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Doris Dörrie

Kontaktaufnahme mit Karotten

Regisseurin Doris Dörrie

(tsch) Manchmal muss man tausende Kilometer reisen, um erleuchtet zu werden. Doris Dörrie wird dieses Jahr 57 und hat in Kalifornien gelernt, wie man richtig kocht. Als Autorin und Regisseurin hat die gebürtige Hannoveranerin ihrem deutschen Publikum zwar bereits vielseitige Einblicke verschafft in die seelischen Abgründe der modernen Gesellschaft, doch wenn es ums Kochen ging, hielt sie sich meist zurück - schon aufgrund des beruflichen Stresses. Doch lernte sie eher zufällig Edward Brown kennen, einen Koch von pädagogischem Eifer, der wohl jeden erfasst, der ihm zuhört. Nach ihren wegweisenden Spielfilmen "Keiner liebt mich", "Bin ich schön?" und "Der Fischer und seine Frau" bringt Dörrie nun einen Dokumentarfilm in die Kinos, der zeigt, wie man mit einfachen Mitteln glücklich wird, und zwar durch den Magen: "How to Cook Your Life" (Start: 10.05.). Im Interview spricht Doris Dörrie über den Verlust von Küchentraditionen und die Suche nach dem zweiten Leben. Und sie erklärt, warum nicht nur Frauen ihre Liebe zum Kochen neu entdecken sollten.

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teleschau: Frau Dörrie, gehört Essen ins Kino?

Doris Dörrie: In einen Spielfilm gehört das Essen, weil es eine zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Doch muss man sich im Klaren sein, was man sich da aufhalst: Bei "Nackt" drehte sich alles um das Vertilgen von Enten, also mussten die Schauspieler um acht Uhr morgens anfangen, Fleisch zu essen - und hörten bis abends nicht auf damit.

teleschau: Und was halten Sie von der alten Tradition des kulinarischen Erlebnisses für den Zuschauer im Kinosaal?

Doris Dörrie: Da bin ich eher zen-buddhistischer eingestellt und meine, dass man sich auf eine Sache konzentrieren sollte. Also: Erst Film schauen, dann essen. Schon Popcorn finde ich ungeheuer störend - wie alles andere, was man während eines Kinobesuchs so in sich hineinfrisst.

teleschau: Sind Sie Buddhistin?

Doris Dörrie: Ich bemühe mich zumindest darum. Doch was soll das sein, ein Buddhist? Das ist ein Lebenskonzept, keine Glaubensreligion. Es gibt keinen Gottbegriff im Buddhismus. Niemand muss an etwas glauben. Ich bin auch gar nicht aus der Kirche ausgetreten, da gibt es mit dem Christentum keinerlei Überschneidungen.

teleschau: Verändern Sie sich mit Ihren Filmen?

Doris Dörrie: Dieser Film hat wirklich mein Kochverhalten verändert, mein Essverhalten aber nicht unbedingt, weil ich immer schon gerne frische Sachen gegessen habe und ich keinen Zucker mag. Auch mag ich Vollkornbrot lieber als Weißbrot. Vielleicht ist das bei mir genetisch bedingt, oder es lag an meiner Erziehung in der Kindheit. Ich nehme mir heute aber mehr Zeit, für und mit meiner Familie zu kochen. Und das ist eine sehr empfehlenswerte Angelegenheit, weil wir damit auf andere Weise Zeit miteinander verbringen.

teleschau: Was haben Sie heute morgen gefrühstückt?

Doris Dörrie: Gar nichts. Ich muss arbeiten. Filmen ist nicht gesund.

teleschau: Wieso hören Sie dann nicht auf?

Doris Dörrie: Mit der Filmerei verbindet mich auf jeden Fall mehr als Pragmatismus. Dafür ist das auch viel zu anstrengend. Ich weiß nicht, warum ich Geschichten erzählen muss. Ich mache das ja auf vielen Ebenen. Jetzt ist neben dem Film auch ein neuer Roman von mir herausgekommen. "Und was wird aus mir?" heißt er.

teleschau: Wenn einen die alltäglichen Zwänge auf Trab halten und das Luxusgut Zeit einfach nicht da ist, haben Sie einen Tipp, wie man trotzdem gesund kochen und essen kann?

