(tsch) Tobey Maguire altert nicht. Sein Haar ist glatt und kurz geschnitten, so uninspiriert und unauffällig, wie es der typische Junge von nebenan tragen würde. Tobey Maguire eignet sich nicht als Draufgänger, er hat vielmehr die Ausstrahlung eines Strebers. Die Karriere des mittlerweile 31-Jährigen, der das Image des Milchbubis nie wirklich ablegen konnte, sicherlich auch weil es ihn zum Großverdiener in Hollywood werden ließ, hätte nicht besser verlaufen können. Seine Entscheidung, neben anspruchsvollen Dramen wie "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder auch "Ride with the Devil" und "Der Eissturm" zum Gesicht einer der erfolgreichsten Comicverfilmungen zu werden, hat sich für den Sohn eines Kochs und einer Sekretärin aus Kalifornien ausgezahlt. Maguire ist ein Schwergewicht in der Schauspielerriege der Traumfabrik geworden. Während er in seinen Rollen meist den naiven Gutmenschen gibt, zeigt er sich im wahren Leben hochprofessionell. Gerade ist er Vater geworden: ein weiterer Grund, sein Privatleben aus den Klatschspalten zu halten. Bei seinem dritten Abenteuer als "Spider-Man" (Start: 01.05.) darf er nun ausnahmsweise auch einmal richtig böse werden. Was ihn daran besonders reizte und wieso er sich entgegen seiner Gewohnheit keinen Café au lait zubereitet, verrät Tobey Maguire im Interview.
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teleschau: Wo ist Ihr Milchkaffee?
Tobey Maguire: Ich trinke keinen Kaffee mehr. Ich habe mittlerweile genug Zeit zum Schlafen und bin deswegen nicht mehr auf Kaffee angewiesen, um mich wachzuhalten. Im Vergleich zu Peter Parker brauche ich nämlich sehr viel Schlaf.
teleschau: Peter Parker ist mittlerweile zu Ihrem Markenzeichen geworden. Sitzen Sie nun in der Schublade des Jungen fest, der erwachsen werden muss?
Maguire: Viele Darsteller haben meistens eine exakte Vorstellung davon, wie alt ihr Charakter ist. Ich aber versuche mich dahingehend nur grob an der Altersmarke 20 zu orientieren. Schließlich wächst Peter mit seinen Aufgaben und gewinnt an Erfahrungen. Es ist also eher ein Prozess des Aufwachsens, der wohl nie zu Ende sein wird. Das geht mir genauso: Ständig lerne ich Neues hinzu und entwickle mich weiter. Ich werde häufig gefragt, warum ich immer die gleiche Art von Coming-of-Age-Geschichten spiele und ob mich das nicht auf Dauer in eine Ecke verfrachtet, aus der ich nicht mehr herauskomme. Diese Frage habe ich nie verstanden, denn schließlich geht es doch in den meisten Filmen darum, dass ein Charakter an Erfahrungen dazugewinnt. Und wenn man ehrlich ist, muss man sich doch auch einmal fragen, ob dann nicht auch Jack Nicholson immer wieder Coming-of-Age-Filme dreht.
teleschau: Sind Sie selbst an den "Spider-Man"-Filmen gewachsen?
Maguire: Definitiv. Ein Teil meiner Erfahrungen rührt natürlich zunächst einmal ganz allein daher, dass ich älter werde. Doch die Zusammenarbeit mit dem Team um Regisseur Sam Raimi, der zu einem wirklichen Partner bei der Erzählung der Geschichten wurde, hat mich sehr weitergebracht. Ich habe einen Einblick bekommen in die Arbeit eines Filmemachers.
teleschau: Ist das auch der Grund, weshalb Sie demnächst als Produzent tätig sein werden?
Maguire: Schon. Ich möchte tiefer einsteigen - nicht nur, was das Verständnis für das Filmemachen angeht. Ich möchte auch Verantwortung übernehmen. Ich liebe Filme und kann als Produzent eng mit Autoren zusammenarbeiten, mit denen ich großartige Charaktere und Geschichten entwickeln kann. So kann ich nicht nur vor der Kamera stehen, sondern am gesamten Prozess teilnehmen. Nur so kann ich lernen.
teleschau: Als Sie zu "Spider-Man" wurden, war das eine durchaus riskante Karriereentscheidung, weil die Geschichte auch hätte floppen können. Doch gleich der erste Teil war weltweit ein riesiger Erfolg. Ärgern Sie sich heute, dass Sie sich damals gleich für drei Teile pauschal verpflichtet haben?
Maguire: Das war tatsächlich riskant. Dass ich gleich für drei Filme unterschrieben habe, hat dem Studio natürlich genug Sicherheit gegeben, mir aber nicht unbedingt einen Vorteil verschafft. Ich bin trotzdem stolz auf die Filme und glaube, dass mich die Verantwortlichen auch für etwaige weitere Teile haben möchten. Entschieden habe ich mich aber noch nicht.
teleschau: Unter welchen Bedingungen wären Sie bereit, wieder ins Spinnenkostüm zu schlüpfen?
Maguire: Zunächst einmal muss ich gefragt werden. Sie haben mir zwar deutlich gemacht, dass sie eine weitere Zusammenarbeit begrüßen würden. Doch spielen für mich verschiedene Faktoren eine Rolle: Das Drehbuch muss mich überzeugen und darf sich nicht darauf beschränken, einfach die Bösewichter auszutauschen. Es muss eine wahrhaftige, ideenreiche Reise für Peter Parker sein, zu der ich Lust hätte. Außerdem geht nichts ohne Sam Raimi. Dann würde ich es vielleicht in Erwägung ziehen.
teleschau: Was war für Sie so neu und erfrischend am aktuellen Abenteuer?
