logo
Anzeige
How to Cook Your Life

How to Cook Your Life

(tsch) Wer heute noch weiß, was vielerorts auf den Tisch kommt, ist entweder naiv oder Lebensmittelchemiker. Die latente Diskussion um Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe von Lebensmitteln ist nur ein Hinweis auf die zerrüttete Beziehung zwischen Mensch und Nahrung. Wer es sich nicht leistet oder leisten kann, selbst Gemüse anzubauen oder Fleisch zu züchten, dem bleibt nichts außer Vertrauen oder blinde Ignoranz gegenüber einer Industrie, die längst ihre Natürlichkeit weit hinter sich gelassen hat. "Wie man sein Leben kocht" heißt ein neuer Dokumentarfilm, der nach "Super Size Me" und "Fast Food Nation" ausnahmsweise einmal mit einer positiven Grundhaltung versucht, sich dem Thema gesunde Ernährung zu nähern.

Anzeige

 

Doris Dörrie, Deutschlands wohl bekannteste Regisseurin und Schriftstellerin in Personalunion, verheimlicht ihre Begeisterung nicht, zumal sie diese für einen Mann empfindet, der ihr Leben wenn nicht verändert, dann aber doch in die richtige Richtung gestoßen hat. Edward Brown heißt der Magier, der ganz im klassischen Sinne eines Motivationstrainers mit der Spezialdisziplin des Kochens seinen Gegenüber spüren lässt, dass Nahrungsaufnahme nicht gleich Nahrungsaufnahme ist.

Dabei unterscheidet er sich fundamental von allen Tim Mälzers dieser Welt: Event-Köche gibt es wie Sand an kalifornischen Stränden, doch der nimmermüde wie unkonventionelle Überzeugungstäter Brown hat mit seiner Zen-Küche tatsächlich Qualitäten, die ein Fernsehkoch nicht gebrauchen kann. Brown lässt sich Zeit. Und hat bei aller Einfachheit seiner Rezepte stets eine Erklärung parat, wenn es um die Bezüge zum wahren Leben geht. Essen und Politik? Nach dem Film fällt es schwer, solche Begrifflichkeiten trennscharf zu unterscheiden.

Dass alles mit allem und grundsätzlich auch mit der Ernährung zusammenhängt, ist keine Binsenweisheit. Doris Dörrie tritt den Beweis an, indem sie zeigt, wie sehr die amerikanische Essenskultur im buchstäblichen Eimer ist. Wenn sie zeigt, wie sich Obdachlose ernähren müssen, weil sie zwar viel Zeit, aber kein Geld für gesunde Ernährung haben, dann ist das nicht bloß Kritik an Sozialsystemen, sondern verstärkt letztlich auch den Kontrast zu hektischen Geschäftsleuten, die zwar das Geld, aber keine Zeit haben für gesunde Ernährung.

Vieles liegt im Argen, so die Botschaft, und zwar erst recht auch bei uns. Wie eine Oase wirken da die Workshops von Ed Brown, die Dörrie mit bewundernder Agilität durch die Kamera beobachtet. Dass Radieschen und Karotten nicht zu Heilsboten werden, wie in sonst so kritischen Dokumentarfilmen zu vermuten wäre, sondern zu Medien des Ichs, ist der heiteren Regieführung Dörries zu verdanken.

Nicht predigend, sondern neugierig verfolgt die Kamera die an Gesten reichen Anleitungen des Mannes, der die Kochlehre des buddhistischen Zenpriesters Dogen aus dem 13. Jahrhundert entstaubt und für moderne Gemüter praktikabel gemacht hat. Doris Dörrie hat sich bis an den Schneidetisch den Blick bewahrt, mit dem sie offenbar Brown zum ersten Mal begegnet ist, als sie während eines Arbeitsaufenthaltes in Kalifornien in ihrer Mittagpause von seinen Kochkursen hörte. Ihr erster Gedanke: "Was dieser Mann kann, sollen auch andere erleben." Eine Strategie also, wie man sein Leben kocht, und nicht verkocht, gibt es in dem zwanglosen Doku-Spaß mit Mehrwert nur fühlbar. Schließlich muss jeder Zuschauer seinen Lebensumständen gemäß aufhorchen und sich überlegen, wo das Essen auf der täglichen Prioritätsliste steht.

Leif Kramp

Credits:
V:MFA, D 2006, R: Doris Dörrie

Laufzeit: 93 Min.

Kinostart:
10. Mai 2007


Zen-Priester Edward Espe Brown erzählt Doris Dörrie aus seinem Leben.
Zen-Priester Edward Espe Brown erzählt Doris Dörrie aus seinem Leben. (MFA / Arne Höhne Presse)

In seinem Buch "Das Lächeln der Radieschen" beschreibt Edward Espe Brown die Zen-Einflüsse in der Küche.
In seinem Buch "Das Lächeln der Radieschen" beschreibt Edward Espe Brown die Zen-Einflüsse in der Küche. (MFA / Arne Höhne Presse)

Für Filmemacherin Doris Dörrie war die Zusammenarbeit mit Brown ein ganz besonderes Erlebnis.
Für Filmemacherin Doris Dörrie war die Zusammenarbeit mit Brown ein ganz besonderes Erlebnis. (MFA / Arne Höhne Presse)

Datum: 09.05.2007

Facebook aktivieren

Diskussion: "How to Cook Your Life"

Um eine Diskussion zu "How to Cook Your Life" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 184714

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    We feed the world - Essen global
    "Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wurde ermordet!" Ein Satz, der hängenbleibt. Doch Jean Ziegler, langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, weiß seine Worte zu begründen: Laut ...

    Cocaine Cowboys
    Drogen, Schmuggler, Prostitution - Miami war in den 80-ern ein heißes Pflaster. Bill Corbens fiebrige DVD-Premiere "Cocaine Cowboys" (2006) zeigt, dass die Kultserie "Miami Vice" mit all ihren Verbrechen ...

    Der Fischer und seine Frau
    "Mandje, Mandje, Timpe Thee!/ Buttje, Buttje in de See,/ Myne Fru de Isebill / Will nich so, as ik wol will." Die plattdeutsche Version des Märchens vom Fischer und seiner Frau gehört zumindest im Norden ...

    Erleuchtung garantiert
    Doris Dörrie ist ein Japan-Fan. Das ist nicht erst mit ihrem letzten Kinoerfolg "Hanami - Kirschblüten" deutlich geworden. Schon 1999 drehte sie "Erleuchtung garantiert" im Land des Lächelns. Der im Dogma-Stil ...

    Botero - Geboren in Medellin: Porträt des berühmten Malers
    Beim Namen Botero denkt man sofort an dicke Menschen. Der kolumbianische Maler und Bildhauer mag es eben rund: Alles in seinen Bildern sieht wie aufgeblasen aus, selbst die Gegenstände. Diese Kunstwelt ...

    Let's Make Money: Dokumentarfilm über die Finanzkrise
    Seitdem sich jeder Bürger der westlichen Welt von der physischen Form des Geldes verabschiedet hat und nur noch Plastikkarten mit sich herumträgt, ist Geld zu etwas Abstraktem geworden. Was mit unserem ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 2943 - task = view - option = com_content - limitstart= 0