Hilary Swank
"Ich war eine Außenseiterin"Schauspielerin Hilary Swank (tsch) Hilary Swank gehört zu den ungewöhnlichen Schönheiten Hollywoods. Und das liegt nicht allein an ihrer burschikosen Ausstrahlung, sondern vor allem an ihren Rollen, die vielseitiger nicht sein könnten. Zweimal bereits wurde sie dafür mit einem Oscar geehrt. In "Boys Don't Cry" als feminine Jungenfigur und in "Million Dollar Baby" als ehrgeizige Frauenboxerin an der Seite von Clint Eastwood. Die 32-Jährige bescherte einem Millionenpublikum auch in einer Reihe weiterer Filme, darunter "The Black Dahlia", "Insomnia" und in der aufwändigen TV-Produktion "Iron Jawed Angels" der deutschen Regisseurin Katja von Garnier, intensive Filmerlebnisse. Bevor sie es demnächst in dem Horrorthriller "The Reaping - Die Boten der Apokalypse" (Start: 19.04.) mit dunklen Mächten aufnimmt, beweist sie in dem Schuldrama "Freedom Writers" (Start: 05.04.) ihre Wandlungsfähigkeit: als Lehrerin, die sich und ihre Ehe für gefallene Jugendliche aufopfert, die im Los Angeles der 90er-Jahre ums Überleben kämpfen. Zum Interview fegt Hilary Swank mit 30-minütiger Verspätung in das geräumige Hotelzimmer am Brandenburger Tor. Gerade noch hatte sie auf dem Flur "I Love You" ins Handy gehaucht. Als sie sich setzt, strahlt ihr Lächeln immer noch. Anzeige teleschau: Wie geht's, Frau Swank? Hilary Swank: Außerordentlich gut. Ich arbeite zwar heute den ganzen Tag und sehe kaum etwas von Berlin, doch ich kann ich nicht beklagen. Hin und wieder nasche ich einige Erdnuss-Schokoladen-Bonbons. Das Leben ist gut zu mir. teleschau: In Ihrem neuen Film spielt auch der Holocaust eine Rolle: als mahnendes Beispiel für die Rassenkonflikte in den USA. Haben Sie sich schon das Mahnmal gleich um die Ecke anschauen können? Hilary Swank: Das steht nachher noch auf dem Programm, bevor ich zurück in die Staaten fliege. teleschau: Was hat Sie gereizt, einen Film über schwierige Schüler und eine aufopferungsvolle Lehrerin zu drehen? Gibt es davon nicht schon genug? Hilary Swank: Das dachte ich zuerst auch. Ich vermutete, es sei eine ähnliche Geschichte wie "Dangerous Minds", in dem Michelle Pfeiffer die Lehrerin spielte. Doch wurde mir schnell klar, dass "Freedom Writers" viel mehr ist als ein Konfliktfilm über Lehrer-Schüler-Beziehungen. Es geht um die Kraft, die ein einzelner Mensch entwickeln kann, um anderen zu helfen. Die Kinder im Film haben anfangs keinerlei Chance, weil sie von allen aufgegeben wurden - auch von sich selbst. Durch ihre neue Lehrerin finden sie ihr Selbstbewusstsein wieder. Außerdem: Wieso soll man nicht Lehrerfilme drehen, schließlich gibt es doch genug Schulen auf der Welt. Wir werden ja auch Kriegsfilme drehen, solange es Kriege gibt. Oder Romanzen, solange wir noch an die Liebe glauben. teleschau: Nun ist es ein sehr amerikanisch geprägter Film. Welche Relevanz hat die Geschichte für Deutschland? Hilary Swank: Die Bildungssysteme rund um den Globus befinden sich in schlechter Verfassung. Auch Rassismus ist längst nicht ausgerottet, nirgendwo. Ganz im Gegenteil: Ethnische Konflikte sind sogar die Grundlage für die meisten sozialen Probleme in vielen Gesellschaften. Gerade habe ich davon gelesen, dass vor einiger Zeit in Berlin eine Schule geschlossen wurde, weil deutsche, türkische und arabische Schüler nicht zusammen lernten, sondern sich gegenseitig Gewalt antaten. Genau das