Maguire: Mich reizte vor allem das Thema Vergebung. Außerdem wächst in Peter eine bisher unbekannte dunkle Seite. Er legt ein dunkles Kostüm an, was seine Veränderung klar vor Augen führt. Doch schon am Anfang des Films merkt man, dass er auch ohne geheimnisvollen Einfluss aus dem Weltall seine negativen Charaktereigenschaften auslebt: Er ist arrogant und egozentrisch. Alles dreht sich um ihn, was sich natürlich auch auf seine Beziehung auswirkt. Er verletzt Gefühle und sieht zunächst nicht, dass er sich immer mehr von den Menschen entfernt, die ihm am nächsten stehen.
teleschau: Ist Spider-Man durch seine dunkle Seite erstmals richtig cool?
Maguire: Zumindest er meint, dass er cool ist. Der Teil des Films hat mir besonderen Spaß gemacht. Ich denke auch, dass das Publikum seine Freude daran haben wird, wenn Peter durch die Straßen spaziert und sich wie ein Gockel aufführt.
teleschau: Dennoch wirkt Teil 3 ernster als die beiden Vorgänger. Was ist Ihrer Meinung nach die Grundaussage des Films?
Maguire: Die Welt funktioniert nun einmal nach dem Prinzip, dass sie nicht perfekt ist. Die Menschen verletzen gegenseitig ihre Gefühle, sie können nicht mit- und nicht ohne einander. Doch erst durch eine solch desolate Situation kann man sich vergeben. Das ist leicht gesagt, aber schwer zu realisieren. Der Film lehrt quasi, wie es klappen könnte, wie man also sich selbst und anderen vergeben lernt. Als Vater ist mir dieser Aspekt des Films besonders wichtig, obwohl meine Tochter erst fünfeinhalb Monate alt ist und den Film auf Jahre nicht sehen wird.
teleschau: Haben Sie sich selbst schon einmal vergeben müssen?
Maguire: Ich bin eigentlich im Reinen mit mir selbst und kann mir alles vergeben, was ich vielleicht einmal angestellt haben mag. Natürlich war ich manchmal wie jeder andere auch nicht ehrlich zu mir selbst und habe mich selbst betrogen. Doch das war nie ein großes Spektakel. Das waren Fehler, die passiert sind und die ich verkraftet habe, indem ich einfach nach vorn geschaut habe.
teleschau: Welche negativen Eigenschaften würden in Ihnen an die Oberfläche geraten, wenn Sie das dunkle Spinnenkostüm anlegen würden?
Maguire: Ich kann ganz schön obsessiv sein. Vielleicht würde ich mich in einem solchen Fall ganz engstirnig und ausschließlich auf eine einzige Sache konzentrieren und alles um mich herum vergessen. Doch aggressive Triebe habe ich nicht mehr in mir.
teleschau: Der Film zeigt, was geschieht, wenn man berühmt wird: Man vergisst allzu leicht diejenigen, die man liebt. Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie zum Star wurden?
Maguire: Ruhm an sich ist nicht das Problem, sondern nur die Weise, wie man darauf reagiert. Im Film wird Peter arrogant, snobistisch und will nur noch selbst im Mittelpunkt stehen. Seine Sensibilität ist Vergangenheit, was ihn einerseits für bestimmte Leute attraktiv macht, aber er vernachlässigt eben seine Freundin. Ratschläge braucht er nicht: Er fühlt sich allmächtig. Was mich betrifft, habe ich mich ganz anders entwickelt. Ich begann mit der Schauspielerei schon im Alter von 13 Jahren. Berühmt wurde ich aber erst mit Anfang 20. Das ist jetzt schon knapp zehn Jahre her. Bei mir war es quasi andersherum: Ich war arrogant und wichtigtuerisch, bevor ich berühmt wurde.
teleschau: Aus welchem Grund?
Maguire: Es lag sicherlich daran, dass ich in dem gewissen Alter war. Als Jugendlicher überschätzt man sich ja leicht mal. Wenn ich mit 18 plötzlich prominent geworden wäre, hätte das wahrscheinlich meine Ansicht potenziert, nach der ich mich selbst für großartig hielt. Aber als ich schließlich bekannt wurde, hatte ich längst wieder Boden unter den Füßen und war eher dankbar als stolz für das Interesse, das mir entgegengebracht wurde.
teleschau: Wollten Sie immer schon berühmt werden?
Maguire: Es war zwar nicht mein ausgesprochenes Ziel, ein Star zu werden, doch als Schauspieler ist man notgedrungen daran interessiert, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen, weil das einfach dazugehört, wenn man Rollenangebote bekommen möchte.
teleschau: Werden Sie jetzt häufiger den Fiesling spielen?
Maguire: Es hat mir außerordentlich viel Spaß gemacht, in "The Good German" und "Spider-Man 3" mal nicht der nette Kerl von nebenan zu sein. Auch in "Gottes Werk und Teufels Beitrag" spielte ich nur scheinbar einen Gutmenschen. Lassen Sie es mich so sagen: Ich spiele gerne Menschen, und das in all ihren Facetten. Dazu gehören immer auch die unschönen Charaktereigenschaften.
Leif Kramp
Zum dritten Mal schlüpft Tobey Maguire in die Rolle des Spinnenmanns. (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)
In ihm erwacht die dunkle Seite der Macht: Peter Parker (Tobey Maguire) empfindet als Spider-Man Rachegelüste. (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)
Um die Liebe steht es diesmal eine Weile lang nicht zum Besten. Doch Peter Parker (Tobey Maguire) wird sich zu helfen wissen. (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)