Gerard Butler

Die Faszination ungezügelter Männlichkeit

Schauspieler Gerard Butler

(tsch) Gerard Butler aus dem schottischen Glasgow war schon in vielen Filmen zu sehen, in denen er starke Männercharaktere verkörpern durfte. In dem feurigen Actionstreifen "Die Herrschaft des Feuers" und dem Zeitreise-Thriller "Timeline" spielte er noch die zweite Geige. Doch schon in der opulenten Musicalverfilmung "Das Phantom der Oper" wurde er zum Traummann: geheimnisvoll, elegant, anbetungswürdig. Aber Gerry, wie er sich selbst vorstellt, kann auch anders: Mal als Hunnenkönig Attila, mal als mittelalterliches Soldatenidol Beowulf erkundete er klassische Männlichkeitsideale. Nichts kommt aber seinem neuesten Projekt gleich, wenn es um die Ästhetisierung von Mannhaftigkeit geht. In der Comicverfilmung "300" (Start: 05.04.) ist der 37-Jährige als Spartanerkönig Leonidas zu sehen, der mit verschwitzter Muskelkraft Perser um Perser im Kampf um Freiheit und Ehre tötet. Im Interview spricht Butler mit viel Witz über seinen Sex-Appeal, den Reiz echter Männlichkeit und wehrt sich gegen Vorwürfe, der Film würde die historische Wahrheit verfälschen.

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teleschau: Für "300" haben Sie und Ihre Schauspielkollegen sich mehrere Kilogramm Muskelmasse antrainieren müssen. Haben Sie feuchtfröhlich nach all den Mühen den Abschluss der Dreharbeiten gefeiert?

Gerard Butler: Ich selbst trinke nicht. Aber die anderen haben es sich am letzten Abend ganz schön gut gehen lassen. Michael Fassbender war sogar so voll, dass er uns am darauf folgenden finalen Drehtag fast das schöne Bild ruiniert hätte: Wir alle lagen tot auf einem Haufen, und ich musste Michael die ganze Zeit dazu bringen, den Mund zu halten, weil er so betrunken war, dass er nicht still sein konnte. Aber er hatte es sich verdient, wir alle haben hart gearbeitet für den Film.

teleschau: War Ihnen klar, dass sich Millionen Frauen weltweit für Ihre muskulöse Truppe verzehren würden?

Butler: Nein, ich hatte nur im Sinn, dass sich Frauen nach mir und meinem Körper allein verzehren werden. Ich konnte meine Energie nicht dafür verschwenden, über die Ausstrahlung meiner Kollegen nachzudenken. Aber im Ernst: Ich hätte nie gedacht, dass ich für Frauen jemals ein Sexsymbol sein würde. Drehen wir den Spieß mal um: Wenn ich mir Frauen vorstelle, die nur leicht mit Leinen bekleidet wie Amazonen durchs Bild hüpfen, dann kann ich mir vorstellen, dass das Männer anmacht. Aber ich glaube immer noch, dass Frauen nicht so einfach zu erregen sind, sondern sich allenfalls über Darsteller lustig machen, die die Chippendales-Nummer durchziehen. Doch vielleicht liege ich ja auch falsch und Frauen sind gar nicht so tiefsinnig.

teleschau: Was ist Ihrer Ansicht nach der Sinn der Stilisierung des männlichen Körpers im Film?

Butler: Für uns stand die pure Kraft im Vordergrund: Je mehr wir an unseren Muskeln arbeiteten, desto weniger schmerzhaft waren die Dreharbeiten. Aber als König rackerte ich mich natürlich mehr ab als alle anderen. Schließlich wollte ich meine Untergebenen ja inspirieren.

teleschau: Männer müssen nach Muskeln streben ... ein recht simples Erfolgsprinzip.

Butler: Aber genau darum geht es im Film: Man kann das Lebenskonzept der Spartaner kritisieren oder preisen. Was sie machten, trieben sie zur Perfektion. Ihr Streben nach dem Besten in ihnen, ob nun im Schwertkampf oder beim Muskeltraining, vertrieb alle Zweifel in ihnen. Das half auch mir, schließlich ist ein schwaches Selbstbewusstsein bei einem solch körperbetonten Film nicht unbedingt hilfreich. Ich als Schauspieler brauchte eben jene Sicherheit und Ausstrahlung, die Leonidas zum starken König gemacht hat. Der hat nie hinterfragt, was seine Gefolgsleute wirklich über ihn denken ...

teleschau: Hat diese Einstellung auch Ihr Privatleben bereichert?

Butler: Die Erfahrung zeigte mir, dass ich meine Unsicherheiten zwar nicht besser kontrollieren kann als vorher. Aber ich kann verstehen, warum sie auftreten. Ich verstehe jetzt, was mich verunsichert. Jedem Zuschauer steht es offen, etwas für seine eigene Persönlichkeit aus dem Film zu ziehen. Der Weg der persönlichen Erkenntnis muss ja nicht immer gleich aufs Schlachtfeld des Lebens führen, doch ich denke, dass die Philosophie der Spartaner viel bereithält, um sein eigenes Leben zu hinterfragen: ob es um den Job geht oder die eigene Integrität und Courage. So viel Spaß der Film macht, so ernsthaft kann man ihn interpretieren.

teleschau: Hat Ihnen die Reise zu den Wurzeln der Männlichkeit Spaß gemacht?

