David Lynch
"Die Idee sagt dir alles"Regisseur David Lynch (tsch) 60 Jahre ist er, und David Lynch spürt das Alter. Wenn er spricht, dann langsam. Er muss nicht lange nach Worten suchen, dennoch sind seine Antworten von langen Pausen durchbrochen. In den seltenen Momenten, in denen er tatsächliche Interviews gibt und nicht nur überfüllte Pressekonferenzen, braucht er regelmäßig Auszeiten, um zwischendurch zu meditieren. David Lynch ist ein Künstler eines Schlages, der im heutigen Filmbetrieb im Grunde nicht existieren kann. Der Regisseur arbeitet auf eigene Faust, bringt seine Filme zumindest in den USA selbst in die Kinos und nicht mithilfe großer Verleihe. Die Dreharbeiten sind ähnlich mythenumrangt wie die Geschichten, die er erzählt: düster, verstörend und doch immer hoffnungsvoll. "Blue Velvet", "Eraserhead", "The Elephant Man", "Wild At Heart" und selbst die noch junge "Straight Story" sind längst Klassiker der Filmkunstgeschichte. Mit seiner Serie "Twin Peaks" revolutionierte er Ende der 80er-Jahre die Art, mit der Geschichten im Fernsehen erzählt wurden. Doch auch eine lebende Legende muss wirtschaften und Geld verdienen. Das wird auch für David Lynch immer schwieriger. Nun meldet er sich nach langen Jahren wieder auf den Leinwänden zurück - mit einem dreistündigen Epos, das seinesgleichen sucht: verworren, poetisch, erschreckend und vor allem unverständlich. Im Interview berichtet Lynch von "Inland Empire" (Start: 26.04.), erklärt, was hinter seinen teils abstrusen Geschichten steckt, und denkt über Alternativen des Geldverdienens nach. Anzeige teleschau: Sie geben selten Interviews ... David Lynch: ... weil es auf gewisse Weise absurd ist. Das liegt vor allem daran, dass ich über etwas sprechen soll, was nur in der Sprache des Kinos funktioniert. Und die ist nicht in Worte zu fassen. Meiner Überzeugung nach sollte ein Film für sich selbst sprechen. Aber trotzdem gibt es immer noch genügend Geschichten um den Film herum, über die wir sprechen können, ohne den Film selbst zu beschädigen. teleschau: Lassen Sie uns dennoch darüber reden, dass Ihr Film keine Untertitel hat, obwohl über lange Strecken Polnisch gesprochen wird. Lynch: Keine Untertitel? Er wurde Ihnen ohne Untertitel gezeigt? Dann haben Sie ja gar nicht verstanden, was gesagt wurde! Da haben wir ein echtes Problem: Sie haben den Film dann ja gar nicht verstehen können! teleschau: Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Publikum den Film versteht? Lynch: Es ist eine schöne Vorstellung, dass jeder Zuschauer den Film ganz individuell für sich interpretiert. Manche kommen dabei meinen eigenen Deutungen recht nahe, manchmal aber sind sie meilenweit davon entfernt. Wenn ich mir einen Film anschaue, dann kümmert das alles mich nicht, wenn ich mich darin verliere und mir meine eigenen Gedanken dazu machen muss. Ich würde sogar sagen: Je abstrakter, desto besser. Ich denke gerne über eine Geschichte noch lange nach dem Abspann nach. teleschau: Früher haben Sie vergleichsweise einfach erzählte Filme gedreht. Lynch: Es wird sicherlich einige Zuschauer geben, die "Eraserhead" nicht unbedingt als einfach aufgebaute Erzählung bezeichnen würden. Es gab eine Zeit, in der ich mich lieber Abstraktionen zugewandt habe. Doch bin ich dann auch wieder mit der "Straight Story" zu einer narrativen Klarheit zurückgekehrt. Es kommt immer auf die Idee an, die mich ergreift. Ich könnte als nächstes wieder einen sehr klar strukturierten Film drehen. teleschau: Wenn jemand zu Ihnen kommt und verärgert ist, weil er Ihren Film nicht versteht. Was würden Sie antworten? Lynch: Ich würde entgegnen, dass er mehr verstanden hat, als er vielleicht glaubt. Auch wenn die polnischen Sequenzen keine Untertitel hatten. Der Grund, wieso ich davon so überzeugt bin, liegt an meinen Beobachtungen: Wenn jemand aus dem Kino kommt, sich mit seiner Begleitung einen Kaffee bestellt und über den Film gesprochen wird, gibt es höchst unterschiedliche wie kontroverse Meinungen dazu. In solchen Diskussionen kommen all die Elemente zur Sprache, die man andernfalls vielleicht nicht sofort parat hätte. Wir kennen das Phänomen der Intuition: Wir wissen einfach etwas - tief in uns drin. Es kommt ins Spiel, wenn Darstellungen abstrakt werden. Daher sind Abstraktionen auch im Kino so wichtig, auch wenn wir uns gerne von anderen Filmen unterhalten lassen. Es gibt aber Momente, in denen Worte nicht der passende Ausdruck sind. Dann muss der Zuschauer auf sein intuitives Wissen vertrauen. teleschau: Sie versuchen das in Ihrem neuen Film ganz offensichtlich auch mit Klangexperimenten zu verstärken. Lynch: Eine Idee ist von vielerlei Elementen gekennzeichnet: Sie hat ein Aussehen, eine Farbe, Charaktere, Licht und Töne. So bietet allein der Dialog eine ganze Palette an vertonten Variationsmöglichkeiten: Ein Schrei hier, ein Wispern dort. Auch