zeigen wir im Film: Long Beach liegt auch mitten in Deutschland. teleschau: Wie kann man bei diesen Verhältnissen ein guter Lehrer sein, ohne gleichzeitig zum Sozialarbeiter zu werden? Hilary Swank: Bildung und Unterricht finden meiner Meinung nach nicht nur im Klassenraum statt. Nicht die Lehrer sind in die Pflicht zu nehmen, sondern die Eltern. Ich hoffe sehr, dass eine neue Generation von verantwortungsbewussten Eltern heranwächst, die ihre Kinder offener und toleranter erziehen als es zum Teil bisher der Fall ist. Vielleicht schauen ja die ein oder anderen Eltern diesen Film und überdenken ihre Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Man darf nicht alle Verantwortung auf die Lehrer schieben. teleschau: Welche Erfahrungen hatten Sie selbst zu Schulzeiten? Hilary Swank: Die Schule hat mir nur etwas gebracht, als ich wirklich etwas Neues dazulernte und dies jeden Tag an mir feststellte. Als ich lernte zu lesen oder meine ersten Schritte in der Mathematik machte, also vom Kindergarten bis etwa zur fünften Klasse, war mein Verstand merklich gefordert. Später hatte ich arge Probleme. Vor allem, weil ich immer wieder die Schulen und damit auch die Lehrer wechselte. Ich halte es für ganz wichtig, dass ein Lehrer seine Schüler über einen möglichst langen Zeitraum begleitet. teleschau: Wohin flüchteten Sie sich, wenn Sie für sich allein sein wollten? Hilary Swank: Ich steckte meinen Kopf in Bücher oder ging ins Kino. Meine Lieblingsfilme waren "Der Elefantenmensch", "Der Zauberer von Oz" und "E.T. - Der Außerirdische". teleschau: Als Sie schließlich nach Los Angeles gingen, hatten Sie quasi nichts in den Taschen. Wie verloren fühlten Sie sich damals? Hilary Swank: Als Erwachsene hätte ich mir sicherlich Sorgen gemacht, was alles passieren könnte, wenn ich meine restlichen 75 Dollar ausgegeben hätte oder wenn meine Mutter und ich keine Wohnung finden würden. Doch ich war mit 15 Jahren noch recht jung und steckte voller Tatendrang. Für mich war das wie ein großes Abenteuer. Ich lebte also förmlich den klassischen Traum: Toll - endlich in Los Angeles, um das zu werden, was ich wollte. teleschau: Gerade mit solchen Erwartungen sind Enttäuschungen manchmal vorprogrammiert. Hilary Swank: Ich lernte schnell, dass ich aufpassen musste, wie mich Fremde behandelten. Mit 16 Jahren wird eine Schauspielerin schnell in die eine oder andere Schublade gesteckt, es wird von langer Hand bestimmt, wer du bist und was du kannst und was du sollst. Ich musste versuchen, die Distanz zwischen mir und dem Filmgeschäft aufrechtzuerhalten, um nicht unter die Räder zu geraten. Wenn man seine Identität durch andere bestimmen lässt, ist das nicht gesund. teleschau: Haben Sie etwas vom gewalttätigen Moloch erlebt, der Los Angeles in dieser Zeit war? Swank: Als 1992 die Rassenunruhen Teile der Stadt in Flammen aufgehen ließen, war ich gerade erst 17 Jahre alt. Ich nahm das alles also wahr, hörte davon und sah später die Auswirkungen. Doch glücklicherweise wurde ich selbst nicht in die Ausschreitungen hineingezogen und blieb unversehrt. Doch obwohl ich es von einem anderen Stadtteil aus beobachtete, hat es mich zutiefst verstört. teleschau: Viel scheint sich in L.A. nicht verändert zu haben: Einer der Nebendarsteller Ihres neuen Films soll nach den Dreharbeiten erschossen worden sein. Hilary Swank: Ja, das geschah nach einer Party, bei der ihm