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Wir sind Helden

"Vielleicht bin ich gar nichts"

Band Wir sind Helden

(tsch) Die Band Wir sind Helden hat ihr drittes Album aufgenommen. Es ist davon auszugehen, dass es in den Charts wieder ganz oben stehen wird. Wer hätte es noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten, dass dies mit Indierock und bisweilen schräger Wave-Musik, garniert mit ebenso hintergründigen wie intelligenten deutschen Texten, möglich sein würde? Sängerin Judith Holofernes und Bandkollege Mark Tavassol geben Auskunft darüber, wie ein gutes Selbstbewusstsein die Kunst fördern kann, warum man auch Stars ruhig fragen darf, ob sie beim Umzug helfen, und weshalb Prominenz das Überwinden falscher Ego-Anteile fördern kann.

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teleschau: In der Branche heißt es, dass man fürs erste Album ein Leben lang Zeit hat, das Zweite gilt hingegen als schwierig. Hat das dritte Album auch ein Image?

Judith Holofernes: Wir wollen uns nicht von den Erwartungen anderer ins Bockshorn jagen lassen. Man muss versuchen, davon völlig unabhängig zu arbeiten, sonst hat man als Künstler keine Chance. Diese Methode funktionierte schon beim zweiten Album ganz gut. Diesmal ist es uns sogar noch besser gelungen. Das hat natürlich auch mit einer gewissen Erfahrung zu tun. Und weil zweimal nichts schief ging, bestärkt uns das in unserer Art.

teleschau: Die Texte der Songs wirken diesmal schnörkelloser, direkter ...

Judith Holofernes: Beim Texten stellte ich selbst überrascht fest, dass ich Lust auf eine klare, direkte Sprache hatte. Zum Teil wunderte ich mich sogar über meine Worte. Dass es möglich war, es durchzuziehen, zeigt aber auch, dass wir mittlerweile eine gewisse Lockerheit haben. Bei einem Text wie "The Geek" dachte ich mir: "So etwas kann man nicht machen, das versteht keiner, das will keiner." Ich schrieb trotzdem weiter, weil es mir eben Spaß machte.

teleschau: Apropos abseitige Texte: "Ode an die Arbeit" ist schon fast dadaistisch. Geht so etwas überhaupt im Bereich Charts-Popmusik?

Judith Holofernes: Ich hatte schon lange Lust, mal einen Text über Arbeitsethos zu schreiben. Arbeit ist ein unheimlich beladenes Wort, und jeder hat seine innere Definition dieses Begriffs. Als Künstler sagt man sich beispielsweise ganz oft: Ich amüsiere mich ja viel zu gut. Ist das überhaupt Arbeit? Ich finde es total interessant, was dieses Wort Arbeit mit Menschen macht. Trotzdem ist so ein verspielter Text natürlich eine Gratwanderung. Viele Menschen, die keine Arbeit haben, finden das überhaupt nicht witzig. Ich fragte mich also, wie man das leicht behandeln kann und fand diesen Dada-Zugang.

teleschau: Muss man der so genannten bürgerlichen Welt ab und zu erklären, woraus die eigene Arbeit besteht?

Mark Tavassol: Einige Menschen glauben, dass man als Künstler immer nur von der großen Inspiration durchweht wird und man nie richtig arbeitet. Andere glauben hingegen, dass eine Band wie wir extrem viel arbeitet. Wenn es darum geht, ob ich jemandem beim Umzug helfe, höre ich meistens: "Du hast ja bestimmt keine Zeit, bist sicher beschäftigt." Trotzdem ist es in der Tat so, dass unsere Band viel arbeitet. Da uns das aber so viel Spaß macht, fragen wir uns auch ab und zu, ob wir überhaupt arbeiten. Daran sieht man, wie negativ der Begriff besetzt ist. Ganz tief drinnen empfinden wir nur das als Arbeit, was keinen Spaß macht.

teleschau: Der Song "Die Konkurrenz" thematisiert ebenfalls etwas, das in der Welt der Arbeit eine große Rolle spielt. In welcher Konkurrenz sehen sich Wir sind Helden?

Judith Holofernes: Warum sind wir Musiker geworden und nicht Sportler? Sicher auch, weil wir das mit der Konkurrenz nicht toll finden. Wenn man dann aber mit seiner Musik aus Versehen erfolgreich ist (lacht), wird man ständig in Situationen gebracht, die sehr viel damit zu tun haben: Charts, Awards oder Festivalauftritte. Wer spielt vor einem und wer danach? Wenn ich zum Beispiel nach den Beatsteaks spiele, werden mir schon die Knie weich. Da muss man sich ganz schön Mühe geben und sein hässliches kleines Köpfchen stolz nach oben recken.

teleschau: Haben Sie denn ein Problem damit, mit jemandem zu konkurrieren? Sind Wir sind Helden eine Band mit Beißhemmung?

