(tsch) Mehr als eine halbe Million Menschen fielen den weltweit grausamsten Massakern der letzten Jahrzehnte zum Opfer. Die Macheten der Hutu machten weder vor Frauen noch vor Kindern und Säuglingen Halt. Und die internationale Gemeinschaft sah weg, verschloss die Augen vor dem Gemetzel. Der Begriff "Völkermord" wurde, so ist in Berichten zu lesen, tunlichst vermieden, denn er hätte ein Eingreifen unumgänglich gemacht. Nun, 13 Jahre nach der menschlichen Tragödie und drei Jahre nach Terry Georges aufwühlendem Dokudrama "Hotel Ruanda", zwingt Regisseur Michael Caton-Jones die Welt, die Augen zu öffnen und genau hinzusehen. Schonungslos, gewaltsam und brutal erinnern die blutigen Bilder des Dramas "Shooting Dogs" (2005) an den Beginn des Genozids in Ruanda.
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Drei Männer versuchen sich all dem in den Weg zu stellen. Der katholische Priester Christopher (für John Hurt ist es nach "Scandal" und "Rob Roy" bereits die dritte Zusammenarbeit mit Caton-Jones) arbeitet seit Jahrzehnten in Afrika und droht inmitten der immer wieder aufkeimenden Gewalt seinen Glauben zu verlieren. Noch voller Optimismus und Ambitionen steckt dagegen der junge Lehrer Joe (Hugh Dancy), der gerade nach Ruanda gekommen ist, um an Christophers Schule in Kigali zu unterrichten. Doch schon bald wird Joes Glaube an eine bessere Zukunft von unvorstellbarem Schrecken erschüttert. Die Hutu beginnen mit dem Völkermord an den Tutsi und all jenen, die die ethnische Minderheit unterstützen.
Die "Ecole Technique Officielle" wird zu einem Zufluchtsort. Neben den Flüchtlingen findet auch eine kleine Überwachungseinheit der UN unter der Leitung des belgischen Soldaten Charles Delon (Dominique Horwitz) ihren Weg in die Schule. Gemeinsam müssen die drei Männer zusehen, wie sich der Terror verbreitet. Auf Hilfe warten sie vergeblich. Die Vereinten Nationen greifen nicht ein, den Soldaten vor Ort ist es lediglich erlaubt, die streunenden Hunde zu erschießen, die sich über die herumliegenden Leichen hermachen - daher auch der Titel "Shooting Dogs".
Die Idee zu dem Projekt stammt von David Belton. Er war als Producer für das BBC-Magazin "News Night" in Ruanda, als der Völkermord begann. Der Film soll möglichst viele Menschen von den Ereignissen in Kenntnis setzen, auch über das Verhalten der anderen Länder: "Alle verließen damals Ruanda, die UN, die NGOs, Journalisten. Ich habe einen guten Job gemacht, aber ich hätte nicht gehen sollen. Mit diesem Film möchte ich einen besseren Job machen", sagte der Produzent.
Michael Caton-Jones' Drama, das für den British Independent Film Award und für den British Academy of Film and Television Arts-Award nominiert wurde, ist ein Zeitdokument, das an Ereignisse erinnert, wie sie sich seit 2004 in ähnlich tragischem Ausmaß in Darfur ereigneten. "Shooting Dogs" ist aber auch eine Anklage und Warnung an die Weltgemeinschaft, an all jene, die 1994 weggesehen haben und es zehn Jahre nach Ruanda schon wieder taten. So nutzen die Macher des Films die Gelegenheit, auf die humanitäre Katastrophe in Darfur aufmerksam zu machen, der bereits weit mehr als 200.000 Menschen zum Opfer fielen und die nach wie vor anhält.
Um aufzurütteln, schreckt Caton-Jones - zuletzt machte er durch den Thriller "Basic Instinct: Neues Spiel für Catherine Tramell" eher negativ auf sich aufmerksam - auch nicht vor expliziten Gewaltszenen zurück. Die Kamera hält fest, wenn Familien bestialisch abgeschlachtet werden. In manch anderem Film würde man dem Regisseur Effekte- und Sensationsgier vorwerfen. In diesem Fall zeichnet er nur die grausame Realität nach. "Shooting Dogs" ist umso erschütternder, weil an Originalschauplätzen gedreht wurde. Viele der Mitarbeiter waren Überlebende des Massenmordes: "Egal ob als Schauspieler, Statisten und Berater - sie geben dem Ganzen eine außergewöhnliche und tief bewegende Echtheit", erlärt der Regisseur.
Vorwürfen, der Film könnte ein erneutes Trauma unter den Betroffenen auslösen, entgegnete der Präsident von Ruanda, Paul Kagame, in einem Interview: "Es ist nicht der Film, der traumatisiert. Es ist das, was den Überlebenden passiert ist, das sie traumatisiert."
Nina Fischer
Credits: V:Timebandits, D / GB 2005, R: Michael Caton-Jones, D: John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz u.a.
Laufzeit: 115 Min.
Kinostart: 17. Mai 2007
Der Priester Christopher (John Hurt, Mitte) und der belgische UN-Soldat Charles Delon (Dominique Horwitz, rechts) stehen dem Gemetzel der Hutu machtlos gegenüber. (Timebandits (Barnsteiner))
Hundertausende von Tutsi werden aufgrund ihrer ethnischen Herkunft von den Hutu bestialisch abgeschlachtet. (Timebandits (Barnsteiner))
Der junge, ambitionierte Lehrer Joe (Hugh Dancy, fünfter von links) nimmt gerade dann seine Arbeit an ener Schule in Kigali auf, als der Völkermord in Ruanda beginnt. (Timebandits (Barnsteiner))