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Die Fantastischen Vier

Kein Katechismus!

Band Die Fantastischen Vier

(tsch) Die Wachablösung im deutschen HipHop hat in den letzten drei, vier Jahren so einiges verändert. Die optischen Codes der US-Vorbilder werden 2007 beherzter übernommen - und das bezieht sich eben nicht nur auf die Klamotte, sondern auch auf die Inszenierung eines Lebensstils, in dem die Straftat an sich in all ihren verschiedenen Ausprägungen fast schon zum guten Ton gehört. Und der ist rauer geworden, vor allem zwischen den einzelnen Fraktionen. Die Fantastischen Vier spielen da natürlich nicht mehr mit. Sie haben - das dürfte selbst der größte Nörgler einräumen - den Musikstil HipHop in Deutschland Anfang der 90er-Jahre nicht nur entscheidend geprägt, sondern fast im Alleingang ins allgemeine Interesse gehoben. Als sie "Die da" sangen, merkte auch der Mainstream: Mann, auf Deutsch kann man ja rappen! 15 Jahre später sind sie längst eine der wichtigsten deutschen Popbands. Jetzt erscheint mit "Fornika" ein neues Studioalbum - Grund genug für einen Besuch in Stuttgart, nicht mehr Lebensmittelpunkt, aber immer noch wichtiger Schauplatz des Prinzips Die Fantastischen Vier.

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Genauer: Kornwestheim. Müsste man eine schwäbische Kleinstadt erfinden - so würde sie aussehen. Fachwerkhäuser und Pflasterstraßen schmiegen sich an hübsche Hügel, unten wird ein Wirtshaus ausgewiesen, an der Ecke stehen zwei ältere Damen und unterhalten sich, eine hat ein schwarzes Fahrrad dabei, aus dessen Korb die Einkäufe fürs Abendessen herauslachen. Notiz am Rande: Es gibt offenbar irgendetwas mit Lauch.

Etwa hundert Meter weiter gibt es keinen Lauch, aber Espresso aus einem Vollautomaten und eine für den kleinen Studio-Vorraum eigentlich viel zu große Sofagarnitur. Und nach und nach tröpfeln sie ein, die Fantastischen Vier, um über die "Fornika" zu sprechen. Ein Meisterstück in Sachen Google-Ranking, übrigens: Vor Bekanntgabe des Albumtitels zählte die Suchmaschine bei Eingabe exakt einen Treffer, und der hatte irgendetwas mit einem Scheidungsanwalt zu tun. Aktuell findet sich der Begriff im Internet satte 1.100.000 Mal. Dabei basiert der Albumtitel auf dem Fantasiereichtum von Genosse Zufall: Ein gnadenlos falsch geschriebener Lieferzettel eines Pizza-Services in Stuttgart brachte das Wort zunächst in den Fanta-Vier-Wortschatz und später auf diese Platte. "Wir überlegten lange, was diese Fornika sein könnte", erzählt Smudo. "Etwas, vor dem man Angst haben muss, Paranoia vielleicht", sagt er und fügt an: "Es ist auch wie eine Marke - das neue Fornika for Men. Wir fanden es einfach hübsch mysteriös."

Was auffällt: Es ist wieder eine gewisse Regelmäßigkeit ins Leben der Fantastischen Vier getreten. Vor "Viel" machte die Band lange Zeit Pause. "Wir hatten damals einfach nicht mehr so richtig Bock drauf", sagt Thomas D. Dann merkte man aber doch, dass so eine Ruhephase zu gewissen Problemen führte - zum Beispiel der nicht zu unterschätzenden Tatsache, dass man schlichtweg Fans verliert. Und jetzt hat der Zweck eben die Mittel geheiligt: "Wir waren wieder im F-4-Modus", sagt Andi. "Wir waren ja zwischendurch auf insgesamt vier Touren - wir konnten also sozusagen einfach weitermachen", ergänzt Smudo. Übrigens zog man sich für die Arbeit an "Fornika" auch diesmal wieder an die unterschiedlichsten Orte zurück: Berlin, Stuttgart, die M.A.R.S-Farm von Thomas D. in der Eifel und abermals Vorarlberg - aus den verschiedenen Wohnorten, aus der Individualisierung, die die Band Anfang des Jahrtausends charakterisierte, zieht man mittlerweile jede Menge Vorteile. Egg in Österreich spielte dabei wieder die wohl größte Rolle als Thinktank - und mittlerweile gehören die HipHopper im Dorf quasi zum Inventar, aber auch zum Attraktionsangebot: "Die Kinder aus dem Ort kommen und holen sich Autogramme. Aber denen wird schon auch von den Älteren gesagt: 'Lasst die mal in Ruhe, die müssen arbeiten", sagt Michi und lacht.

