"Und deshalb die ganze Aufregung?"
(tsch) Pornofilme konsumieren Männer im Trenchcoat, die dafür Kinos in der Bahnhofsgegend besuchen? Stimmt! Bis heute schaffte es kaum ein Porno auf die reguläre Leinwand. Die Ausnahme heißt: "Deep Throat": Für nur 25.000 Dollar Produktionskosten machte er 1972 den Sexfilm salontauglich - zwei Tickets für eine Kinovorstellung garantierten das Vorspiel. Der Protagonistin Linda Lovelace blieb im Film trotz beachtlichem Partnerspektrum der Höhepunkt versagt. Erst Dr. Young (Harry Reems) entdeckt die Ursache: Lindas Klitoris verbirgt sich nicht hinter den Schamlippen sondern tief im Rachen. Fortan wird sie zur oralen Wonderwoman. Mit einem Einspiel von 600 Millionen Dollar gehört dieser Porno auch zu den Wundern Hollywoods. Die Filmemacher Fenton Bailey und Randy Barbato erinnern in ihrer bissigen Dokumentation "Inside Deep Throat" (Kinostart: 11.08.) an das Original und die Auswirkungen, die er auf Beteiligte und Politik hatte. Denn nachdem das politische Klima in den USA umschlug, rutschte Linda Lovelace ins soziale Abseits, landete Darsteller Harry Reems im Gefängnis und "Deep Throat" auf dem Index.
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teleschau: Ist "Inside Deep Throat" auch eine Abrechnung mit der Bush-Ära?Randy Barbato: In gewisser Weise schon. Denn die Rechtskonservativen haben ja erst die so genannte "sexuelle Normalität" definiert. Pornos gehören ihrer Meinung nach zum unmoralisch Abnormen. Wie abartig ist da eine Pornodokumentation! Fenton Bailey: Nach Bushs Wiederwahl hieß es, dieser Wahlkampf sei an der moralischen Front entschieden worden. Doch die Moral der rechten Konservativen hat zwei Gesichter: In der Öffentlichkeit verteufeln Bush-Anhänger Pornografie, aber heimlich im Wohnzimmer konsumieren sie große Mengen davon. Das gesellschaftliche Grundproblem der USA liegt in der institutionalisierten Scheinheiligkeit… teleschau: Ist die "Deep Throat"-These vom Orgasmus im Hals etwa nicht scheinheilig? Bailey: (lacht) Es ist eine reine Männerfantasie! Aber Linda Lovelace sollte eigentlich ein Symbol für jedermann sein - weiblich und männlich. Regisseur Damiano wollte zeigen, dass Sexualität individuell und sehr verschieden ist. Und das war zum damaligen Zeitpunkt eine radikale Aussage. Aus heutiger Sicht ist die Klitoris im Rachen natürlich ein sexistischer Faux Pas! Barbato: Ganz richtig. Ich bin mir nicht so sicher, ob Monica Lewinsky auch auf der Suche nach ihrer sexuellen Befriedigung war. teleschau: Welch kühne Parallele ... Bailey: Zwei Blowjobs - zwei zerstörte Leben?! In meinen Augen glich Linda Lovelace eher einer depressiven Version von Paris Hilton. Deren Leben wurde zwar noch nicht öffentlich verdammt, aber immerhin hat sie auch schon ein Sexvideo gedreht. teleschau: Als Linda Lovelace starb, lebte sie an der Armutsgrenze … Bailey: … Linda ist das große Problem. Sie war in den 70-ern so berühmt wie Madonna zehn Jahre später. Der Ruhm traf sie mit voller Wucht in seiner zerstörerischen Wirkung, und damit wurde sie nicht fertig. Barbato: Lindas Biografie ist in Amerika untrennbar mit "Deep Throat" verbunden. Vieles, was den Film sonst noch bedeutsam machte, trat dahinter zurück, als Linda behauptete, sie sei zu den Filmaufnahmen gezwungen worden. Die Frage ist: Stimmt Lindas Version der Story? teleschau: Was denken Sie? Barbato: Ich glaube, dass zu viele Menschen ihre Worte Linda in den Mund legten. Seien es Feministinnen, die in ihr nur die misshandelte Ehefrau sahen, oder andere. Einen Monat, bevor sie bei einem Autounfall starb, sah Linda Lovelace "Deep Throat" noch einmal und sagte zu Freunden: "Und deshalb die ganze Aufregung?" teleschau: Stimmt es, dass Angelina Jolie in einer Filmbiografie die Rolle von Linda Lovelace übernehmen wird? Bailey: Wir fänden Maria Carey viel besser!
Kerstin Borner
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