Julie Delpy

"In mir schlummert das Böse"

Schauspielerin Julie Delpy

(tsch) Acht Stunden hat sie nichts gegessen. Doch obwohl ihr Magen hörbar knurrt, beweist Julie Delpy Disziplin und reißt sich zusammen. Als der Hotelpage an der Tür rüttelt, um den lang ersehnten Teller Pasta mit Tomatensoße vorbeizubringen, wird er knapp zurückgewiesen: "Die Nudeln mussten wohl erst von chinesischen Kinderarbeitern gedreht werden!" Da ist er wieder, der unüberhörbare, aber liebenswerte Sarkasmus der 37-jährigen Französin, die mit ihrer Natürlichkeit nicht nur Hollywood, sondern vor allem auch das deutsche Publikum erobert hat. In Filmen wie "Before Sunrise" oder "Investigating Sex" wurde sie zum Ideal der modernen Französin. Doch Julie Delpy kann mehr. In ihrem neuen Film "2 Tage in Paris" (Kinostart: 17.05.) übernahm sie alle Schlüsselpositionen selbst. Darin zeigt sie ein amerikanisch-französisches Paar, das am Ende seines Europaurlaubes noch zwei Tage in Paris verbringen möchte. Delpy beweist hier an der Seite von Adam Goldberg, der bisher nur in Nebenrollen zu sehen war ("Déjà Vu", "A Beautiful Mind") ihr komisches Talent. Es geht um die pointenreichen Unterschiede zwischen Amerikanern und Franzosen. Und so spricht die Exil-Pariserin im Interview über alles, was sie an Frankreich und an den USA hasst.

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teleschau: Sie haben sich viel Zeit gelassen bis zu Ihrem ersten eigenen Film ...

Julie Delpy: Es ist nicht mein erstes geschriebenes Werk, obwohl es so scheint. Ich träumte schon als Jugendliche davon, alles selbst in die Hand zu nehmen.

teleschau: Und warum hat es nicht geklappt?

Julie Delpy: Mir wollte niemand Geld dafür geben. Ich habe fertig geschriebene Thriller, Dramen und Komödien in meiner Schublade liegen, die sich alle komplett von "2 Tage in Paris" unterscheiden. Mein erstes Drehbuch schrieb ich mit 16 Jahren. Ich brauchte also einen Anlauf von 20 Jahren, um endlich einen eigenen Film zu realisieren und Geschäftsleute davon zu überzeugen, mir Geld anzuvertrauen.

teleschau: Waren Sie nie versucht aufzugeben?

Julie Delpy: Ich habe mir nie einreden lassen, dass meine Geschichten schlecht waren. Sie waren nur anders. Alles, was aus Frankreich kommt, ist für die amerikanische Filmindustrie erst einmal Furcht erregend. Die wollen Geschichten im Kino am liebsten immer nur nach dem gleichen Strickmuster erzählen, auch wenn sie dann gar nicht mehr ins Kino kommen, sondern direkt auf DVD vermarktet werden und kein Geld einspielen. Das ist ihnen zumindest lieber, als sich auf etwas Neues einzulassen.

teleschau: Welche Kompromisse mussten Sie eingehen?

Julie Delpy: Ich wandte einen Trick an, indem ich den Financiers erzählte, es ginge um ein französisch-amerikanisches Paar in Paris. Mehr wollten sie auch nicht wissen. Ich glaube aber insgeheim, dass sie nachgaben, weil sie meinten, dass es so schlimm nicht werden könnte, weil ich ja aus Paris stamme und in den USA lebe. Der Film ist also nicht wirklich weit von meinem tatsächlichen Leben entfernt. Bei der Bank braucht man Sicherheiten, meine war meine französische Herkunft. Ich konnte aber schließlich den Film drehen, den ich wollte.

teleschau: Hat Ihr Leben in den USA Ihre Haltung Frankreich gegenüber verändert?

