(tsch) Er sei nervös, gesteht Andy Bell gleich zu Beginn des Interviews. Verhört? Störung in der Leitung? Wie bitte? Schließlich sind er und sein Kollege Vince Clarke seit 22 Jahren als Erasure dick im Geschäft. Natürlich gab es da Höhen, in den 80-ern, und Tiefen, in den 90-ern, doch im Großen und Ganzen lässt sich die Bilanz sehen: über 20 Millionen verkaufte Alben, sowie jede Menge kultiger Hits ("Sometimes", "A Little Respect"). Doch vor dem Release von "Light At The End Of The World", dem 13. Studiowerk der Elektro-Pop-Combo, fühlt der Sänger erneut dieses Kribbeln.
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teleschau: Eigentlich müsstest Du nach all diesen Jahren abgebrüht und souverän auf die Veröffentlichung eines neuen Albums reagieren ...
Andy Bell: Ich habe vergangene Nacht kaum geschlafen. Allein das Wissen, dass die Scheibe von anderen Menschen gehört wird, macht mich unruhig. Man sollte annehmen, dass man sich an die Situation mit der Zeit gewöhnt - ist aber bei mir nicht der Fall. Ich kann nichts dagegen unternehmen. Schließlich ist es das Ziel, dass dieses neue Werk vielen Menschen gefällt. Ich versuche zu vermeiden, Kritiken zu lesen. Vince hat da wohl die bessere Methode gefunden: Er ignoriert jeden Artikel. Aber er ist immer ein wenig extrem. (lacht)
teleschau: Was treibt Dich immer wieder an?
Bell: Man möchte diesen einen, den einmaligen Titel komponieren. Das haben wir bislang noch nicht geschafft. Und ehrlich gesagt: Ich wüsste nicht, was ich sonst machen könnte ... (lacht)
teleschau: Besteht die Gefahr, mit der Zeit in Routine zu verfallen?
Bell: Oh ja. Ich bin in ständiger Sorge, dass uns das passiert. Obwohl wir während des Entstehungsprozesses durchaus für Abwechslung sorgten, hätte ich an den Abläufen gerne noch mehr verändert, um für neuen Input zu sorgen. Vince ist in seinem Denkansatz sehr dogmatisch und hat all diese Regeln, die manchmal ein wenig einengen. Aber wenn wir uns musikalisch weiterentwickeln wollen, dann müssen wir diese selbstauferlegten Grenzen sprengen. Ich darf im Studio kaum etwas anfassen, wie zum Beispiel seine Synthesizer. Das ist alles sein Spielzeug, und mir wurde untersagt, damit zu spielen.
teleschau: Hat die Arbeit am letzten Akustik-Album "Union Street" auch die Arbeit an der neuen Scheibe beeinflusst? "Light At The End Of The World" klingt sehr traditionell ...
Bell: Alle Alben, die man in seiner Karriere aufnimmt, fließen in die nachfolgenden Arbeiten mit ein. Wir nehmen alle Titel immer erst akustisch mit Gitarre oder Klavier auf, bevor wir die Synthesizer einsetzen. Ich bin schon immer ein Fan der klassischen Songwriter gewesen, wie zum Beispiel Simon & Garfunkel. Auch solche Stile fließen mit ein.
teleschau: Sind die Lyrics auf "Light At The End Of The World" Deine bisher persönlichsten?
Bell: Ja, das kann so interpretiert werden. Doch man darf nicht allzu viel Bedeutung in die Texte legen, sonst macht man die Songs wichtiger, als sie wirklich sind (lacht).
teleschau: "Storm In A Teacup" handelt von Deiner Mutter ...
Bell: Der Titel gleicht ein wenig einem Gebet an sie. Das war eine Gratwanderung, weil man diese nahestehende Person nicht verletzen möchte. Ich sage ihr in dem Song, dass sie mit dem Trinken aufhören soll. Doch das wird sie vermutlich nie schaffen. Tief im Inneren schlummert ein Punk in ihr. Sie hat einen harten, nur schwer zu knackenden inneren Kern. Wenn sie zum Konzert kommt, werde ich bestimmt sehr nervös sein, diesen Titel zu singen. Bislang hat sie ihn noch nicht gehört.
teleschau: Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Album besonders prägte?
