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Tele - Wir brauchen nichts

Tele Wir brauchen nichts

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Die Entwicklung, die Tele von Album zu Album nehmen, ist schon bemerkenswert. Was als ausgefuchster Indie-Pop mit Postrock-Kante begann, changierte spätestens mit ihrem Major-Debüt "Wovon sollen wir leben" (2004) zu einem allgemeingültigen, Zielgruppen nicht mehr er- sondern umfassenden, Pop-Kanon. Schon damals spielte die Band geschickt mit musikalischen Epochen, aber auch mit Worten. "Wir brauchen nichts" geht noch einmal ein ganzes Stück weiter. Die Berliner um Francesco Wilking agieren hier nah an der Perfektion, verbinden unbedingte Eingängigkeit mit Referenzliebe und, was die Texte angeht, Klugheit und Witz, Spontaneität und ausgefeilte Reißbrettarbeit.

Dass die Band beim Bundesvision Song Contest nur im Mittelfeld landete, verwundert kaum. Denn ein bisschen Zeit brauchen die Songs, um sich im Kopf, in den Ohren, im Hirn zu verankern, und "Mario" macht da keine Ausnahme, ist aber durchaus eine Ausnahme auf diesem Album: Die meisten Stücke sind ruhiger, weniger fahrig, docken eher am Pop als am Indierock an. Da finden sich Referenzen zum Soul eines Marvin Gaye ebenso wie solche zu den Pet Shop Boys, da wird HipHop angeteastert und Bepop ausprobiert - aber all das findet fast immer in der kompakten Form einer zumindest theoretisch möglichen Single statt. Bedeutet: Tele haben das Händchen für die Melodie - dass Remix-Wizard Erobique "Mario" in seinem Remix (auf der Single und bei iTunes erhältlich) in einen Kontext mit Adult-Radiopop im Phil-Collins-Stil bringt, ist da durchaus pragmatisch zu sehen: Die 80er-Jahre sind schon so etwas wie die stilprägende Dekade bei Tele.

Doch der Pop der Berliner ist natürlich so eine Art 2.0-Variante, die inhaltlich immer eine gewisse Verzweiflung antriggert. "Die letzte Seite heißt 'aus aller Welt' und beschreibt wie alles auseinanderfällt" ist der Schlüsselsatz von "Fieber", an anderer Stelle wird Ähnliches auf die Zwischenmenschlichkeit heruntergerechnet. "Wie müde Planeten" drehen sich da die Menschen, da wird verzweifelt der Liebe hinterhergerannt, die nie funktionieren kann. Der große Gefühlssturm wird schließlich an einer Stadt festgezurrt: "Bye, Bye, Berlin" ist nicht so ein plumpes Hater-Ding, wie es Angelika Express oder zuletzt - na gut, nicht plump, aber etwas wehleidig - Kim Frank generierten: Hier wird vielleicht die Digitale Bohème abgehandelt ("Ich bin alleine hier in einem Raum voller Menschen, die alle wie ich aussehen"), aber ganz sicher die Entwicklung und Veränderung besungen, die Berlin zur einzigen Großstadt dieses Landes macht, und das alles in Form einer wunderbaren, alles umarmenden Über-Ballade. "Ich weiß, ich bin hier um zu lernen, und zwar mehr als nur Öffnungszeiten, Preise und Straßennamen", heißt es hier, und am Ende singen sie alle mit. Geldautomaten, die Vereinigten Staaten, Aldi und Lidl, Sido und Bushido und wohl das gesamte Umfeld. Man wäre halt wahnsinnig gerne dabei.

Tourdaten Tele

14.03., Stuttgart, KUZ Merlin

17.03., München, Orangehouse

18.03., Karlsruhe, Jubez

19.03., Frankfurt, Cookys

21.03., Münster, Gleis 22

22.03., Hamburg, Übel & Gefährlich

23.03., Bremen, Römer

24.03., Hannover, Indiego Glocksee

29.03., Jena, Rosenkeller

30.03., Leipzig, Ilses Erika

31.03., Potsdam, Waschhaus

01.06., Neustrelitz, Immergut Festival

Jochen Overbeck


Datum: 01.03.2007

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Diskussion: "Tele - Wir brauchen nichts"

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