John Travolta
"Die Elemente hautnah spüren"Schauspieler John Travolta (tsch) Und bis zu seinem Lebensende muss er wohl das Tanzbein schwingen: Seit John Travolta in "Saturday Night Fever" (1977) zum Liebling aller Tanzschulen wurde, vergeht kaum ein Jahr, in dem der mittlerweile 53-jährige Hollywoodstar sich nicht in irgendeinem Film im Rhythmus eingängiger Musik bewegen muss. So auch bei "Born To Be Wild" (Kinostart: 19.04.), einer Komödie über vier Herren im mittleren Alter, die noch einmal jugendlichen Leichtsinn erleben wollen und sich mit ihren Harleys auf einen klassischen Road Trip begeben. In einem Dorf im staubigen New Mexico bringt er William H. Macy das Tanzen bei, schließlich möchte der in seiner Rolle als schüchterner Computerfachmann die Liebe seines Lebens erobern. Auch macht John Travolta gerne Motorrad-Ausflüge mit Freunden, wie er erzählt, lieber aber noch mit dem eigenen Flugzeug. Das Interview beginnt überraschend: "Guten Tag", sagt John Travolta. Auf Deutsch. teleschau: Woher haben Sie Ihre Deutschkenntnisse? John Travolta: Ich habe zwei Jahre lang in der Schule Deutsch gelernt. Frau Schwarz hat sehr viel Kraft und Nerven darauf verwandt, mir die deutsche Sprache beizubringen. Ich kann mich noch erinnern, wie sie mich immer ermahnte: 'Johann, setzen Sie sich hin und wiederholen Sie! Nicht so hastig!' teleschau: Und als es Ihnen zu viel wurde, setzten Sie sich aufs Motorrad und flohen? Travolta: Frau Schwarz war ein lieber Mensch, und ich kann mich noch an alles erinnern, was sie mich lehrte. Sie hat in mir das Interesse an Deutschland geweckt. Es ist immer noch ein Traum von mir, auf der Autobahn alle Geschwindigkeitsbeschränkungen hinter mir zu lassen. Mit 240 Sachen über die Straßen zu fegen, ist zwar gefährlich, macht aber verdammt viel Spaß! Meiner Meinung nach haben wir in den USA so viele Unfälle, weil wir keine Freiheit auf den Straßen haben, was die Geschwindigkeit angeht. Ihnen in Deutschland geht es da sicherlich besser, weil sich alle mehr auf den Verkehr konzentrieren. teleschau: Also wichen Sie in die Luft aus, um grenzenlose Freiheit zu finden? Travolta: Meine Flugbegeisterung begann schon im Alter von fünf Jahren. Ich beobachtete Flugzeuge, wie sie hinter den Wolken verschwanden. Besonders hatten es mir immer Riesen-Flugzeuge angetan. Jetzt bin ich in der glücklichen Position, selbst eines zu besitzen. Meine Faszination macht sich an vielem fest: am Design, an den technischen Fähigkeiten, an ihrer Schnelligkeit, und daran, dass ich mir in der Kabine ein völlig neues individuelles Universum einrichten kann, das nichts gemein hat mit irdischen Problemen. Ich kann in meinem Flugzeug sogar schlemmen und schlafen ... teleschau: ... und parken es direkt vor Ihrem Haus. Travolta: Ganz genau! Was will ich mehr? teleschau: Denken Sie denn gar nicht an all die Klima-Probleme, die Ihr Hobby verursacht? Travolta: Das will ich nicht verleugnen. Jeder, der in ein Flugzeug steigt, macht sich schuldig, an der globalen Erwärmung mitzuwirken. Ich nehme mich davon nicht aus. Auch jeder Autofahrer trägt einen Teil dieser Schuld. Es ist ein großes Problem. Aber wir müssen nach Kompromissen suchen: Wir müssen versuchen, mit technologischen Weiterentwicklungen die Umwelt zu schonen, und gleichzeitig Maßnahmen ergreifen, die im Hier und Jetzt greifen. teleschau: Dennoch haben Sie auch eine Sammlung von Motorrädern. Was reizt Sie daran? Travolta: Ich fahre Motorrad, seit ich 18 Jahre alt bin. Seitdem bin ich fast alles schon gefahren: Hondas, Harley Davidsons, BMWs. Es war mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel, als ich anfangs in Hollywood nach Jobs als Schauspieler gesucht habe. Daher war ich quasi der erfahrenste Biker, als wir mit den Dreharbeiten zu "Born To Be Wild" begannen. Trotzdem musste ich noch üben, als es an so manchen Stunt ging. teleschau: Welche Erfahrungen haben Sie in Sachen