Musik muss haargenau zu der Szene passen. Es dauert manchmal sehr lange, bis ich den richtigen Ton zum Beispiel für eine Tür gefunden habe, die ins Schloss fällt. Eben weil ich eine genaue Vorstellung davon besitze. Meine Arbeit hat viel mit Ausprobieren zu tun: Aber ich weiß einfach, wann ich den richtigen Ton gefunden habe. teleschau: Empfinden Sie in solchen Situationen so etwas wie Stolz? Lynch: Niemals! Das wäre so, als würde der Koch sich selbst auf die Schulter klopfen, weil er einen so leckeren Fisch gezaubert hat. Der Koch macht nicht den Fisch. Er macht auch nicht das Salz, nicht die Gewürze. Der Koch hat Glück, wenn er einen guten Fisch bekommt. Und seine einzige Leistung besteht darin, aus alldem das bestmögliche Abendessen zuzubereiten. teleschau: Ihre Hauptdarstellerin Laura Dern hat trotz ihrer bemerkenswerten Leistung keine Oscar-Nominierung erhalten. Hatten Sie darauf gehofft? Lynch: In den Vereinigten Staaten bringe ich meinen Film selbst und unabhängig von Filmverleihern in die Kinos. Schon die normalen Filmverleiher klagen über die hohen Kosten für die Kampagnen, die im Hinblick auf die nahenden Oscar-Verleihungen durchgeführt werden. All die Anzeigen in "Vanity Fair" kosten ein Vermögen! Die Frage ist nur, ob es tatsächlich das Wahlverhalten für die Oscars beeinflusst, wenn ein Bild von einer Schauspielerin in einer solchen Anzeige in einem Fachblatt zu sehen ist. Ich habe es also anders gemacht, habe mich mit einer Kuh und einem Plakat auf die Straße gestellt und abgewartet, was passiert. Und tatsächlich lief es super. Selbst in Deutschland wurde darüber berichtet. Aber leider half auch diese Aktion nicht dabei, Laura zu einer Oscar-Nominierung zu verhelfen. teleschau: Gibt es persönliche Misserfolge in Ihrer Karriere? Lynch: Filme sind wie Kinder: Man liebt sie alle. Abgesehen von den bösen Kindern - wie "Dune". "Dune" mag ich nicht, weil ich am Ende keine Kontrolle mehr über den Film ausüben konnte. Das schmerzt mich noch heute, gerade weil ich das Filmemachen so liebe. Anfang, Mitte, Ende: Jeder Schritt des gesamten Prozesses hält jede Menge Freude bereit, die immer so lange hält, bis ich den nächsten Schritt machen muss. teleschau: Wie selbstkritisch sind Sie? Lynch: Natürlich versuche ich meiner Ursprungsidee eines Films immer treu zu bleiben. Daher laufe ich auch nicht davon, wenn der Film sich nicht mehr korrekt anfühlt. Es gibt keine Kompromisse. Deshalb dauert es manchmal sehr lange, bis ein Film tatsächlich fertig ist. Schließlich muss alles passen, bis ich mich neuen Aufgaben zuwenden kann. Es bedeutet harte Arbeit, um mit der Ausstattung eines Drehorts der Idee so nah wie möglich zu kommen. Nur Psychopathen wissen auf Anhieb, wie ein solcher Ort aussehen muss. teleschau: Wie wichtig sind Disziplin und Routine bei Ihrer Arbeit? Lynch: Sehr wichtig, weil ich möglichst wenig Dinge um mich haben möchte, die Probleme oder Sorgen verursachen. Wenn ich etwas esse, esse ich es zu einer bestimmten Zeit, um mich in der übrigen Zeit mit anderen Dingen zu befassen. teleschau: Wie füllten Sie früher Ihren Kühlschrank, wenn ein Regieprojekt Sie einmal länger beschäftigte und der Geldfluss ins Stocken geriet? Lynch: Nun, es gibt Projekte zum Geldverdienen. Das ist natürlich eine Horrorvorstellung für uns alle, aber trotzdem soll man auch an solcherlei Arbeit nicht die Freude verlieren. Wenn ich einen Werbeclip drehe, kann ich zum Beispiel Geld verdienen. Das ist nicht schlimm. Außerdem versuche ich gerade, eine Kaffee-Sorte auf den Markt zu bringen, um mir eine neue Geldquelle zu besorgen. Es ist übrigens ein sehr guter Kaffee. teleschau: Ist es nicht schlimm für Sie, sich von Firmen diktieren zu lassen, wie Sie zu arbeiten haben? Lynch: Da gibt es natürlich Unterschiede, doch in Amerika gibt es nur sehr geringen Bewegungsfreiraum. In Europa ist das etwas anders, und immer mehr sind die Produzenten auch offen für Anregung und Kritik. Der Charakter einer Einbahnstraße geht zunehmend verloren. Aber am Ende geht es darum, ein Produkt zu verkaufen. Es hat durchaus seinen Reiz, sich auch mal darüber Gedanken zu machen. teleschau: Ihre Filme füllten schon unzählige filmwissenschaftliche Seminare und Veranstaltungsreihen an Universitäten. Wie sehr beschäftigen Sie sich selbst mit dieser Zuschauergruppe? Lynch: Für manche Studenten sind meine Filme sehr hilfreich, weil ihre Interessen in dieselbe künstlerische Richtung gehen. Ich komme aber eher von der autodidaktischen Lehre: Ich lernte immer dann, wenn ich etwas einfach tat. Mit etwas Hilfe von technischer Seite ist es gar nicht so schwer, einen Film zu drehen. Denn unterm Strich lebt Filmemachen vor allem vom Allgemeinwissen, das man mit persönlichen Ideen anreichert. Die Idee sagt dir alles. Das muss man begreifen. Leif Kramp |
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