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Ungleiches Schicksal

Unter Palmen in L.A.

(tsch) Einen besonderen Anlass (Jubiläum oder Gedenktag) gibt es nicht. Trotzdem ist es eine gute Idee, die berühmten Literaturbrüder Thomas und Heinrich Mann in den Mittelpunkt einer Reihe von Literaturverfilmungen und biografischen Dokumentationen zu stellen. So bekannt, bekannt wie eine "Seifenoper", glaubt Filmautor Heribert Krill, sind beide Dichter nun wirklich nicht, vor allem nicht Heinrich Mann. Trotz aller in jüngster Zeit ins Kraut schießenden Dokumentationen. Der 3sat-Schwerpunkt "Die Gebrüder Mann" (Mittwoch, 04., bis Ostermontag, 09.04.) macht also fraglos Sinn. Krill, ehemals Hollywood-Korrespondent für ORF und ZDF, hat in seinem Schwerpunkt-Film "Ungleiches Schicksal. Thomas und Heinrich Mann im kalifornischen Exil" die amerikanischen Jahre der ungleichen und unterschiedlich erfolgreichen deutschen Dichter beleuchtet.

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Gern wird die schöne Geschichte erzählt, wie Thomas und seine Frau Katia bei Heinrich Mann eingeladen waren. Thomas fährt mit dem Auto vor und klingelt - aber niemand macht auf. Thomas ist wütend, weil ihn sein Bruder so viele Kilometer hat fahren lassen und nun nicht zu Hause ist. Kaum sind Katia und Thomas Mann wieder daheim, klingelt das Telefon: Heinrich ist dran und fragt, wo er denn bleibe. "Das ganze Essen geht vor die Hunde." Thomas hatte am falschen Haus geklingelt.

Mann-Kenner Marcel Reich-Ranicki hat eine plausible Erklärung für den Bruderzwist im Hause Mann. "Das Element, das die beiden Brüder miteinander verbunden und voneinander getrennt hat", so Ranicki, "ist, was vorerst niemand ahnte, intimer Natur. Es handelt sich um die Intensität ihrer erotischen Natur. Nur waren Heinrichs Neigungen auf das weibliche, die Neigungen von Thomas auf das männliche Geschlecht gerichtet."

Thomas, der Nobelpreisträger und Autor des Bestsellers "Buddenbrooks", habe, so Ranicki weiter, den erfolgloseren Bruder Heinrich ob seiner Offenheit und Freizügigkeit beneidet. "Schillernde Persönlichkeiten waren sie beide: Thomas, der Bürger und Patrizier, und Heinrich, der unverbesserliche Bohemien und leichtsinnige Artist."

Der 3sat-Schwerpunkt wird mit Krills Film über das kalifornische Exil am 04.04., 21.15 Uhr, eröffnet. Anders als Heinrich Breloer, der noch mit Mitgliedern der Familie Mann reden konnte oder diese in seine erfolgreiche Trilogie "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (Samstag, 07.04., 21.45 Uhr, sowie am 08.04., 21.40 Uhr, und 09.04., 21.50 Uhr) eingeblendet hat, spricht Krill vor allem mit "profunden Kennern der Manns" über die Jahre des amerikanischen Exils. Während Thomas in den USA bestens zurechtkam, gelang seinem Bruder Heinrich nicht der Sprung hinein in die neue Welt. "Er konnte sich in Amerika nicht integrieren und wollte wahrscheinlich auch nicht heimisch werden", sagt Peter-Paul Schneider, der Präsident der Heinrich-Mann-Gesellschaft ist.

Thomas Mann wurde Gastprofessor in Princeton, baute sich ein feines Haus in den Palisades. Heinrich blieb als Filmautor bei Warner Brothers erfolglos, er war fürderhin auf die Hilfe des Bruders angewiesen (die dieser ausgiebig leistete, anders als in der Vergangenheit zuweilen behauptet wurde). Thomas Mann hält Vorträge in Englisch, schreibt seinen großen Roman "Doktor Faustus", und seine Radio-Reden ("Deutsche Hörer!") werden als "Stimme des anderen Deutschlands" allmonatlich über die BBC nach Nazi-Deutschland ausgestrahlt.

Krill fand für seine Dokumentation noch viele der alten Kulissen in L.A. - Art-Déco-Gebäude wie das Rathaus, den Hauptbahnhof, die "Los Angeles Times". Auch die Film-Musik entstammt zum Teil aus jener Zeit. So treffen äußere Palmen-Romantik und die Sonne Süd-Kaliforniens auf das Gefühl der Fremde.

Neuere Dokumentationen und Verfilmungen der Erzählungen von Thomas und Heinrich Mann wechseln bis zum Ostermontag täglich einander ab. Unter den Literaturverfilmungen finden sich "Mario und der Zauberer" (Klaus Maria Brandauer, nach Thomas Mann, 04.04., 22.00 Uhr), "Endstation Harembar" (Rainer Wolffhardt, nach Heinrich Manns Roman "Ein ernstes Leben", 05.04., 22.25 Uhr), "Der Untertan" (Wolfgang Staudte, nach Heinrich Mann, 06.04., 21.00 Uhr), "Die Buddenbooks" (Alfred Weidemann, zwei Teile, am 08. und 09.04., jeweils 16.30 Uhr), "Unordnung und frühes Leid" (Franz Seitz, nach Thomas Mann, am 08.04., 11.25 Uhr), sowie "Der kleine Herr Friedemann" (Peter Vogel, nach Thomas Mann, am 09.04., 11.00 Uhr).

Zu den Dokumentationen zählen neben Krills "Ungleiches Schicksal" und Breloers Doku-Fiction Preziosen wie "Die Schweiz der Familie Mann" (06.04., 22.45 Uhr), die WDR-Rückblende "1949 - Thomas Mann besucht Deutschland" (08.04., 12.45 Uhr), sowie das Katia-Mann-Porträt "Frau Thomas Mann" (09.04., 15.30 Uhr).

Wilfried Geldner


"Ungleiches Schicksal": Cornelius Schnauber, Autor von "Spaziergänge im Hollywood der Emigranten", zeigt die Wohnorte von Thomas und Heinrich Mann in Kalifornien.
"Ungleiches Schicksal": Cornelius Schnauber, Autor von "Spaziergänge im Hollywood der Emigranten", zeigt die Wohnorte von Thomas und Heinrich Mann in Kalifornien. (ZDF / Roland Breitschuh)

Zehn Jahre verbrachten Thomas und Heinrich Mann gemeinsam im kalifornischen Exil.
Zehn Jahre verbrachten Thomas und Heinrich Mann gemeinsam im kalifornischen Exil. (ZDF / Roland Breitschuh)

In den Pacific Palisades in Los Angeles baute sich Thomas Mann nach langen Jahren des Exils ein neues imposantes Heim.
In den Pacific Palisades in Los Angeles baute sich Thomas Mann nach langen Jahren des Exils ein neues imposantes Heim. (ZDF / Roland Breitschuh)

Datum: 04.04.2007

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