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Jens Friebe

Von gutem Pop und schlechter Kunst

Sänger Jens Friebe

(tsch) Jens Friebe hieß eine der Musiküberraschungen des deutschen Popjahres 2004. Sicher gab es letztes Jahr erfolgreichere Platten germanischer Zunge zu feiern oder zu beklagen. Doch Friebes Debüt "Vorher Nachher Bilder" schaffte etwas, wovon viele andere ambitionierte Popkünstler nur träumen: Er verwirrte, faszinierte und polarisierte das Publikum mit Songs zwischen 80er-Elektro-Pop und Indierock. Mit äußerst merkwürdigen Texten, die in prototypisch-radiotaugliche Sing-Along-Refrains eingebunden waren. Kann man einen Hit landen mit Refrains wie "Ein Lied ohne Botschaft ist wie ein Land ohne Botschaft"? Die Antwort lautet: Ja, aber bislang nur in einem erweiterten Underground-Zirkel. Mit seinem zweiten Album "In Hypnose" will Jens Friebe jedoch mehr. Der Sound von Tocotronic-Produzent Tobias Levin ist edler und druckvoller als der des Vorgängers. Und mit Labels steht eine potente Plattenfirma in den Startlöchern, um die friebesche Idee anspruchsvoller deutscher Popmusik unter die Julis und Silbermonde des deutschen Popradios zu schmuggeln.

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teleschau: Jens, was sollte auf Deiner zweiten Platte anders werden?

Jens Friebe: Ich wollte vor allem ein homogeneres Klangbild haben. Das hieß, es durfte nur einen Schlussproduzenten geben. Bei der ersten Platte arbeitete ich mit Armin von Milch und mit Tobias Levin zusammen. Das ergab zwei unterschiedliche Gesangsstile und eine unterschiedliche Ästhetik, sogar eine unterschiedliche Lautstärke.

teleschau: Nun hast Du das gesamte Album mit Tobias Levin aufgenommen ...

Friebe: Die Filmhochschule Ludwigsburg hatte mir die Produktion eines Videos geschenkt, und dafür brauchte ich dann schnell einen neuen Song. Den hat dann Tobias aufgenommen. Es hat gut geklappt, dann haben wir einfach weiter gearbeitet.

teleschau: Das neue Album ist mehr Gitarren-Pop und weniger Elektro. Wo liegt Deine musikalische Heimat, im Elektronik- oder Indieland?

Friebe: Ich machte viele Jahre ganz anders Musik, als es auf dieser Platte zu hören ist. Ich spielte in Bands. Die Lieder entstanden meistens am Klavier. Oft mit sehr unklaren Vorgaben. Es ist also nicht wie bei einem klassischen Singer / Songwriter. Die schreiben ein Lied so, dass man es auch alleine am Klavier vortragen kann. Ich schreibe die Stücke so, dass sie in sich defizitär sind, also über sich selbst hinaus deuten.

teleschau: Wie erfolgreich willst Du mit diesem Album sein? Du machst ja schon Popmusik, die im Prinzip die Massen begeistern könnte ...

Friebe: Man will immer das beste Album machen, das möglich ist. Man will bestimmten Leuten gefallen, die einem wichtig sind. Ich höre ja auch selbst gerne Popmusik und muss mich deshalb nicht verbiegen. Es ist ja nicht so, dass ich eigentlich so etwas machen will wie Birthday Party oder etwas anderes Schräges. Ich will auch die Brötchen verdienen. Ich höre viel Popmusik und ich mag auch bis zu einem gewissen Grad Sachen, die "perfekt" funktionieren.

teleschau: Wie weit würdet Du gehen, um einen deutschen Hit zu landen?

Friebe: Hm, ein Beispiel: Ich bin da auf einem Sampler gelandet, auf dem ich vielleicht lieber nicht gewesen wäre, einem mit deutschem Pop. Dabei ist mir aufgefallen, dass im Vergleich zu der anderen Musik, die da drauf war, bei mir noch ein paar Parameter fehlen, die deutsche Popmusik wirklich radiofreundlich macht. Aber dass es nicht so ist, das bereue ich dann auch nicht.

teleschau: Wie hast Du deine besondere Art zu texten entwickelt? Gab es da Vorbilder?

Friebe: Ich kann es nur vermuten, indem ich mir anschaue, was mich alles beeinflusst hat. Wenn ich an deutsche Musik denke, glaube ich, dass Funpunk eine gewisse Rolle gespielt hat. So etwas wie Die Ärzte und die frühen Goldenen Zitronen möchte ich sehr gerne, weil diese Bands auch vor etwas Albernem nicht zurückschreckten. Und weil sie ziemlich gut darin waren, einen natürlichen Flow in gebundene Sprache zu verwandeln. Das schaffen bis heute die wenigsten Bands. Außerdem habe ich ein bisschen Foyer Des Arts gehört. Da kommen vielleicht die skurrileren Anklänge bei mir her.

teleschau: Bist Du ein sehr produktiver Texter? Einer von denen, die für ein neues Album sehr viel mehr Stücke schreiben als dann später auf dem Album zu hören sind?

Friebe: Nein, ich werfe eigentlich nie etwas weg. Ich bin ein langsamer, gründlicher Arbeiter. Keiner von denen, die immer manisch kritzeln und dann die Hälfte vernichten.

teleschau: Hast Du ein Lieblingslied auf dem Album?

