(tsch) Kryptisch, düster, schwer verdaulich und keineswegs komisch. Dunkelheit sei bloß die Abwesenheit von etwas, sagt David Lynch, der Star des Programmkinos, im Interview. Ein wenig Humor hätte sein "Inland Empire" aber schon vertragen können. Dennoch ist seine dreistündige Tour de Force durch die Abgründe der Menschlichkeit ein Fundus seiner beliebtesten Stilfragmente: Rote Vorhänge tauchen ebenso gehäuft auf wie bleiche Frauenfratzen, Menschen in überlebensgroßen Tierkostümen und der wirre, angsterfüllte Gang durch dunkle, diffus beleuchtete Gänge in Schwarzweiß-Optik. David Lynch ist wahrlich nicht bekannt für Werke, die leicht zu durchschauen sind. Daher ist es ihm auch nicht vorzuwerfen, dass "Inland Empire" so vielschichtig wie unverständlich ist - genauso wie das Seelenleben der Frau, deren Inneres er zum Thema macht in seinem Psychogramm über eine Schauspielerin, die jegliche Verhältnismäßigkeit zwischen Fiktion und Wirklichkeit verliert.
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Oberflächlich dreht sich die Geschichte, und das schwindelerregend, um Nikki Grace, eine unterkühlt-elegante Frau aus dem Mimenfach, die mit ihrer Besetzung für die Hauptrolle des zukünftigen Blockbusters "One High in Blue Tomorrows" scheinbar das große Los gezogen hat. Ihr Comeback scheint gesichert. Und doch kann sie sich nicht lange daran freuen. Bald muss die Einzigartigkeit des Films in Frage gestellt werden, weil es angeblich bereits ein Remake gegeben hat, das aber nie in die Kinos gekommen ist. Der Titel: "47", ein deutscher sogar, doch mit einer polnischen Geschichte als Hintergrund. Beide Hauptdarsteller waren unter geheimnisvollen Umständen ums Leben gekommen.
Es war David Lynch zweifelsohne eine Freude, diesen erzählerischen Kern seines Films schon zu Beginn mit der Auflösung jeglicher narrativer Struktur zu torpedieren und schließlich auszutauschen mit einem teils wirren, teils kongenial kompilierten Abwechseln von Ort- und Zeitsprüngen ebenso wie mit der Einflechtung immer neuer Charaktere und Beziehungskonstellationen. Die polnische Gruselmär, die im Hintergrund schwebt und wabert wie ein dicker Nebel, der nur Unheil bringen kann, wird zur Metapher für die Chance eines jeden, sein eigenes Ich zu ergründen und die wahre Bestimmung zu finden. Schrecken bedeutet bei Lynch nicht immer Schrecken. Auch das ist mitunter schwer zu verstehen.
"Inland Empire" ist ein filmisches Experiment, das schon im Titel sein kryptisches Wesen offen zu Tage stellt. Bis zum Ende der Dreharbeiten ohne fertiges Drehbuch aufgenommen, wird die Bedeutungsfülle durch die Unmenge an Interpretationsmöglichkeiten keineswegs erschlossen, sondern bloß intuitiv spürbar. Der Film bleibt Flickwerk, auch wenn mit Laura Dern als Protagonistin eine ausgenommen intensive Darstellerin zur Leitfigur wird. Sie spielt ihre Rolle mit einer erschrockenen Verstörtheit, in der sich auch der Zuschauer mit der Zeit immer stärker verheddert: "Ich verstehe nicht wirklich, was ich hier mache", sagt Nicki Grace, da ist die Hälfte des Films beinahe erreicht. Stets untermalt ein dunkles Grollen die Szenerie, Tonbandexperimente, gepaart mit körnigen Bildern und karger Kulisse wechseln sich ab mit realitätsnahen Momenten, die dem Zuschauer nur kurz als Halt dienen können, bis der nächste Looping auf der ideenreichen und doch kaum zusammenhängenden Achterbahnfahrt kommt.
Bietet die Rahmenhandlung der Dreharbeiten im sonnenflirrenden Los Angeles noch ein Erzählgerüst, rinnt das Geschehen dem Betrachter schneller durch die Finger als der feinste Sand. Durch den Entzug jeglichen zeitlichen und verbindenden Bezugspunktes wird es ein Ding der Unmöglichkeit, sich auf die Figuren, ihre Leiden und Daseinsberechtigungen einzulassen. Bald werden sie bloß noch als das wahrgenommen, was sie auf der Leinwand sind: teils stoisch, teils hilflos agierende Komparsen eines größeren Weltenspiels, dessen sinnhafter Zusammenhang sich nur fragmentarisch und buchstäblich schlaglichtartig erfahren, doch nur bedingt zusammensetzen lässt.
Wenn die Frau im Mittelpunkt schließlich auf der Hollywood St. Ecke Vine St. in der Metropole der Schönen und Reichen von einer Unbekannten erstochen wird: Ist das nun Wirklichkeit? Und wenn ja: Welche? Wie passt ein Loch, das in einen Slip gebrannt wird, um in die Zukunft zu schauen, zu neun tanzenden mutmaßlichen Prostituierten, die "Do the Locomotion" singen? Ist "AXX °n N", ein Ausdruck, der im Film mehrmals auftaucht und erst auf Nachfragen vom Meister als Name identifiziert wird, die Formel zur Hölle oder zur Glückseligkeit der Selbsterkenntnis? Und wieso nur muss es bei Lynch stets blonde Frauen geben, die mit aufgerissenem Mund in Richtung Kamera laufen? Horden von Studenten der Filmwissenschaft zumindest können es vermutlich nicht mehr erwarten, bis das groteske und doch im Nachklang originelle, frische Meisterwerk aus den Tiefen der Psyche von David Lynch auf DVD erscheint, um Szene für Szene mit dem Finger auf der Pause-Taste zu sezieren. Es bleibt die durchaus angenehme Gewissheit, dass die fühlbare Qualität eines Films manchmal wichtiger ist, als denselben unbedingt intellektuell und vor allem vollständig durchschauen zu können.
Leif Kramp
Credits: V:Concorde, USA / PL / F 2006, R: David Lynch, D: Jeremy Irons, Laura Dern, Julia Ormond u.a.
Laufzeit: 172 Min.
Kinostart: 26. April 2007
Noch ahnt die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) nicht, dass sie einen sehr dubiosen Job angenommen hat. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)
Regisseur Kingsley Stewart (Jeremy Irons) hat eine genaue Vorstellung, wie das Remake eines Liebesdramas aussehen soll. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)
Im Laufe der Dreharbeiten identifiziert sich Nikki Grace (Laura Dern) mehr und mehr mit ihrer Rolle als Susan Blue. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)