Julie Delpy: Natürlich bin ich immer noch eine Pariserin, doch ich bewerte meine Landsleute jetzt um einiges kritischer. Pariser zum Beispiel sind höchst ungehobelte Menschen: Sie sind rüde und gemein. Nirgendwo sind Autofahrer schlimmer als in Paris. Sie treiben mich in den Wahnsinn! Ich habe schon so häufig ganz korrekt eine Ampel überquert: Ich hatte grün, die Autos rot. Trotzdem fuhren sie mich fast um. Es fehlte oft nur ein Haar! Wenn es ein tödliches Virus gebe, ich würde es gezielt gegen sie einsetzen.

teleschau: Sie haben doch in Paris den Führerschein gemacht.

Julie Delpy: Was meinen Sie, woher ich meine Erfahrungen habe! Ich setze mich in Paris nicht mehr hinter das Steuer. In Los Angeles habe ich aber ein Auto. Dort benehmen sich die Fahrer wenigstens zivilisiert.

teleschau: Wie verliebt sind Sie in Ihre neue Heimat?

Julie Delpy: Auch die Amerikaner haben ihre Schattenseiten. Es ist eine Gesellschaft, in der Erwachsene Sex mit ihren Kindern haben, in der aber eine nackte Brust im Fernsehen einen Skandal auslöst. Das Oberhaupt der Kirche nimmt Speed und hat Sex mit einem anderen Mann! Ein Kongressabgeordneter schickt schmutzige E-Mails an minderjährige Jungen. Gruselig!

teleschau: Gibt es denn gar keine Sonnenseiten?

Julie Delpy: In Amerika zerstört dir niemand deine Träume. Wer, egal aus welcher Kultur, in die USA kommt und sich verwirklichen möchte, bekommt eine reelle Chance. Franzosen sind anders: Sie torpedieren alles, was du vorhast. Träume werden dort zermalmt, mit Füßen getreten, zunichte gemacht.

teleschau: Wie eitel sind Sie, was Ihre Leinwandpräsenz angeht?

Julie Delpy: Es ist gefährlich, wenn ein Schauspieler gleichzeitig auch Regie führt. Schließlich ist die Versuchung riesig, sich selbst einen großen Oscar-Moment auf den Leib zu schneidern. Schließlich sind gar nicht so wenige Schauspieler infiziert von dem Wunsch, die Trophäe aller Trophäen zu bekommen - egal, ob der Film um sie herum zusammenbricht. Ich fühle mich aber verantwortlich für das Gesamtkunstwerk. Und das ist ein Film nun mal - auch heute noch.

teleschau: Dabei kehren Sie darin Ihr Inneres mehrmals nach außen. Glauben Sie nicht, da findet sich ein Oscar-Moment?

Julie Delpy: Selbst wenn, würde mich das nicht sonderlich interessieren. Das war auch nicht mein Ziel. Wenn ich all die Filme sehe, die ganz offensichtlich nur dafür gedreht werden, ins Rennen um die Oscars zu gehen, dann muss ich mich viel zu oft wundern, was das alles überhaupt soll. Und selbst wenn dann am Ende einer gewinnt: Gut ist ein Film deswegen noch lange nicht. Irgendwas ist falsch in der Welt, wenn es nur noch ums Gewinnen geht. Preise sind wie Hämorriden: Jeder beim Film bekommt irgendwann mal einen. Das bedeutet überhaupt nichts.

teleschau: Sagen Sie das, weil Sie enttäuscht wurden?

Julie Delpy: Ich wurde vielmehr von Eltern großgezogen, die mir immer wieder gesagt haben, dass die Meinung der Öffentlichkeit nicht das ist, was zählt. Beide sind selbst Schauspieler, was sie im Film ja auch als Eltern meiner Figur unter Beweis stellen. Ich wollte sie unbedingt mit auf meine Reise um die Welt nehmen, um den Film auf Festivals vorzustellen. Doch selbst nach Deutschland wollten sie nicht kommen. Nicht weil sie Deutschland nicht mögen, sondern weil sie nur darüber lachen konnten, dass ihnen Leute Beifall klatschen würden. Sie geben nichts auf diese Aufmerksamkeit, sondern wollen bei der Arbeit einfach nur ihren Spaß haben.

teleschau: Haben Sie auch andere Interessen abseits der kreativen Arbeit?