Was folgt, sind schier unendliche Diskussionen über die Struktur des örtlichen Einzelhandels, Supermarktverkäuferinnen, Hochzeiten innerhalb der Band, die Fußballweltmeisterschaft und die stark dezimierte Hundeschar von Thomas D. - und alles mündet in dem Fazit, dass man doch eigentlich irgendwie neben den Aufnahmen "nur am Feiern" war. Das Lustige: Man kann sich's halt vorstellen. Denn "Fornika" klingt herrlich unverkrampft und trotzdem ausgetüftelt. Die Arbeit an den Texten brauchte auch ihre Zeit - selten verwarfen die Fantastischen Vier so viele Ideen, ersetzten komplette Strophen und schrieben Songteile neu, was bei Smudo am Ende "zu einer tiefen Sehnsucht nach einem ordentlichen Arbeitsverhältnis, wo man nicht unbedingt nachdenken muss", führte. Er illustriert's mit seiner Lieblingsstelle aus "American Beauty", in der der Protagonist in der Frittenbude schaffen möchte - und dem "I Think You're Overqualified" der Ladenmanagerin entgegensetzt, dass er schlichtweg keine Verantwortung mehr tragen möchte. Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass Michael Beck in der Folge mitteilt, dass das Gefühl, einen guten Text abgeliefert zu haben, "einfach unglaublich geil" sei. Das mit der Verantwortung kann also auch ziemlich gut sein.

Es sei immer schon das Hauptbestreben der Fantastischen Vier gewesen, variabel zu sein, von Platte zu Platte anders zu klingen, sagt Thomas D. "Wir hatten noch nie einen Katechismus, der uns sagte, wie wir zu klingen hätten oder welcher Szene wir folgen mussten. Für uns liegt der Kunstbegriff ganz klar in einer Brechung eventueller Genrecodes oder Spielarten", fügt Smudo an und meint, dass auch "Fornika" diese Saat in sich trüge: "Es mag sein, dass der Unterschied zwischen der 'Viel' und der 'Fornika' zunächst nicht so groß scheint, weil die zeitliche Pause ja eher kurz war - aber es sind mehr Rhymes drin, wir sind auch schneller geworden. Und Sachen wie die Dopplungen bei der Single muss man sich echt aus dem Hirn pressen - das ist ein Anspruch, das ist wahnsinnig schwierig, so was fällt nicht aus dem Himmel." Dass die Band seit mittlerweile zehn Jahren eben nicht mehr über HipHop, Autos oder das eigene Geschlechtsteil rappt, macht's nicht einfacher. Zu oft käme der "Haste schon gehabt"-Flash, zu viel hätte man bereits erzählt. Da bestätigt übrigens ein Großer die Meinung der Fantastischen Vier: Herbert Grönemeyer, der ja für das neue Album einen Refrain einsang, klagte telefonisch ebenfalls bitter und ratlos über eine gewisse Schreibblockade. Dass sein Album trotzdem erschien, trotzdem erfolgreich und auch gut war, dürfte bekannt sein. Kein Grund zur Panik also, liebe Bands.

Die Fantastischen Vier sampeln nicht mehr, kommen ohne Loops aus. "Es ist alles abgesampelt, das gute Zeug ist weg", sagt Thomas. Smudo fügt an: "Es ist einfach toller, etwas selbst aufzunehmen, sich was auszudenken." Und das ist dann wohl auch der Punkt, an dem spätestens deutlich wird, dass die Fantastischen Vier nicht unbedingt HipHop, wohl aber so etwas wie HipHop-infizierten Pop machen: Die Unterschiede zu Sido, Bushido & Co. könnten größer nicht sein, und das ist auch gut so. "Es gibt nicht viel zeitgenössische HipHop-Musik, die mich interessiert", sagt Smudo - "Idlewild" von Outkast fällt ihm nach einer Denkpause als gute Rap-Platte der letzten Jahre ein - und das ist ja letzten Endes auch ein sehr spezielles Album. In den Kanon der Nörgler und Sittenwächter möchte man aber dann doch nicht einstimmen: "Dufte und gut" und im Übrigen in Duktus und Optik durchaus authentisch würde man Sido finden, in jedem Interview darüber reden müsse man trotzdem nicht, meint Thomas. "Die Diskussion über Gewalt und Sexismus, die auf diese Art und Weise in die Gesellschaft getragen wird, ist aber absolut in Ordnung. Interessant, dass so etwas den deutschen HipHop am Leben hält."

Jochen Overbeck


Haben die "Fornika" gefunden: Die Fantastischen Vier.
Haben die "Fornika" gefunden: Die Fantastischen Vier. (Sony BMG)

Variabel bleiben - das ist das höchste Gebot der Fantastischen Vier. Jetzt ist ihr neues Studioalbum "Fornika" erschienen.
Variabel bleiben - das ist das höchste Gebot der Fantastischen Vier. Jetzt ist ihr neues Studioalbum "Fornika" erschienen. (Sony BMG)

Von HipHop-Helden der ersten Stunde zu der wohl wichtigsten Popband Deutschlands: Die Fantastischen Vier.
Von HipHop-Helden der ersten Stunde zu der wohl wichtigsten Popband Deutschlands: Die Fantastischen Vier. (Sony BMG)

Datum: 15.04.2007

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