Detlev Buck

Am Set nur der Bucki

Regisseur Detlev Buck

(tsch) Am Set, sagt der Mann mit dem Mittelscheitel, hieß er nur "Bucki". Detlev nennt ihn kaum jemand, sagt Buck, der Regisseur, Autor und Gelegenheitsschauspieler. Überhaupt nicht lang ist es her, dass er das letzte Mal hinter der Kamera stand. Da begeisterte er vor allem die Kritik mit seinem Sozialdrama "Knallhart" über den Kampf der Kulturen unter Jugendlichen im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Nun, bloß knapp ein Jahr später, kommt sein neuer Film in die Kinos, der so gar nicht zu dem brisanten Vorgänger passen möchte: "Hände weg von Mississippi" (Start: 22.03.) ist ein Wohlfühlmärchen im ursprünglichsten Sinne, ein Kinderfilm für die ganze Familie. Bösewichte erkennt man darin auf den ersten Blick, und das restliche Leben besteht aus Sorgenfreiheit, Erdbeernaschen frisch vom Feld und jeder Menge Sonnenschein auf dem Lande. Im Interview spricht Detlev Buck (44) über seine eigenen Erinnerungen von einer Kindheit auf dem Bauernhof, warum Mecklenburg-Vorpommern ein aufstrebendes Filmland sein kann und wie er die Grande Dame der norddeutschen Komödie, Heidi Kabel, dazu brachte, im hohen Alter noch einmal vor die Kamera zu treten.

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teleschau: "Hände weg von Mississippi" ist Ihr erster Kinderfilm. War das nur ein Ausflug oder haben Sie Lust auf mehr bekommen?

Detlev Buck: Die höchste Form des Filmens ist die Flexibilität. Man kann zwar Plan um Plan aufstellen, muss sie aber auch wieder verwerfen können, um einen guten Film zu machen. Wenn ein Stoff auf dich zukommt, dann kann das ein Film für Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Senioren sein. Interessant finde ich auch Geschichten für 14- bis 16-Jährige, also richtige Teenager-Storys. Solch eine war auch "Knallhart", wo es um soziale Brennpunkte in Berlin ging.

teleschau: Nach "Knallhart" entstand "Hände weg von Mississippi" in nur einem Jahr. Wieso so schnell?

Buck: Das Drehbuch war schon längst entwickelt. Ich hatte also einen riesigen Zeitvorteil und konnte gleich richtig loslegen. Ich habe zudem schon oft mit Literatur gearbeitet. Nur gibt es genug Fallen, in die man tappen kann - gerade als Erwachsener, der einen Kinderfilm dreht. Also unterhielt ich mich immer mit den Kindern bei den Dreharbeiten und beim Schnitt, um zu vermeiden, dass ich nur einen Film für mich und nicht für die Kinder mache. Die waren auch sehr wach und haben der Sache viele wichtige Nuancen gegeben.

teleschau: Wie kamen Sie eigentlich auf das mecklenburgische Rögnitz als Ort für Ihren neuen Film?

Buck: Unser Produktionsleiter Martin Rohrbeck hat dort ein Haus. Der pendelt immer zwischen Rögnitz, Berlin und Hamburg hin und her. Das hat sich also ganz pragmatisch ergeben. Der verkauft da Kunst und Käse in so einem Gutshaus. Da hat sich jemand einen echten Traum verwirklicht: ein Haus auf dem Land.

teleschau: Was hat das ehemalige Zonenrandgebiet, was Sie woanders nicht gefunden haben?

Buck: Erst einmal gibt es dort nicht diese typische graue DDR-Plattenbauarchitektur. Daher wäre es in Berlin-Brandenburg sehr schwer gewesen zu drehen. Im Zonenrandgebiet war es ja verboten zu bauen oder auch nur zu verändern. Also blieb die Bausubstanz von weit vor dem Krieg erhalten, teils sogar noch von vor dem Ersten Weltkrieg. In dem Biosphärenreservat am Schaalsee ist die Natur deswegen auch noch sehr unberührt und nur spärlich besiedelt. Durch die weiten Felder kommt sofort eine Art Western-Gefühl auf, was schon im Buch suggeriert wird. Es passte also alles: ein echtes Paradies.

teleschau: Wieso gerade Western?