Doris Dörrie: Das ist leider nur von der Frage abhängig, wozu wir uns letztendlich aufraffen wollen. Ich selbst erliege auch manchmal der Versuchung, mich nach einem harten Arbeitstag aufs Sofa fallen zu lassen und die Flimmerkiste anzustellen. Trotzdem sollte man sich aufraffen, um in die Küche zu gehen und dort eine Karotte und Apfelsine zu schneiden und einen Salat zu machen. Das ist eine bewusste Entscheidung, die mich persönlich glücklich gemacht hat. Das spürt auch meine Familie: Alle werden glücklicher, wenn sie gemeinsam kochen und essen. Aber es bleibt ein Bemühen.

teleschau: Schließlich ist die Herausforderung hoch genug, wenn die Familie ein großes Mahl erwartet.

Doris Dörrie: Ich hatte nie den Ehrgeiz, aufwändige Gerichte zu zaubern. Da habe ich meine Familie auch gut erzogen, sodass sie es gar nicht erwartet. Der Druck, immer ein großes Meisterwerk auf den Tisch zu bringen, ist unnötig. Sich zu ernähren, psychisch und physisch, und andere zu ernähren, kann ganz simpel sein und trotzdem sehr delikat.

teleschau: Was raten Sie der wachsenden Zahl an Singles, die, wenn sie für sich selbst kochen, ganz anspruchslos sind?

Doris Dörrie: Das ist eine Frage, die Edward Brown im Film adressiert: Wie viel bin ich mir selbst wert? Bin ich mir nur das billige Schweineschnitzel in der Plastikfolie wert? Oder bin ich es mir wert, dass ich mir was koche? Damit hängt nicht nur das Bewusstsein zusammen, dass ich etwas Gesundes esse, sondern bei der Zubereitung entsteht ganz viel: Wenn man eine Karotte schneidet und wirklich mit allen Sinnen bei der Karotte bleibt und nicht nebenbei noch tausend Sachen erledigt, dann kommt man wirklich in Kontakt, nicht nur mit der Karotte, sondern auch mit sich selbst. Das ist etwas, was uns immer mehr abhanden zu kommen droht, dass wir immer mehr in unsere virtuellen Welten versinken, aber dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren. Die Glotze und das Internet stehlen uns die Zeit.

teleschau: Der Fernsehkonsum steigt und steigt: Liegt das vielleicht an den Kochsendungen?

Doris Dörrie: Ich glaube wirklich, dass der Fernsehkonsum durch mich so angestiegen ist, weil ich mir nach den Dreharbeiten für den Film all diese Sendungen angeschaut habe. Es hat mich brennend interessiert, was da geschieht. Und das ist ja wirklich irre: Auf jedem Kanal wird gekocht rund um die Uhr. Ich habe mich selbst dabei beobachtet, was ich mache, wenn ich Kochshows sehe. Da ist die Versuchung groß, alles in mich reinzufressen, was mir gerade in die Finger kommt, während ich anderen dabei zuschaue, wie sie hoch komplizierte kulinarische Gerichte kochen. Das ist ein verrückter Widerspruch. Kochsendungen sind also eher Entertainment und lenken davon ab, was ich selbst in der Küche alles herstellen könnte.

telechau: Wie schwarz sehen Sie in die Zukunft?

Doris Dörrie: Es dämmert uns zum Glück, dass uns, wenn wir unsere Kochtraditionen aufgeben, wenn wir nicht mehr gemeinsam essen, ein immenser Kulturverlust bevorsteht. Es schwant uns auch, was passiert, wenn wir tatsächlich unseren Boden aufgeben, weil wir alle ja mittlerweile auf die eine oder andere Weise ein Second Life führen. Dass wir uns dadurch unseren Körper verlieren und unsere Anwesenheit in dieser Welt. Weil das Essen so fundamental und zentral für unsere Existenz ist, müssen wir damit besonders vorsichtig sein.

teleschau: Sollte man also sein erstes Leben erst einmal richtig führen, bevor das zweite aufgebaut wird?