Road Trips gesammelt? Travolta: Ich bin schon häufig einfach drauflos gefahren in meinem Leben: von Los Angeles nach Palm Springs, nach Santa Barbara, nach Florida. Auch heute noch reise ich mit einer Gruppe von Freunden regelmäßig einmal im Jahr durch die USA, ob nun im Auto, auf dem Motorrad oder per Boot, zum Beispiel auf einem Katamaran. Ich habe auch eine alte Corvette und brenne förmlich, mit ihr die alte Route 66 runterzufahren: (singt) "Get Your Kicks On Route 66". Diesen Song würde ich spielen und einfach fahren, fahren, fahren. Das wäre herrlich. teleschau: Wonach suchen Sie, wenn Sie Ihr Motorrad ausfahren? Travolta: Erstens kann man gar nicht anders als cool auf diesen Maschinen auszusehen. Aber abgesehen von diesem eher oberflächlichen Aspekt gibt es einem ein authentisches Gefühl von Geschwindigkeit, weil man die Elemente buchstäblich hautnah spürt. Es ist abenteuerlich und macht den Körper süchtig danach: die Bewegung, die Geschwindigkeit, der Wind. Daher hat sich in den vergangenen Jahrzehnten um das Motorradfahren auch weltweit ein Kult entwickelt, der bis heute unverändert anhält. Wir hätten den Film auch vor 20 Jahren drehen können. Schließlich ist es sozusagen eine "Easy Rider"-Komödie: Ein paar Kerle fahren mit ihren Maschinen durchs Land und treffen anstatt der Hill-Billies eine Biker-Gang. Die Parallelen sind offensichtlich. teleschau: Der Film handelt vom Phänomen der Midlife-Crisis. Sie selbst sind mittlerweile 53 Jahre alt. Wie gehen Sie mit dem Altern um? Travolta: Ich kann aufrichtig sagen, dass ich keinerlei Symptome einer Midlife-Crisis habe oder hatte. Stattdessen hatte ich einen Denk-Prozess. Als ich 50 Jahre alt wurde, dachte ich Folgendes: Wie viele Sommer bleiben mir? Wie viele Weihnachtsfeste werde ich noch erleben? Und werde ich bei guter Gesundheit bleiben? Das hat mir etwa ein Jahr lang Sorgen gemacht. Doch am Ende sagte ich mir: Es gibt viele Menschen, die nicht so lange wie ich gelebt haben und denen es schlechter geht. Also sollte ich all die Sorgen hinter mir lassen. teleschau: Bereuen Sie etwas? Travolta: Ich bereue nichts. Ich hatte bisher ein wundervolles Leben, eine wundervolle Karriere und habe das erreicht, was ich mir immer erträumt habe: Acht Flugzeug-Lizenzen, zwei Oscar-Nominierungen, eine wunderbare Familie. Ich fange also gar nicht erst damit an, irgendetwas zu bereuen. Ich muss auch nichts reparieren oder hinbiegen, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. teleschau: Nach 30 Jahren im Filmgeschäft gibt es doch sicherlich Filme, die Sie lieber nicht gedreht hätten. Travolta: Dem kann ich nicht zustimmen. Glauben Sie mir: Ich mag meine Karriere lieber als die irgendeines anderen. Ich habe in den vergangenen 30 Jahren einen Präsidenten gespielt, einen Auftragskiller, einen Admiral, einen Anwalt, einen Engel und eine Vielzahl weiterer höchst unterschiedlicher Rollen. Das hätte ich mir nicht erträumen lassen, als ich in Hollywood anfing. Das ist wie griechisches Theater: Niemand spielt ein solches Spektrum an Rollen! Gerade erst habe ich in "Hairspray" (Start: 06.09., d. Red.) sogar eine Frau gespielt. teleschau: Besteht da nicht die Gefahr, dass Ihr Auftreten eher albern wirkt? Travolta: Zuerst wollten sie mich, weil ich singen und tanzen kann. Die Weiblichkeit sollte ein lustiges Gimmick sein, was ich für albern halte. Der Witz, dass ein Mann eine Frau spielt, ist abgestanden und nicht mehr komisch. Ich machte also zur Bedingung, dass ich eine komplette Transformation zur Frau durchmachen sollte. Ich verlangte große Brüste, ein ausladendes Becken und eine schmale Taille - und es funktionierte: Bei Testvorführungen hat niemand der Befragten geglaubt, dass ich in Wahrheit ein Mann bin. Es hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass wir männlichen Schauspieler stets weibliche Verhaltensweisen wachrufen müssen, um überhaupt emotional in der Lage zu