Buck: Das ist einfach nur ein Gefühl, das ich in Zusammenhang bringe mit schöner Natur, wo Ruhe und Einsamkeit nichts Schlechtes bedeuten müssen. Aber man kann in dem Film auch vieles anderes entdecken: Ich könnte ihn genauso mit Asterix und Obelix vergleichen, wo sich am Ende das ganze Dorf kloppt.

teleschau: Die Gegend ist aber auch bekannt für ihre rekordverdächtigen Verkehrsunfallszahlen. Wie passt das zusammen?

Buck: Das liegt ja auch wieder an der schönen Natur: Da gibt's eben viele Alleen, wo sich schon mal schnell gegenknattern lässt. Aber im Ernst: Viele dort fahren einen ganz schön heißen Reifen. Auch die Oma im Film fährt ja auch eher unkonventionell. Außerdem sehen die das mit dem Alkohol etwas lockerer. Leider sind es meistens Jugendliche, die mit dem NWM am Nummernschild gegen Bäume rasseln.

teleschau: Da sind wir bei der Sozialproblematik, die Sie in Ihrem vorigen Film "Knallhart" aufgegriffen haben.

Buck: Das hat aber in einem Kinderfilm nichts zu suchen. Ich habe all die sozialen Probleme der Region komplett ausgeblendet. Die sind sicherlich überall spürbar, aber ich wollte mit dem Film eine Welt aufbauen, in die sich Kinder verlieben und mit der sie nicht gleich wieder auf den harten Alltag hingewiesen werden, in dem Jugendliche keine Arbeit finden ...

teleschau: ... oder hilflose Menschen niederstechen wie geschehen im mecklenburgischen Tessin.

Buck: In Deutschland neigen wir dazu, immer einen Rundumschlag zu machen und alles thematisieren zu wollen. Es ist aber auch wichtig, dass Filme über eine Region entstehen, die so etwas eben bewusst nicht beleuchten. Sonst könnte man ja auf den Gedanken kommen, dass alle Leute von dort nicht ganz dicht sind. Ich sehe es nicht als Vorwurf, dass Leute sagen, mein Film sei zu sehr idealisiert. Genau das wollte ich.

teleschau: Trotzdem, haben Sie alles nicht etwas zu schön gemalt?

Buck: Ich fühle mich einfach einer Welt verpflichtet, in der Kinder durch einen Film Sicherheit bekommen, einer Welt, die einfach nur schön ist und in der Kinder leben wollen, auch wenn das im realen Leben vielleicht nicht möglich ist. Aber Träume sind zum Träumen da. So soll Kino sein.

teleschau: Wie eng war der Kontakt mit den Einheimischen?

Buck: Na klar, das Interesse an uns und dem Projekt war überwältigend. Der Freund von Martin Rohrbecks Sohn aus dem Dorf spielte sogar eine richtige Rolle. Er musste sich noch gegen seinen Vater durchsetzen, der ihn nicht zum Casting lassen wollte. Andere wurden sogar zu begeisterten Vollzeit-Komparsen. Manche haben uns auf Schritt und Tritt begleitet, wie eine ältere Frau, die mit uns nach Hamburg fuhr und schwärmte, es wäre ihr erstes Mal in einer so großen Stadt. Uns wurde teils auf die verrücktesten Arten geholfen. Zum Beispiel vom Bauern, der die Schlepper zusammengestellt hat für das Konzert am Ende.

teleschau: Dabei werden Hinzugezogene ja manchmal etwas misstrauisch von den Alteingesessenen beäugt.

Buck: Gerade im Osten wird dadurch häufig ein Pseudokonflikt aufgebaut, der gar nicht nötig ist. Das kenne ich auch noch von früher in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Bei uns waren das immer die Hamburger, die wir nicht unter uns haben wollten. Dabei braucht man in einem lebendigen Dorf immer beides: alt und neu, ob aus der Stadt oder sonstwo. Ohne neue Einwohner stirbt ein Dorf ja schnell mal aus, wie das zurzeit auch überall zu sehen ist - nicht nur im Osten. Ich erinnere mich auch noch an den Kinderreichtum auf den Straßen, vor allem sonntags. Aber wenn ich heutzutage durch die Straßen eines Dorfes gehe, dann sehe ich niemanden, denn die Jugend ist schon längst über alle Berge in die Großstadt abgewandert. Und die Alten sind im Altersheim.

teleschau: Sie haben auch Heidi Kabel, mit ihren über 90 Jahren, überzeugen können mitzuspielen. Wie kam es dazu?

