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Danny Boyle

Kein Sex im Weltraum

(tsch) Danny Boyle ist ein witziger Geselle: Sein Haar ist strubbelig, sein Grinsen breit, seine Mimik frech. Seine Filme sind dementsprechend ungewöhnlich, provokant und grundsätzlich wegweisend. Boyles bekannteste Regiearbeit, die Drogengroteske "Trainspotting" mit dem jungen Ewan McGregor in der Hauptrolle, wurde zum Kultfilm der 90er-Jahre. Einen zweiten Aufreger schuf der mittlerweile 50-jährige Filmemacher mit seinem Zombie-Thriller "28 Days Later". Nun kehrt er mit einer spektakulären Filmreise zur Sonne auf die große Leinwand zurück. In "Sunshine" (Kinostart: 19.04.) schickt er Cillian Murphy in unbekannte Weiten. Im Interview spricht er über die Probleme des Science-Fiction-Films, hinterfragt, wie realistisch ein Flug zur Sonne sein kann und erklärt, wieso ihn Erfahrung zu einem schlechteren Regisseur macht.

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teleschau: Ihr Film sieht aus wie ein visualisierter Drogentrip ...

Danny Boyle: Es gibt großartige Geschichten darüber wie einige "2001 - Odyssee im Weltraum" komplett bekifft angesehen habe. Ich habe "Sunshine" zwar nicht mit dieser Intention gedreht, war mir aber im Klaren, dass es meinem Film ähnlich ergehen könnte.

teleschau: Worum ging es Ihnen vor allem?

Boyle: Mir war es wichtig, ein visuelles Erlebnis zu erschaffen. Gerade die Bilder des letzten Drittels des Films haben eine außerordentlich verstörende wie wunderschöne wie gewalttätige Wirkung. In der letzten halben Stunde wird daher auch kein Wort mehr gesagt. Der Zuschauer soll das Gefühl bekommen, gemeinsam mit der Crew auf dem Raumschiff zu sein - und das ständig. Diese klaustrophobische Atmosphäre hat auch "Alien" ausgezeichnet. Wenn Sie so wollen, haben wir das bei Ridley Scott geklaut.

teleschau: Ihr Hauptdarsteller Cillian Murphy wirbt damit, der Film sei eher Science Faction als Fiction. War das auch Ihr Anspruch?

Boyle: Wir haben versucht, die Geschichte so realistisch wie nur irgend möglich zu erzählen und den Film damit klar von Genre-Filmen wie "Star Wars" oder "Star Trek" zu unterscheiden. Es gibt keine Warp-Geschwindigkeiten, sondern die Mathematik, die hinter einer solchen Langzeitreise durchs All steckt, sollte korrekt und nachvollziehbar sein. Aber natürlich muss es auch bei uns einige starke Abweichungen von den wissenschaftlichen Tatsachen geben, also Lügen, wenn ich ehrlich bin: Niemand bei der NASA oder sonstwo hat auch nur eine Ahnung davon, wie man künstliche Schwerkraft innerhalb eines Raumschiffs herstellen könnte. Zweitens: Die Amerikaner würden ein Raumschiff niemals "Ikarus" nennen, weil der Name der Inbegriff für menschliche Fehler ist. Sie würden sich eher etwas Hoffnungsfrohes ausdenken: "Effort" oder "Endeavor" oder "Spirit".

teleschau: Glauben Sie denn wirklich, dass Raumschiffe so eingerichtet sein werden wie das Ihre?

Boyle: In der echten Raumfahrt würde Farnkraut benutzt werden, weil es der effektivste Sauerstoffproduzent in der Pflanzenwelt ist, abgesehen von Seegras. Wir dekorierten das Set aber mit weitaus mehr Grünzeug, weil es einfach sexy aussehen sollte. Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen Kinoklischees und der Realität: In "2001" essen die Raumfahrer abgepackte Kunstnahrung. In der Wirklichkeit würden Astronauten aber kochen, weil das Ritual, Nahrungsmittel anzubauen, sie zu ernten und zu kochen, von unschätzbarem Wert für die menschliche Psyche ist. Ansonsten würden sie komplett verrückt werden - ein weiteres großes Problem bei Langzeitreisen durchs All.

teleschau: Die Produktion eines Films ist auch eine lange Reise. Wie verrückt sind Sie diesmal geworden?