Bell: Die Entwicklungen in meinem Privatleben spielten bestimmt eine Rolle. Die Beziehung zu meinem Lebenspartner Paul, mit dem ich 21 Jahre lang zusammen war, zerbrach. Ich traf jemanden Neues, verliebte mich wieder, und irgendwie floss dass alles mit ein.
teleschau: Der Erasure-Sound änderte sich über die letzten zwei Jahrzehnte kaum ...
Bell: Das liegt vor allem an Vince, der für die Sounds zuständig ist. Sein Musikstil ist unverkennbar. Doch manchmal frustriert es mich, dass Menschen gleich nach den ersten Takten erkennen, dass es sich um einen Titel von Erasure handelt. Ich würde gerne mehr am Puls der Zeit sein. Der Grund, warum ich damals unbedingt mit Vince zusammen arbeiten wollte, war, dass er eben so einen unvergleichlichen Stil hat. Doch nach einer gewissen Zeit wiederholt sich vieles. Wir sollten weiterhin darum bemüht sein, uns weiterzuentwickeln.
teleschau: In den 80er-Jahren wart Ihr sehr erfolgreich. In den 90er-Jahren folgte das Comeback, bei dem ihr jedoch nie an die Verkaufszahlen von damals anknüpfen konntet ...
Bell: Wenn ich zurückblicke, dann merke ich erst, wie naiv wir damals waren. Alle versuchten uns zu sagen, was wir zu tun oder zu lassen hatten. Wenn man älter wird, lernt man, "nein" zu sagen und sein Ding durchzuziehen. Deswegen kann ich den ganzen Zirkus heute mehr genießen. Manchmal denke ich allerdings, dass die moderne Musikindustrie Leute mit diesem Verlangen nach kreativer Freiheit nicht mag. Kids, die man noch formen kann, sind den Unternehmen im Moment viel lieber. Wir sind mittlerweile unsere eigenen Chefs.
teleschau: Im Juni werdet Ihr mit Cyndi Lauper und Debbie Harry auf die "True Colours Tour" in den USA gehen. Wie kamt Ihr mit all diesen Künstlern zusammen?
Bell: Mit dieser Tour wird für mich ein Traum wahr. Ich bin ein großer Blondie-Fan. Ich freue mich darauf, die Bühne mit ihnen zu teilen. Bereits vor Jahren sprachen wir mit unserem amerikanischen Agenten über das Projekt. Wir wollten eine Art Schwulen-Festival organisieren. In den USA haben die meisten Menschen vor der Gay-Bewegung immer noch Angst. Die religiöse Rechte hat großen Einfluss und ist gut organisiert. Diese Show soll zeigen, dass wir auch einfach nur Menschen sind, und man keine Angst vor uns zu haben braucht.
teleschau: Merkst Du beim Touren Deine mittlerweile 43 Jahre?
Bell: Oh ja. Man ist wesentlich verwundbarer. Wenn man jung ist, hat man das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Man könnte eine Woche lang aufbleiben und nonstop Konzerte geben. Mit den Jahren bekommt man die Grenzen aufgezeigt und muss mehr auf sich aufpassen.
teleschau: Es gab nie Trennungsgerüchte um Erasure. Wart Ihr wirklich stets eine solche Einheit?
Bell: Die Chemie stimmte immer. Wir beide mögen keinen Streit und gehen respektvoll miteinander um. Vince und ich ließen uns nie von diesem Hype im Musikbusiness anstecken. Es ist wichtig, sich auch Auszeiten zu nehmen. Ich möchte endlich einmal herausfinden, wer ich wirklich bin. Dazu brauche ich Abstand von Erasure. Vince geht es ähnlich. Er reist viel, um den Kopf frei zu bekommen.
teleschau: Werdet Ihr nach diesem Projekt abtauchen?
Bell: Bestimmt. Eine Pause von drei Jahren halte ich für realistisch und notwendig.
Julia Köhler
Andy Bell (rechts) ist vor dem Release eines neuen Albums immer noch aufgeregt. (EMI)
Erasure sind seit über zwei Jahrzehnten im Musikbusiness aktiv. (EMI / Jason Bell)
Traditioneller Elektro-Pop: Das neue Album "Light At The End Of The World" von Erasure. (EMI / Jason Bell)