Johnny fasziniert, kommt dank ihm sogar zum ersten (Pool-)Sex. Die Gang ersetzt das zerrüttete Elternhaus. Die (Spießer-)Eltern - unter ihnen eine überzeugende Sharon Stone als wütendes Mutter-Tier - verlieren ihre Kinder an die kalifornische Subkultur. Wie Gruppendynamik funktioniert, Nicht-Handeln und Nicht-Einmischen zu Mord führt, das führt der exzellente Beobachter Cassavetes ("Wie ein einziger Tag") erschreckend klar und vor allem differenziert vor Augen. Aktueller kann Kino kaum sein.

Gebhard Hölzl

Credits:
V:Concorde, USA 2006, R: Nick Cassavates, D: Ben Foster, Shawn Hatosy, Sharon Stone u.a.

Laufzeit: 118 Min

Kinostart:
22.03.07


Zack Mazursky (Anton Yelchin) wird entführt und genießt das Leben als Kidnapping-Opfer.
Zack Mazursky (Anton Yelchin) wird entführt und genießt das Leben als Kidnapping-Opfer. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Für Susan (Dominique Swain) ist das Leben eine einzige Party.
Für Susan (Dominique Swain) ist das Leben eine einzige Party. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Frankie (Justin Timberlake) soll Zack umbringen.
Frankie (Justin Timberlake) soll Zack umbringen. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Datum: 18.03.2007

Diskussion: "Alpha Dog"

Um eine Diskussion zu "Alpha Dog" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 182724

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Candy
    Eigentlich dreht sich in "Candy" (2005), der erfolgreich bei der Berlinale 2006 lief, alles nur um Heroin. Heroin und die Liebe. Der australische Theaterregisseur Neil Armfield holte sich Heath Ledger, ...

    Black Snake Moan
    (tsch) Den Titel "Black Snake Moan" gilt es zu lesen wie "Jail House Rock". Doch statt um Rock'n'Roll geht's hier um Blues, um das "Stöhnen der schwarzen Schlange". Wobei Blues nicht nur Musik ist, wie ...

    FR: Angst und Schrecken in Las Vegas
    "Schießt meine Asche mit einer Kanone in die Luft!" Hunter S. Thompson, Journalist, Gesellschaftskritiker und Autor, wünschte sich einen bombigen Abgang, bevor er sich im Februar 2005 erschoss. Die Kanone ...

    SO: Blow
    Nie wurde die Tätigkeit eines Dealers attraktiver dargestellt als in der ersten Hälfte von "Blow" (2001). Viele Freunde, teure Schlitten und die heißeste Garderobe der Filmgeschichte - George Jung, gespielt ...

    DO: Naked Lunch
    Vernunft ist nicht alles. Schon gar nicht bei einem Regisseur wie David Cronenberg. Das filmische Universum des Kanadiers ist ein Labyrinth, in dem sich der Zuschauer ganz schnell verläuft. Wer nach Erklärungen ...

    FR: Wonderland
    "John sah nicht gut aus, John war nicht schlau, John war nicht mutig. Aber John hatte ein Riesending und konnte damit umgehen. Ich rede hier von der Größe eines Unterarms", sagen seine Zeitgenossen über ...


 
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 2760 - task = view - option = com_content - limitstart= 0