Boyle: Eine Weile lang wurde ich tatsächlich etwas verrückt. Vielleicht lag es daran, dass ich immer eine sehr gesellige Atmosphäre am Set vorziehe und ständig versuche, Harmonie und gute Laune zu verbreiten. Das war aber diesmal besonders schwierig aufrechtzuerhalten. Nicht ohne Grund drehen Regisseure nur einen Weltall-Film in ihrer Karriere, auch wenn sie ihn in mehrere Filme aufteilen wie George Lucas. Das All macht einen verrückt, auch wenn man sich auf der Erde befindet. Schließlich muss man das Unmögliche schaffen: Der Zuschauer soll glauben, das Treiben auf der Leinwand sei authentisch.

teleschau: Wie authentisch kann es denn sein, zu zeigen, wie jemand der Sonne nahe kommt?

Boyle: Natürlich ist es lächerlich zu glauben, jemand könne die Sonne berühren. Doch das ist am Ende nicht mehr wichtig, solange der Zuschauer von Beginn an in das Geschehen gezogen wird. Alles was am Ende des Films geschieht, lässt sich ohnehin nicht wissenschaftlich voraussagen. Einige sagen, wir würden zerdrückt oder auseinander gezogen werden, wenn wir von der Anziehungskraft der Sonne erfasst würden. Andere glauben, wir würden explodieren. Niemand weiß, was passieren würde, vor allem mit unserem Geist. Wenn man einer solchen Menge Licht ausgesetzt wird, dann wäre man entweder tot, was wohl das Wahrscheinlichste wäre, oder man würde zumindest komplett entstellt werden.

teleschau: Wie nah sind wir solchen Langzeitreisen durchs All?

Boyle: Es werden noch viele Jahre ins Land gehen, bis wir für einen ersten Langzeitflug durchs All die Koffer packen können. Die Experten haben noch große Probleme, was unsere Knochen und Muskeln angeht. Bisher war ein Mensch nicht länger als ein paar Monate im All. Ich glaube, ein russischer Astronaut war fast ein halbes Jahr auf der internationalen Raumstation. Das ist ja noch gar nichts! Bis wir nicht die Schwerkraft nachbilden können, wird eine Reise durchs All wohl ein Traum bleiben. Dabei sind die Wissenschaftler in der Lage, der Sonne mit Satelliten relativ nahe zu kommen. Die Oberflächentemperatur liegt bei etwa nur 6.000 Grad Celsius, ein Wert, den wir auch auf der Erde reproduzieren können. Doch die Radioaktivität würde einen Menschen innerhalb kürzester Zeit töten.

teleschau: Stellt man sich da nicht auch Fragen über die Existenz eines höheren Wesens?

Boyle: Wenn Wissenschaft Gott spielt, und die Atombombe ist eine Auswirkung davon, dann befinden wir uns in großen Problemen. Doch seit der industriellen Revolution haben wir uns dafür entschieden, nur mit Ausnahme der Taliban, an die Allmacht der Wissenschaft zu glauben. Und tatsächlich wären wohl die meisten von uns tot oder gar nicht auf der Welt, wenn es wissenschaftliche Errungenschaften wie das Penicillin nicht gegeben hätte. Wissenschaft wird unser Leben verlängern, nicht unbedingt nur das individuelle, aber das der ganzen Spezies. Wenn man den Gedanken weiterspinnt, ist es nur folgerichtig, dass, wenn die Sonne einmal sterben wird, der Mensch die Erde verlassen wird und den nächstgelegenen Planeten mit einer Sonne besiedeln wird. Oder wir kreieren eine künstliche Sonne, was ja unterm Strich nichts anderes ist als eine nukleare Waffe.

teleschau: In Ihren Film zeigen Sie stets Menschen, die Stresssituationen bewältigen müssen. Wie sehr stehen Sie selbst unter Druck?

Boyle: Ich habe es mir bewahren können, dass ich meine Filme immer noch nach Bauchgefühl auswählen kann und nicht auf die Ratschläge meines Agenten hören muss. Agenten versuchen immer, Strategien zu entwickeln und Erfolgsmaximierung und Positionierung im Markt zu betreiben. Wenn es danach ginge, hätte ich schon längst ein Comicbuch verfilmen müssen. Als ich mich für "28 Days Later" entschied, konnte es mein Agent nicht verstehen, dass ich einen kleinen, schmutzigen Film über Zombies drehen wollte. Wenn ich mich recht erinnere, schmiss er sogar etwas nach mir. Und jetzt kann er es nicht verstehen, wieso ich nicht bei der Fortsetzung Regie geführt habe, weil Teil eins doch ein solcher Erfolg gewesen ist. Aber darum geht es mir nicht. Man kann keinen Erfolg vorhersagen. Also kümmere ich mich nicht darum und verfilme das, was ich mag. Mein voriger Film, "Millions", war klein und auch kein großer Erfolg, und trotzdem bereue ich es nicht, all die Zeit und Mühe dafür investiert zu haben.

teleschau: Wieso arbeiten Sie so häufig mit denselben Personen zusammen, wie zum Beispiel dem Schauspieler Cillian Murphy?

