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Linkin Park

"Keine Songs in C-Moll mehr!"

Band Linkin Park

(tsch) Lange Zeit galt das amerikanische Sextett Linkin Park als Boyband des Nu-Metal: Brave, gebildete Privatschüler einer höheren Mittelschicht mit gepflegten Umgangsformen. Keine Rock-Rüpel, sondern kluge Köpfe und talentierte Musiker, die sich nach 40 Millionen verkauften Alben und drei Jahren Pause reichlich Gedanken gemacht haben, wie ein Interview mit Chester Bennington, dem Sänger der Combo, offenbart. Das Ergebnis der Grübelei: Linkin Park definierten den eigenen Unterhaltungsschwerpunkt neu. Die Konsequenz: Das neue Album "Minutes To Midnight" bietet weniger digital polierten Bombast-Sound, dafür mehr erdigen Alternative-Rock.

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teleschau: Eure Single "What I've Done" zeichnet ein düsteres Bild unserer Welt. Habt Ihr den Glauben an das Gute verloren?

Chester Bennington: Fast jeder, der das Video kennt, achtet zuerst auf die negativen Bilder. Es stecken jedoch ebenso viele positive Motive drin. Aber die negativen Aspekte bleiben wohl eher in Erinnerung. Die Idee war: Die Menschheit erschuf eine Menge toller Dinge. Aber mit allem, was erfolgreich ist, gehen genauso nachteilige Dinge einher. Es ist ein provokantes Video, das zum Nachdenken anregen soll.

teleschau: Kann "Minutes To Midnight" dahingehend interpretiert werden, dass es schon fast zu spät ist, die Menschheit zu retten?

Bennington: Es ist noch nicht zu spät! Auch hier steht die Ambivalenz des Begriffes im Raum. Mitternacht kann das Ende aber auch den Beginn eines Tages einläuten. Mitternacht hat etwas von Tod und Wiedergeburt, es steckt Pessimismus als auch Hoffnung drin. Und die Hoffnung gewinnt am Ende. Hoffentlich! (lacht)

teleschau: Ihr sagt, dieses Album sei der Durchbruch in der Entwicklung Eures Sounds. Was ist neu?

Bennington: Die Gitarren und die Beats klingen ganz anders. Das Schlagzeug wurde diesmal wesentlich deutlicher in den Vordergrund gemixt. Die Leute werden den Unterschied schnell hören.

teleschau: Das Album klingt mehr nach Rock'n'Roll. Songs wie "Given Up" sind fast schon Old-School-Metal.

Bennington: Die Scheibe besitzt mehr dieses alternative Rock-Feeling. Ein Grund dafür liegt in der bewussten Entscheidung, keine Songs mehr in C-Moll zu schreiben. Brad prägte die Band mit seinem Gitarrensound in der Vergangenheit sehr.

teleschau: Ihr experimentiertet mit lauter exotischen Instrumenten und fühltet Euch angeblich "wie in Disneyland." Woher wusstet Ihr, wie man die spielt?

Bennington: Wir haben's einfach getan! (lacht) Das tolle an Musik und neuen Instrumenten ist doch, wenn du eine Idee hast, probierst du sie einfach aus. Ich brachte mir früher Klavierspielen selbst bei. Wenn du Zeit und Energie reinsteckst, kapierst du das schon irgendwann. So funktioniert es mit allen Instrumenten. Und wenn es nicht weiter ging, baten wir Techniker oder Profis um Hilfe. Es machte eine Menge Spaß.

teleschau: Wart Ihr nach acht Jahren gelangweilt vom Image der coolen Skater-Band? Wolltet Ihr erwachsen werden?

Bennington: Ja. Der einfachste Weg, das zu verstehen, liegt darin, dass "Hybrid Theory" und "Meteora" nur einen kleinen Teil unserer musikalischen Vorlieben reflektierten. Wir liebten zu der Zeit diesen Sound. Aber auf dem neuen Album wollten wir das ein bisschen erweitern.

teleschau: Ihr hattet im Studio eine Kamera installiert, mit der man Euch via Internet bei der Produktion zuschauen konnte. Erzähl doch mal über die spannendsten Outtakes, die nicht gesendet wurden!

Bennington: (lacht) Wir filmten viele Stunden Mist. Darunter gibt's unter anderem einen Moment, den wir wirklich witzig finden, den aber wohl niemand außer uns versteht. Joe spielte den Sir-Mixalot-Track "Baby Got Back" und rappte dazu. Dann kam Mike, stieg voll mit ein, und schließlich kam Dave in den Raum und meinte: "Bin so geil, Alter!" ("Me so horny, baby") Das war in dieser Situation ultrakomisch.

teleschau: "Es wird hart, stimmungsvoll und düster werden, hoffentlich auch neu und frisch", verkündete Phoenix im Umfeld von "Meteora". Wie lauteten Eure Vorgaben diesmal?

Bennington: Wir wollten unser vielseitigstes Album kreieren. Mit den Stilen, die wir in der Vergangenheit spielten, war unser Sound doch sehr eng gesteckt und limitiert. Diese Platte dagegen ist sehr dynamisch: Es gibt Reggae-Gitarren, Trash, gar keine Gitarren, akustische Gitarren, psychedelisches Zeug, eine Menge Pop, sogar Folk! Und trotzdem klingt jeder Song nach Linkin Park.

teleschau: Ihr verzichtetet fast komplett auf Rap. Wie geht Euer Rapper Mike Shinoda damit um, dessen Rolle in der Band kleiner geworden zu sein scheint?

Bennington: Für einen Außenstehenden mag es so wirken, dass er weniger beteiligt ist - aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Mike ist irrsinnig kreativ, ist nicht umsonst Koproduzent dieses Albums. Er hat Songs, Melodien und Texte geschrieben. Er rappt in zwei Songs, sonst kümmert er sich um alles Mögliche. Vor sechs Monaten im Studio meinte er zu uns: "Ich weiß nicht, ob es euch auffällt, aber ich schreibe mich langsam aber sicher aus dieser Platte raus!" Aber so ist es ja nicht.

teleschau: Limp Bizkit, Korn, Papa Roach - der Nu Metal hat sich langsam überlebt und ist mausetot. Ihr habt Euch jedenfalls verändert. Aber die Richtung ist durchaus streitbar ...

Bennington: Ich habe die ersten Kritiken gelesen, von Leuten, die das Album hören konnten, und die waren total gegensätzlich. Es gab eine Menge positiver Feedbacks, aber auch einige negative. Entweder man liebt oder hasst dieses Album. Man hat mich sogar beschimpft, ich würde Mike aus der Band drängen! Aber ich kann jedem versichern: Wir stehen auch weiterhin eng zusammen.

Stefan Woldach


"Wir stehen auch weiterhin eng zusammen", versichern Linkin Park.
"Wir stehen auch weiterhin eng zusammen", versichern Linkin Park. (Warner / Ed Colver)

Wie Linkin Park an ihrem neuen Album bastelten, konnte via Internet mitverfolgt werden. Die Jungs hatten eine Webcam installiert.
Wie Linkin Park an ihrem neuen Album bastelten, konnte via Internet mitverfolgt werden. Die Jungs hatten eine Webcam installiert. (Warner / James Minchin)

Vielseitig, irgendwie anders - aber doch unvergleichlich Linkin Park: das neue Album "Minutes To Midnight".
Vielseitig, irgendwie anders - aber doch unvergleichlich Linkin Park: das neue Album "Minutes To Midnight". (Warner)

Datum: 14.05.2007

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Diskussion: "Linkin Park"

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