Butler: Natürlich fühlte ich mich wie ein richtiger Mann. Das war auch der Grund, weshalb ich Rollen wie Attila, Beowulf oder jetzt Leonidas annahm. Indem ich diese in gewisser Weise übermenschlichen Figuren verkörperte, konnte ich sie zurück ins Leben holen, ihnen Menschlichkeit einhauchen. Außerdem hat mich an diesen Charakteren die unverfälschte, ausdrucksstarke Männlichkeit fasziniert - mit all ihrer physischen Kraft und Ästhetik.

teleschau: Besitzen diese Charaktere für Sie also etwas Lehrreiches?

Butler: Und wie: Schon als ich "Beowul & Grendel" drehte, merkte ich, wie wehleidig man sein kann. Das Wetter war furchtbar, es regnete ständig, dazu 16 Stunden Drehzeit pro Tag. Drei Monate sollte das alles dauern. Ich wollte sterben. Doch dann dachte ich darüber nach, dass die Wikinger nur dieses Wetter kannten und dass es ihnen überhaupt nichts ausmachte. Stürme, Frost, mitten auf dem Ozean: Das ist Männlichkeit, die niemand in Frage stellen kann. Dagegen haben wir in unserem Leben mit Problemchen zu kämpfen, die nun wirklich keiner Rede wert sind. Wenn ich also ständig solche Typen spiele, dann färbt deren Mentalität natürlich auch auf mich ab - und ich werde härter im Nehmen. Ich möchte mir meinen Körper und meine Fitness verdienen. Wir können viel von der damaligen Zeit lernen. Und je einfacher wir diese Geschichten erzählen, desto besser kann sie jeder verstehen und auf sein eigenes kompliziertes Leben anwenden.

teleschau: "300" ist eine Verfilmung von Frank Millers Comic. Waren Sie als Kind ein eifriger Comic-Leser?

Butler: Ich hatte ständig irgendeines dieser Heftchen in den Händen, meist schottische Bildergeschichten für Kinder. An der Uni las ich dann "Viz", ein britisches Comic-Magazin. Ich könnte Stunden damit verbringen, Ihnen zu erzählen, was ich dabei alles aufgeschnappt habe. Als ich schließlich den Film "Sin City" sah, der ja wie "300" auch auf dem gleichnamigen Comic von Frank Miller basiert, öffnete sich eine völlig neue Welt für mich.

teleschau: Inwiefern?

Butler: Es geht um die Anerkennung für die stilistische Neuartigkeit einer Kunstrichtung. Ich hatte vorher einfach nicht gewusst, dass die Typen, die Comics verfassen, so tiefgründige, coole, brutale und maskuline Geschichten erschaffen können. Zu lange war ich ein Ignorant, der dachte, Comic-Hefte sind was für Kinder. Naja, irgendwie denke ich das immer noch.

teleschau: "300" können Sie damit aber nicht meinen.

Butler: "300" ist schon aus dem Grund nur etwas für Erwachsene, weil es trotz der Einfachheit der Geschichte sehr viele charakterliche Facetten zu entdecken gibt. Jeder der gezeigten Figuren hat andere Präferenzen und Stärken, die allesamt dem Comic entstammen. Wir hielten uns sehr eng an die Vorlage.

teleschau: Aus dem Iran gab es harsche Kritik an der filmischen Interpretation der historischen Faktenlage. Wie stehen Sie dazu?

Butler: Ich habe gerade gehört, dass es im Iran eine Fernsehserie gibt, in der verbreitet wird, dass Amerikaner die Augen von Kindern stehlen. Das finde ich schon fast wieder komisch. Jede Gesellschaft hat bestimmte Dinge, über die sie sich aufregen kann. Wenn wir darauf hören würden, dann würde überhaupt kein Film mehr gedreht werden. Es gibt so viele Geschichten auf der Welt, und man muss eine Perspektive wählen, um sie zu erzählen. "300" erzählt die großartige Geschichte eines coolen Comics nach, darüber hinaus liefen "Troja" und "Alexander" weltweit in den Kinos. Was ist also das Problem?

teleschau: Dennoch werden die Perser im Laufe des Films nicht gerade als Heilsarmee portraitiert, sondern eher als Kuriositätenparade.

Butler: Seien wir doch ehrlich: Wer hat behauptet, dass Leonides das Richtige getan hat? Niemand. Die Spartaner sind im Grunde genauso gemein wie die Perser, wenn nicht sogar gemeiner. Schließlich wird gleich am Anfang gezeigt, wie die Spartaner ihre schwachen Babys über die Klippen werfen und die anderen mit sieben Jahren in der Wildnis aussetzen, damit sie sich gegen die unbändige Natur durchsetzen. Das war eine buchstäblich kriegerische Gesellschaft. Von den Persern wird all das nicht behauptet. Im Gegenteil: Sie treten zivilisiert auf und bieten den Spartanern an, eine friedliche Lösung zu finden. Am Ende bleibt der Film eine Fantasiegeschichte, die überall hätte angesiedelt werden können.

Leif Kramp

Gerard Butler stellte "300" in Berlin vor.
Gerard Butler stellte "300" in Berlin vor. (2007 Warner Bros. Ent.)
Längst ein Sexsymbol: Gerard Butler gab bei seinem Besuch in Berlin bereitwillig Autogramme.
Längst ein Sexsymbol: Gerard Butler gab bei seinem Besuch in Berlin bereitwillig Autogramme. (2007 Warner Bros. Ent.)
Gerard Butler erinnert sich: "Für uns stand die pure Kraft im Vordergrund: Je mehr wir an unseren Muskeln arbeiteten, desto weniger schmerzhaft waren die Dreharbeiten."
Gerard Butler erinnert sich: "Für uns stand die pure Kraft im Vordergrund: Je mehr wir an unseren Muskeln arbeiteten, desto weniger schmerzhaft waren die Dreharbeiten." (2007 Warner Bros. Ent.)

Datum: 01.04.2007

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