Boyle: Die Schattenseite des Erfolgs ist, dass die Leute einem nicht mehr widersprechen. Dabei liege ich oft falsch mit meinen Ansichten. Ich brauche Widerspruch, um gut zu sein, Inspirationen zu bekommen. Doch wenn ich mit neuen, jungen Schauspielern zusammenarbeite, haben sie meist Angst vor mir. Das kann ich fühlen. Sie sollen aber nicht das machen, was ihnen gesagt wird, sondern sich selbst einbringen. Daher tut es mir gut, wenn ich mit Menschen arbeite, die mich kennen und genau wissen, dass sie mir Paroli bieten können und sollen.

teleschau: Wie haben Sie sich seit "Trainspotting" verändert?

Boyle: Rein technisch gesehen bin ich besser geworden. Ich habe ein größeres Wissen angehäuft, was mich aber nicht zu einem besseren Filmemacher macht. Ich bin davon überzeugt, dass die ersten Filme immer die besten sind, weil man sie in vollständiger Verwirrung dreht. Seitdem jage ich dieser Form von Unschuld und Naivität hinterher und weiß doch, dass ich sie nie wieder erreichen kann. es ist wie ein Fluch. Umso stärker versuche ich Tugenden wie gutes Benehmen am Set durchzusetzen. Manche Regisseure sind bekannt dafür, dass sie andauernd herumschreien. Ich versuche aber alle Mitwirkende mit Respekt zu behandeln, es sei denn, wenn jemand gemobbt wird, was ich überhaupt nicht tolerieren kann.

teleschau: Welches Projekt streben Sie als nächstes an?

Boyle: Ich hoffe, dass ich demnächst in Mumbai ein Drehbuch des Autors von "Ganz oder gar nicht" verfilmen kann. Es geht um die wahre Geschichte eines Jungen aus den Slums, der nicht lesen oder schreiben kann und trotzdem zur Hindi-Version von "Wer wird Millionär?" zugelassen wird und tatsächlich gewinnt. Doch die Polizei und die Senderverantwortlichen unterstellen ihm Betrug und glauben, dass er einer Gang angehört, während der Show versteckte Transmitter unter seiner Haut trug und geheime Signale empfangen hat. Sie foltern ihn und müssen feststellen, dass er die Fragen beantworten konnte, weil er zufällig in seinem Leben Erlebnisse gehabt hat, die ihm zu dem speziellen Wissen verholfen haben. Das klingt zwar trocken, ist aber spannend, schließlich versteckt sich dahinter eine herzerwärmende Liebesgeschichte; denn der ursprüngliche Grund für seine Teilnahme an der Show ist, dass er - genauso wie sein Bruder - in ein und dasselbe Mädchen verliebt ist, das er aus den Augen verloren hat. Er weiß aber, dass sie regelmäßig diese Show schaut. Wir planen, mit den Dreharbeiten nach dem Monsun im Oktober zu beginnen.

teleschau: Wieso fehlt in "Sunshine" das romantische Element?

Boyle: Romanzen scheinen im Weltall nicht zu funktionieren. Die NASA hat das auch schon untersucht und Schweinesperma ins All gebracht, um dort Eizellen zu befruchten. Diese wurden dann zurück zur Erde gebracht und daraufhin untersucht, ob die Befruchtung von der Schwerelosigkeit beeinflusst wurde. Gerade bezüglich Langzeitreisen durchs All ist menschliche Fortpflanzung eine wichtige Frage. Aber im Film klappt es einfach nicht, was ich bisher einfach nicht verstanden habe. Allein "2010", die Fortsetzung von "2001", hat aufrichtig versucht, eine Romanze unter Raumfahrern ernst zu nehmen, und es ist misslungen. Die einzige Erklärung ist, dass das Weltall jedem die Sinne raubt, der es bereist, und dadurch kein einziger Gedanke an den sexuellen Trieb verschwendet wird. Wir hatten ursprünglich eine heiße Sexszene geplant, doch passte sie einfach nicht ins Bild, so leid es mir tut.

Leif Kramp


Der Regisseur Danny Boyle hört auf seinen Bauch und sehnt sich nach Kritik: "Ich brauche Widerspruch, um gut zu sein."
Der Regisseur Danny Boyle hört auf seinen Bauch und sehnt sich nach Kritik: "Ich brauche Widerspruch, um gut zu sein." (2007 Twentieth Century Fox)

Danny Boyle stellte in Deutschland seinen neuen Film "Sunshine" vor.
Danny Boyle stellte in Deutschland seinen neuen Film "Sunshine" vor. (2007 Twentieth Century Fox)

Datum: 16.04.2007

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