sein Skateboard-Lehrer eine Halskette geschenkt hatte. Das weckte den Neid eines anderen Jungen, der ihn zwingen wollte, ihm die Kette auszuhändigen. Doch er weigerte sich und geriet später in einen Kampf auf einem Parkplatz in der Nähe. Plötzlich zog der andere eine Pistole und erschoss ihn. Und das wegen einer schnöden Halskette! teleschau: Wer hat an Sie geglaubt, als Sie noch ein orientierungsloses Kind waren? Hilary Swank: In erster Linie meine Mutter, ohne jeden Zweifel. Bis zum heutigen Tage ist sie mein größter Fan. Sie spornte mich immer aufs Neue an. Ich sehe das als das größte Geschenk meines Lebens. teleschau: In welcher Form mussten Sie sich durchsetzen im Leben? Hilary Swank: Ich habe meinen Job nie als Wettkampf gesehen. Natürlich gibt es Rollen, die ich glücklicherweise übernehmen kann, und andere, die leider nicht in meinen Zeitplan passen. So einfach ist die Welt. Es gibt genug für jeden. Vor allem, wenn man sich selbst ausreichend anstrengt, um seine Ziele zu verwirklichen. teleschau: Haben Sie Ihre Karriere als schwierig empfunden? Swank: Das Leben ist für niemanden ein Kinderspiel. Man kann sich entweder für die Opferrolle entscheiden oder sich dazu aufraffen, das Ruder in die Hand zu nehmen. Wirkliches Glück bedeutet, wenn man die Chancen, die sich einem bieten, mit harter Arbeit kombiniert. Meine Mutter treibt mich auch heute noch dazu an, mich anzustrengen. Nichts komme von alleine, sagt sie immer. Vielleicht glaube ich deswegen daran, dass ich mein Schicksal in der eigenen Hand habe. Wenn ich mit einem Vorhaben scheitere, zeichnet sich schon ein anderes am Horizont ab. Man kann das als absurd optimistisch abtun, aber für mich funktioniert diese Philosophie. teleschau: Sie haben Annette Bening gleich zweimal bei der Oscarverleihung übertrumpft. Denken Sie, Ihre Kollegin denkt ähnlich entspannt über den Konkurrenzkampf in Hollywood? Hilary Swank: Annette ist ein Fan meiner Arbeit, und ich bin ein Fan ihrer Filme. Sie hat mich immer unterstützt. Es mag ungewöhnlich klingen, aber es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren. Natürlich kann ich das leicht mal eben sagen, schließlich habe ich zwei Oscars bekommen. Doch bin ich nicht Schauspielerin geworden, weil ich Trophäen sammeln wollte. Ich wollte an dieser Welt teilhaben, in der man sich verwandeln und Geschichten erzählen kann. Ich hoffte, damit mein eigenes Leben besser verstehen zu können. teleschau: Fühlen Sie sich denn gar nicht geehrt? Hilary Swank: Verstehen Sie mich nicht falsch: Eine Auszeichnung wie der Oscar ist eine schöne Randerscheinung meiner Arbeit. Ich bin ungemein dankbar dafür. teleschau: Kann eine Ehrung wie diese den Charakter verderben? Hilary Swank: Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Als ich mit 25 Jahren meinen ersten Oscar für "Boys Don't Cry" bekam, tauchten auf einmal Menschen aus dem Nichts auf, die ganz lieb zu mir waren und sich als gute Freunde verdient machen wollten. Das waren Leute, die ich entweder schon mal flüchtig gekannt habe oder an die ich mich überhaupt nicht erinnern konnte. Das dauerte genau ein Jahr, bis jemand anderes einen Oscar gewann. Da verschwanden alle wieder im Unterholz. Diese Erfahrung hat mir deutlich vor Augen geführt, dass ich mich lieber auf Menschen verlasse, denen ich glaubhaft wichtig bin. Leif Kramp |
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