Friebe: "Still" mag ich sehr gerne. Vielleicht auch, weil es ein sehr schnelles Stück war. Das habe ich in zwei Tagen geschrieben, und dadurch hört man so ein Lied oft wie zum ersten Mal. So, als hätte es jemand anders geschrieben. "Still" hat so eine Energie und gleichzeitig eine Erschöpfung. Ich finde, es besitzt eine sehr schöne Balance zwischen diesen Gefühlszuständen.

teleschau: Manchmal werden ja durchschnittliche Songs durch eine tolle Idee zu einem außergewöhnlichen Lied. Gab es auf Deinem neuen Album auch so ein Track?

Friebe: "10.000 Zeichen" war so ein Stück. Da habe ich lange dran gesessen. Wir nahmen extra noch ein Vibraphon auf, dass hat das Stück verbessert. Trotzdem dachte ich bis kurz vor Schluss, wir nehmen das nicht mit auf das Album. Schließlich haben wir dann die Gitarren lauter gemacht, und auf einmal fand ich die Ästhetik ganz toll.

teleschau: Es ist ein Stück über Musikjournalismus. Mit einer Aussage, die man sicher auch auf andere Bereiche übertragen kann. Es geht darum, dass man Dinge manchmal besser beschreiben kann, wenn man nicht dabei war. Richtig?

Friebe: Es ist ein bisschen so ein Stück wie "Der Mond" von Rocko Schamoni. Ein solizistisches Ding. Es geht darum, sich irgendwie raus zu halten, getrennt zu sein von allem und trotzdem alles mit zu bekommen. Das ist schon einer der seltsameren Texte auf diesem Album ...

teleschau: "Kennedy" ist das erste Stück und auch die Single. Warum hast Du das exponiert?

Friebe: Das Lied entwickelt beim Hören schnell und bestechend seinen Reiz. Auch live funktioniert es gut. Ich finde, es ist eines der stärksten Stücke auf dem Album. Aber der textliche Twist, dass es ein Lied ist über Projektionen und Bündelung von Bewunderung und Abscheu - festgemacht an den Präsidenten Nixon und Kennedy -, das ist für den Erfolg und auch für die Qualität des Songs gar nicht so wichtig. Im Englischen ist es so, dass manchmal relativ belanglose Texte eine unglaubliche Power entwickeln, nur deshalb, weil sie eine bestimmte "Catchyness" aufweisen. Dass es bei uns eine ähnliche Entwicklung gibt, kann man dem Erfolg der neuen deutschen Popmusik zuschreiben. Da wird zwar oft auf eine schlagermäßige Art getextet. Doch weil so etwas allgegenwärtig geworden ist, hören die Leute nicht mehr auf jedes Wort und deuten nicht alles bis zum Ende aus. Ich finde es gut, dass diese alte Art der Rezeption nachlässt.

teleschau: Findest Du es gut, dass belanglosere deutsche Texte nicht mehr so stark wahrgenommen oder kritisiert werden? Auch weil man dann als Texter nicht mehr so unter Druck steht?

Friebe: Ich finde das zweischneidig. Es hat den Vorteil, dass nicht mehr so hingehört wird wie bei einem Liedermacher. Das führt dazu, dass der Hörer die Musik wirklich im Sinne von Popmusik verarbeiten kann. Dass man Sprache als Material bearbeiten kann. Der Nachteil ist, dass die eigene Musik vielleicht auch als Material gehört wird an Stellen, wo man das nicht will. Dort wo man einen Punkt machen will. So wie ich in meinem Stück "Theke mit den Toten".

teleschau: Ein Song gegen das Fleisch essen. Das deutsche Äquivalent zum Smiths-Song "Meat Is Murder", so schreibst Du ...

Friebe: Ich habe jetzt öfter gehört, dass die Leute das Stück beim ersten Hören gar nicht verstanden haben. Dabei dachte ich, dass es ein ziemlicher Holzhammer ist: "Kaufhaus ist Paradies, Schlachthaus blutiges Verließ". Das ist nicht so weit weg von "Death for no reason is murder".

teleschau: Aber ein schöner lyrischer Popsong ist Dir am Ende doch wichtiger, als wie Du Deine Botschaft rübergebracht hast?

Friebe: Wenn man Kunst benutzt, um Aussagen zu treffen, ist es ohnehin fraglich genug, ob das etwas bringt. Wen überhaupt, dann aber über gelungene Kunst. Schlechte Kunst für irgendeine gute Sache nutzt der Sache gar nichts. Das, was man transportieren will, muss erst einmal als Kunstwerk wirksam sein. Ansonsten sollte man sein Anliegen vielleicht doch besser erzählen.

Eric Leimann


Pop gegen Schlachthäuser und über Musikjournalisten: Jens Friebe.
Pop gegen Schlachthäuser und über Musikjournalisten: Jens Friebe. (Labels)

Mit "In Hypnose" ist Jens Friebe eine deutliche Steigerung zum Vorgänger "Vorher Nacher Bilder" gelungen.
Mit "In Hypnose" ist Jens Friebe eine deutliche Steigerung zum Vorgänger "Vorher Nacher Bilder" gelungen. (Labels)

Datum: 27.08.2005

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