Judith Holofernes: Ich fand es wichtig, dieses Tabu in diesem Song zu benennen. Ich finde es total stillos, über andere Bands schlecht zu reden, und es führt vor allem zu gar nichts. In den 80-ern war es schick, zu konkurrieren. Heute ist es eher so: Man soll der Beste sein, aber man darf es nicht gewollt haben.

teleschau: Ihr habt das Image der netten, korrekten Indieband, die zufälligerweise ganz oben in den Charts steht. Musstet Ihr für diesen Erfolg vielleicht doch mehr Härte lernen als Euch lieb war?

Mark Tavassol: Ich würde nicht sagen, dass wir es als Band besonders schwer hatten, dass wir besonders hart sein mussten. Das Härteste, das wir je vollbringen mussten, war, für ein Umfeld zu kämpfen, das es uns ermöglicht, diese Musik zu machen. Wir können anziehen, was wir wollen und aufnehmen, was wir wollen.

teleschau: Warum versucht die Popindustrie es immer noch mit diesen Gleichmacher-Strategien? Wir sind Helden beweisen doch, dass man in der Regel nur mit Individualität längerfristig Erfolg hat ...

Judith Holofernes: Das sind die gleichen Mechanismen, die verhindern, dass gute Politik gemacht wird. Was dort die Lobbys machen, dafür sorgen im Musikgeschäft Aktionäre. Die großen Unterhaltungskonzerne müssen Menschen befriedigen, die Musik genauso betrachten wie Waschmittel, Autos oder Schokolade. Produkte müssen demnach berechenbar sein, schnellen Erfolg haben, sonst rollen Köpfe. Im Management einer solchen Firma braucht es viel Mut, zu sagen: "Ich gebe dieser Band jetzt mal ein paar Jahre Zeit." Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch viele Künstler, die sich formbar geben, die einiges mitmachen, um einen Vertrag zu bekommen. Viele sind zu jung und wissen noch nicht, was sie wollen oder wer sie sind. Wenn dann jemand kommt, der das zu wissen vorgibt, kann man den jungen Künstlern kaum einen Vorwurf machen.

teleschau: Judith, Ihre Texte beschäftigen sich auffällig oft mit dem Thema Identität und dem Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ist dieses Thema für Sie mit dem Ruhm wichtiger geworden?

Judith Holofernes: Ich fand solche Fragen schon immer interessant: Wie konstruiert sich ein Mensch? Wie definiert er für sich Glück? Auf welche Weise versucht er es zu erreichen? Durch unseren Werdegang als Band haben wir für solche Fragen jetzt natürlich ein prima Versuchsfeld. Wir werden festgelegt, haben ein Image. Unsere Selbstwahrnehmung wird durch Außenwahrnehmung stärker verändert als bei anderen Menschen. Statt um Familienmitglieder und ein paar Freunde geht es plötzlich um Hunderttausende, die uns kennen, die zu wissen glauben, wer wir sind. Das bringt eine andere Dringlichkeit hinein in die Frage, wer ich wirklich bin.

teleschau: Wie stark fühlen Sie sich von der Fremdwahrnehmung belästigt?

Judith Holofernes: Meine Reaktion auf diese Erfahrungen ist die, dass ich Identitätskonstrukte immer mehr in Frage stelle. Ich bin dies nicht und das nicht. Aber vielleicht bin ich auch vieles von dem nicht, von dem ich vorher dachte, dass ich es bin. Vielleicht bin ich - gar nichts. (lacht)

teleschau: Prominent zu sein, fördert also nicht gerade ein gesundes Selbstbild?

Judith Holofernes: Ein Weg ist, sich von diesem Bild zu lösen und dabei vielleicht gleich ein paar alte Sachen hinter sich zu lassen, die auch ohne Prominenz gestört hätten. Für jeden Menschen ist es nützlich, sein Ego und das, woraus es sich zusammensetzt, in Frage zu stellen. Ich glaube, dass es für jeden Menschen schlecht ist, wenn er ein allzu stabiles Selbstbild hat, das sich ein Leben lang nicht verändert und an dem man sich dann beständig abarbeitet. Bei so etwas geht viel Energie drauf.

Eric Leimann


Wir sind Helden melden sich mit "Soundso" zurück.
Wir sind Helden melden sich mit "Soundso" zurück. (EMI Music Germany)

Judith Holofernes von Wir sind Helden spielte auch mit dickem Babybauch im Studio neue Lieder ein.
Judith Holofernes von Wir sind Helden spielte auch mit dickem Babybauch im Studio neue Lieder ein. (EMI Music Germany)

Wir sind Helden legen nun ihr drittes Album, "Soundso", vor.
Wir sind Helden legen nun ihr drittes Album, "Soundso", vor. (EMI Music Germany / Gerald von Foris)

Datum: 26.05.2007

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Diskussion: "Wir sind Helden"

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