Doris Dörrie: Wenn es nicht so wahnsinnig zeitaufwendig wäre, wäre ich schon längst dabei im "Second Life" und hätte meinen eigenen Avatar. Das Phänomen finde ich äußerst interessant. Das Versprechen ist, dass ich auf diese Weise noch einmal anders leben kann: Ich kann jünger sein, ich kann besser aussehen, ich kann einen besseren Job haben, ich kann alles besser machen. Ich habe noch eine Chance. Und ich kann ohne Konflikte kommunizieren, weil ich unter Gleichgesinnten bin: Wenn ich meine 717 Freunde auf Myspace habe, widerspricht mir niemand. Und wenn doch, dann stelle ich den Computer aus. Diese virtuelle Kommunikation der realen vorzuziehen, ist der aktuell zu beobachtende Trend, vor allem bei Jugendlichen: Ich schreibe lieber eine SMS, als dass ich mit jemandem spreche. Das ist eine Art Vereinsamung. Wir sind aber eben menschliche Wesen und suchen uns immer den einfachen Weg. Statt mich in "Second Life" herumzutreiben, lieber eine Karotte zu schälen, ist ein bestimmter Aufwand, den ich treiben muss. Das hat was mit Motivation zu tun.

teleschau: Werden wir alle bald verhungern?

Doris Dörrie: Der Mensch ändert sich kontinuierlich, und ich bin recht optimistisch, dass man einer solchen Negativentwicklung auch etwas entgegenstellen kann. Meine Großmutter hat ihr ganzes Leben in der Küche verbracht, meine Mutter schon nicht mehr so viel Zeit. Ich habe dafür fast überhaupt keine Zeit mehr, und meine Tochter wird vielleicht gar nicht mehr wissen, was eine Küche ist. Innerhalb von 100 Jahren ist diese Tradition fast verschwunden. Doch jetzt haben wir die Chance, dass wir uns stark machen dafür.

teleschau: Sie reden von der weiblichen Seite des Kochens. Inwiefern ist die Geschlechterfrage gerade beim Kochen brisant?

Doris Dörrie: Auf meine Familie trifft das nicht zu. Mein Mann kocht genau so viel wie ich, und wir kochen auch zusammen. Und ich habe einen Patensohn, der wahnsinnig gerne kocht und mit dem ich zusammen Kochkurse besuche. Der kocht auch für mich und seine Familie, und er ist 15 Jahre alt. Das hat sich mittlerweile ganz gut verändert. Nur dass die Spitzenköche alle Männer sind, ist ja klar, schließlich wird man da berühmt.

teleschau: Wieso haben Sie mit dem Film einen Ausflug ins Dokumentarfilmfach unternommen?

Doris Dörrie: Da findet etwas Ähnliches statt wie beim Essen: Wir sehnen uns immer mehr nach dem Echten, also nicht mehr nach dem Fiktiven und kompliziert Hergestellten. Und das scheint eine Sehnsucht zu sein, die Leute in die Kinos treibt. Ein Dokumentarfilm bringt Kontakt mit der Realität.

teleschau: Verraten Sie noch Ihr Lieblingsgericht?

Doris Dörrie: Ich esse alles. Auch in China. Ich bin so neugierig und kann mich nicht zurückhalten, alles zu probieren, was mir unterkommt.

Leif Kramp


Doris Dörrie isst alles. Auch in China.
Doris Dörrie isst alles. Auch in China. (MFA / Arne Höhne Presse)

Zen-Priester Edward Espe Brown erzählt Doris Dörrie aus seinem Leben.
Zen-Priester Edward Espe Brown erzählt Doris Dörrie aus seinem Leben. (MFA / Arne Höhne Presse)

Datum: 06.05.2007

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