Julie Delpy: Ich könnte mir vorstellen, in die Wissenschaft zu gehen. Ich habe ständig ein Sachbuch über wissenschaftliche Themen auf meinem Nachttisch. Romane lese ich schon lange nicht mehr. Besonders interessiert mich die Quantenphysik. Ich habe auch schon ein paar Mal die US-Weltraumbehörde NASA besucht.

teleschau: Na dann auf ins All ...

Julie Delpy: Auf keinen Fall, nicht bei meiner Angst, so etwas ins Praktische umzusetzen. Da hätte ich ja überhaupt keine Kontrolle mehr. Theoretisch fasziniert es mich aber sehr. Nur fragen Sie mich bitte nicht nach der Heisenberg-Theorie. Wenn ich auf einer Buchseite glaube, einen Bruchteil des Inhalts verstanden zu haben, stelle ich meist auf der nächsten fest, dass ich mich geirrt habe. Das macht es für aber nur interessanter. So etwas hält mich manchmal die ganze Nacht wach.

teleschau: Haben Sie eine soziale Ader?

Julie Delpy: Ich bewundere Menschen zutiefst, die sich für andere Menschen in Not einsetzen. Und ich schäme mich schon fast dafür, dass ich nicht fähig bin, selbst so etwas zu leisten. Ich habe es ehrlich versucht, mich für Leute einzusetzen, die vor meinen Augen hungern, bluten oder anderweitig um Hilfe flehen. Doch wenn ich damit konfrontiert werde, erstarre ich zu einer Salzsäule. Ich breche innerlich förmlich zusammen. In dieser Hinsicht bin ich außerordentlich schwach. Ich weine, wenn in den Abendnachrichten über Bombenanschläge, Hungersnöte oder sonstiges Leid berichtet wird. Mich berührt das alles zu sehr. Aber man weint doch nicht, wenn es einem anderen schlecht geht! Man hilft! Man muntert ihn auf! Doch selbst in meinem Privatleben, wenn enge Freunde wirklich krank waren, bin ich völlig hilflos gewesen. Das ist furchtbar! Ich bin zwar lieb und nett, doch merkt man mir an, dass ich innerlich beinahe mehr verzweifle als der Betroffene selbst.

teleschau: Gab es dann nicht Probleme in Ihren Beziehungen?

Julie Delpy: In Notlagen gab es auch immer Hilfe von anderswo. Außerdem bin ich nicht schlecht, wenn es um psychologische Probleme geht. Auf dieser eher analytischen Ebene ist es weniger schlimm für mich. Wenn es also bei der Arbeit nicht so gut läuft, bin ich gerne zur Stelle und habe Motivationsformeln parat.

teleschau: Wie stark ist Ihre dunkle Seite?

Julie Delpy: Obwohl ich mich meiner Umwelt gerne strahlend zeige und durchaus auch meine optimistischen Seiten habe, schlummert in mir das Böse. Meine dunkle Seite ist sogar ziemlich stark, so stark sie nur sein kann. Ich kann mich aber kontrollieren. Sie werden mich niemals dabei ertappen, wie ich ungehemmt und wie ein Rohrspatz schimpfend auf jemanden einschlage. Also keine Sorge: Wütend werde ich nur selten.

Leif Kramp

Julie Delpy erlebte bereits in "Before Sunset" die Stadt Paris und ihre Reize.
Julie Delpy erlebte bereits in "Before Sunset" die Stadt Paris und ihre Reize. (Concorde)
Julie Delpy hat eine Reihe von Drehbüchern im Köcher: "Ich habe mir nie einreden lassen, dass meine Geschichten schlecht waren. Sie waren nur anders."
Julie Delpy hat eine Reihe von Drehbüchern im Köcher: "Ich habe mir nie einreden lassen, dass meine Geschichten schlecht waren. Sie waren nur anders." (3L-Filmverleih)
In ihrem neuen Film "2 Tage in Paris" (Kinostart: 17.05.) übernahm Julie Delpy alle Schlüsselpositionen selbst.
In ihrem neuen Film "2 Tage in Paris" (Kinostart: 17.05.) übernahm Julie Delpy alle Schlüsselpositionen selbst. (3L-Filmverleih)

Datum: 20.05.2007

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