Buck: Ich fand es so bewundernswert, dass Martin Rohrbeck seine Mutter mit aufs Land genommen hat, um ihr dort einen schönen Lebensabend in der Natur zu ermöglichen. Sie harkte dort ständig Unkraut und saß auf der Gartenbank in der Sonne. Während des Drehs sind seine Mutter und sein Vater gestorben. Ich wollte einfach dieses schöne Bild im Film haben. Glücklicherweise konnten wir Heidi Mahler überzeugen und konnten ihre Mutter, also Heidi Kabel, im Altersheim besuchen. Sie war sofort begeistert, und letztlich hatten wir Glück, dass auch das Wetter uns an dem betreffenden Drehtag gnädig war. Als wir mit Heidi Kabel drehten, ging ein kleiner Hauch durch unser Leben, eine Art Wehmut, wie schön es früher einmal war. Das ist auch eine wichtige Aufgabe eines Films: Wehmut bei anderen Menschen wachzurufen. Kinder verstehen das natürlich nicht.

teleschau: Inwiefern haben Sie eigene Erinnerungen mit einfließen lassen?

Buck: Ich hatte zwar nicht vor, meine persönlichen Erinnerungen mit dem Film festzuhalten, doch dann passierte es einfach, dass ich die eine oder andere Erfahrung aus meiner Jugend doch noch einbaute. Das Schweinereiten zum Beispiel: Habe ich als Kind alles gemacht. Wenn solch ein Schwein richtig durchdreht, dann hält man sich nicht mal eine Sekunde darauf. Bei den Dreharbeiten haben sich dann auch alle gefragt, was die Szene denn nun sollte, weil sie ja auch durchaus mit Risiken behaftet war: Es war heiß, und die Schweine waren unruhig. Aber am Ende hat's geklappt und trägt zum Charme der Geschichte bei.

teleschau: Sie selbst wuchsen auf dem Bauernhof Ihrer Eltern im holsteinischen Nienwohld im Landkreis Stormarn auf. Wieso ist das bäuerliche Leben auch immer wieder Thema Ihrer Filme?

Buck: Das hat einfach mit dem Landleben an sich zu tun. Wenn einem das in Fleisch und Blut übergegangen ist, kommt das ganz automatisch immer wieder ins Bewusstsein. Die Öffentlichkeit hat ja auch eine Sehnsucht danach. Ich versuche aber meine Stoffe zu wechseln, so oft ich kann. Aber letzten Endes bewege ich mich immer zwischen Baum und Borke. Nur dort fühle ich mich pudelwohl.

teleschau: Also sind Sie ganz der Alte geblieben?

Buck: Ich habe immer noch meinen Querkopf. Meine Birne wird mir auch keiner mehr wegnehmen können. Mein Philosophieprofessor hat mir mal gesagt, dass der Charakter ab dem 16. Lebensjahr nicht mehr veränderbar ist. Damals habe ich ihm nicht geglaubt. Er meinte nur: "Wirst schon sehen!" Heute weiß ich, dass er Recht hatte.

teleschau: Wie eng sind Sie noch mit Ihrer Heimat verbunden?

Buck: Ich schaue regelmäßig bei meinen Eltern vorbei und helfe mit bei den anfallenden Hofarbeiten. Das ist ein schöner Ausgleich zur Filmerei und dem ganzen Herumreisen.

teleschau: Würden Sie als Holsteiner sagen, dass sich der Osten und Westen Deutschlands hier im Norden näher sind als anderswo im Land?