sein, andere Charaktere glaubhaft darzustellen. Männer brauchen üblicherweise Wochen, um ihre Gefühle ausdrücken zu können. Sie möchten nicht verletzlich wirken, und ich verstehe das. teleschau: "Saturday Night Fever" und "Pulp Fiction" sind zwei Meilensteine nicht nur der Filmgeschichte, sondern auch der Populärkultur. Waren Sie sich über diese Wirkung vorher im Klaren? Travolta: Natürlich kann man so etwas nicht vorhersehen. Ich habe einige Filme gemacht, die ungewöhnlich waren und deshalb die Kultur beeinflusst haben. Selbst "Born To Be Wild" hat einen Eindruck zumindest auf die amerikanische Kultur hinterlassen: Alle Welt sitzt wieder auf dem Motorrad. Ich suche mir solche Rollen bewusst aus, obwohl ich mich zurücklehnen könnte und Filme wie "Die Tochter des Generals" oder "Face/Off" drehen könnte, nur um Leute zu unterhalten. teleschau: Überrascht es Sie, wenn sich ein Film als kulturelles Phänomen entpuppt? Travolta: Bei "Saturday Night Fever" hat es mich wirklich überrascht. Ich dachte, ich spiele in einer kleinen Low-Budget-Produktion mit, um die kein weiteres Aufheben gemacht wird. Ich rechnete mit höchstens fünf Zuschauern. Aber es wurde zum Spektakel. teleschau: Haben Sie Ihren Kinder Filme wie "Grease" oder "Saturday Night Fever" gezeigt? Travolta: "Grease" ja, aber "Saturday Night Fever" habe ich ihnen vorenthalten. Die Dialoge sind einfach schlecht geschrieben, so schlecht, dass der Film zu den sprachlich falschesten der Kinogeschichte gehört. Heutzutage könnte man einen solchen Film mit dieser Art von Grammatik nicht in die Kinos bringen. Doch die 70er-Jahre waren eine Zeit, die solche Fehler zugelassen hat. teleschau: Was hat sich sonst im Filmgeschäft geändert? Travolta: Es ist schwieriger geworden, Erfolg zu haben. Das ist auch der Grund, wieso ich mich dermaßen für "Born To Be Wild" einsetze. Mittlerweile gibt es nicht nur Film-Hits, sondern auch große Hits, Super- und Mega-Hits. Die Zuschauer haben DVDs und Computer, auf denen sie Filme konsumieren. Sie also von der bequemen Couch zu Hause ins Kino zu locken, ist eine echte Herausforderung. teleschau: Ist es dann eine gute Idee, Ihre Tochter zu ermutigen, selbst eine Schauspielkarriere anzustreben? Travolta: Wenn Sie meine Tochter sehen würden, könnten Sie verstehen, wieso ich es für eine gute Idee halte. Sie hat eine Ausstrahlung wie Brigitte Bardot und Jane Fonda. Sie ist als Schauspielerin extrem begabt. Wir, also meine Frau, meine Tochter und ich, stehen demnächst gemeinsam mit Robin Williams für einen Film vor der Kamera. Unser familiärer Hintergrund ist ja auch stark von der Schauspielerei geprägt. Wir kennen nichts anderes. Alles drehte sich immer um Kino und Theater. Es ist ja auch für eine Athleten-Familie nicht ungewöhnlich, dass die Kinder zu professionellen Sportlern werden. In diese Richtung geht vielleicht auch mein Sohn, der mit der Schauspielerei nicht so viel anfangen kann. teleschau: Wovor haben Sie Angst? Travolta: Vor allem, was ich nicht kenne und über das ich nichts weiß. Da geht es mir wie jedem anderen: Ungewissheit macht unsicher. Deshalb mag ich auch nicht in einem normalen Flugzeug fliegen, es sei denn, ich sitze mit im Cockpit. Jemandem völlig Unbekannten so fundamental zu vertrauen, ist schwer. Ich möchte mit meinen eigenen Augen sehen, wie fähig jemand ist, der Macht über mein Leben hat. teleschau: Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht? Travolta: Ich war einmal selbst in einer kritischen Situation, als ich im November 1992 mit meiner Frau, meiner Tocher und meinem Sohn über Washington, D.C., flog und plötzlich jegliche Elektrizität verlor. Es brauchte viel Courage, um uns alle heil durch ein Loch im Himmel sicher zum Boden zu bringen. Ich dachte, wir müssten sterben. Doch letztlich sind wir sicher gelandet, und ich bin noch heute dankbar dafür. Leif Kramp |
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