Buck: Das ist historisch gewachsen. Sowohl sprachlich als auch von der Mentalität her sind sich die Mecklenburger und die Schleswig-Holsteiner näher als Ost- und Westdeutsche irgendwo sonst. Nehmen wir den bayerischen Freistaat oder Sachsen, die sich als eigenständige Machtgebilde entwickelt haben. Genauso war Norddeutschland eher eine vergleichbare Einheit. Das geht Jahrhunderte zurück.

teleschau: Im Film zeichnen Sie ein sehr harmonisches Bild. Versuchen Sie, Bullerbü neu auferstehen zu lassen?

Buck: Kinder spüren das sofort, können das aber nicht benennen. Ist ja auch nicht wichtig, weil ich ja keine Hommage an Lasse Hallström drehen wollte. Aber nur mit dieser harmonischen Tradition lässt sich das Thema verfilmen, um diese Gefühle auch heute noch bei Kindern auslösen zu können.

teleschau: Kann so etwas im heutigen Effektkino noch funktionieren?

Buck: All die neuartigen Kinderfilme, und sei es Harry Potter, sind ja nur möchtegern-toll. Wenn meine Tochter einen Film sieht, der tolle Effekte hat, sagt sie meistens, der sei bloß mittelmäßig gewesen. Dann war die Erzählung eben nicht gut. Was aber ein echtes Problem ist: Die Kinder bemerken heutzutage nur noch die großen Kracher. All die schönen Filme, die ihnen vielleicht viel besser gefallen würden, gehen unbemerkt an ihnen vorbei, weil zu wenig Geld für Werbung im Fernsehen und bei McDonalds da war. Kleine Kinder können nun mal noch nicht lesen und bekommen ihre Infos aus der Werbung. Selbst wenn ich 200 Interviews gebe, glaube ich nicht, dass ein Kind auch nur eines davon lesen wird. Eine Woche nach uns startet der neue "Mr. Bean"-Film. Da ist ja klar, was die Kinder sehen wollen. Nur hoffe ich, dass Eltern ihre Kinder überreden, auch noch ein zweites Mal ins Kino zu gehen - und "Mississippi" gucken.

teleschau: Ist der Film eine Art Fördermaßnahme?

Buck: Wenn sich das für Mecklenburg auszahlt, dann finde ich das super. Wir haben zwar nur 15.000 Euro Fördergelder von dort bekommen, aber nur, weil nicht mehr vorhanden war. Vielleicht bewegt der Film etwas. Das Land hat ja nicht nur den Tourismus. Es gibt die großen Häfen, und es ist durchaus möglich, dass überall noch Industrie ansässig wird. Man darf nur nicht ständig lamentieren und alles negativ sehen, sondern muss die positiven Tendenzen nutzen und fröhlich sein. Dann klappt's auch.

teleschau: Wird es eine Premiere in Rögnitz geben?

Buck: Wir werden das in der Nähe machen, also in Schwerin. Wir könnten zwar theoretisch eine mobile Leinwand auf den Rögnitzer Dorfplatz stellen, aber das wäre insgesamt zu teuer. Die Beteiligten aus dem Ort werden wohl die 30 Kilometer in ihre Landeshauptstadt schaffen. Wir helfen ihnen aber dabei.

Leif Kramp


In seinem Film "Hände weg von Mississippi" (Start: 22.03.) übernahm Regisseur Detlev Buck die Rolle eines Dorfpolizisten.
In seinem Film "Hände weg von Mississippi" (Start: 22.03.) übernahm Regisseur Detlev Buck die Rolle eines Dorfpolizisten. (Delphi)

Die drei Freunde Max (Konstantin Kaucher, links), Leo (Karl Alexander Seidel) und Emma (Zoë Charlotte Mannhardt) wollen Pferd Mississippi unbedingt behalten.
Die drei Freunde Max (Konstantin Kaucher, links), Leo (Karl Alexander Seidel) und Emma (Zoë Charlotte Mannhardt) wollen Pferd Mississippi unbedingt behalten. (Delphi)

Albert Gansmann (Christoph Maria Herbst, links) und der Automechaniker Hinnerk (Milan Peschel) wollen so schnell wie möglich den Pferdeschlachter bestellen.
Albert Gansmann (Christoph Maria Herbst, links) und der Automechaniker Hinnerk (Milan Peschel) wollen so schnell wie möglich den Pferdeschlachter bestellen. (Delphi)

Datum: 29.03.2007

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