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Scorpions
Der Anschluss an die ModerneBand Scorpions (tsch) Meistens sind es ja eher die Angestellten der Plattenfirma, die das Vorspielen einer neuen Schallplatte erledigen. Rudolf Schenker aber macht's selber. In einem Meeting-Raum der Sony BMG-Zentrale in München schiebt er nicht unaufgeregt die erst vor einigen Stunden eingetroffene Master-Kopie in den Player, kämpft ein bisschen mit der Skip-Funktion der Stereoanlage und ist stolz. Das darf er auch sein, denn seine Band Scorpions verkaufte stolze 75 Millionen Alben. Jetzt erscheint mit "Humanity - Hour I" ein neues Studiowerk. Grund genug für ein Gespräch mit Gitarrist Rudolf Schenker. Der zupft seit 1965 die Saiten bei der Band und hatte den Gesangspart inne, bis 1969 Klaus Meine dazu stieß. Wie wichtig das was folgte war, zeigt unter anderem ein ganz besonderer Special Guest. Anzeige
teleschau: Billy Corgan von den Smashing Pumpkins ist Special Guest auf "Humanity - Hour 1" - nicht unbedingt die nächstliegende Verbindung. Wie kam's dazu? Rudolf Schenker: So abwegig ist das gar nicht. Billy Corgan ist ein großer Scorpions-Fan. Ich sah schon vor vielen Jahren mal ein Konzert, bei dem er "Rock You Like A Hurricane" spielte. Schon als wir vor einigen Jahren dieses Projekt mit den Berliner Philharmonikern machten, versuchte ich, an ihn heranzukommen, da war er aber gerade ohne Management und nicht erreichbar. Als wir jetzt in den USA ein neues Management suchten, trafen wir den Schlagzeuger von Extreme, der heute im Business tätig ist - und wiederum mit Billy Corgan befreundet ist. Und so kamen wir zusammen und irgendwann auf die Idee, doch einmal etwas gemeinsam aufzunehmen - so kam's zu "The Cross". teleschau: Deutsche Alternative-Fans hätten das wohl kaum vermutet. Schenker: Es ist beruhigend zu wissen, dass die deutsche Rockband Scorpions im Ausland doch mehr Spuren hinterlassen hat, als man denken mag. Auch Green Day sind Fans von uns, System Of A Down ebenfalls. Es ist schon geil mitzubekommen, dass man nicht nur Musik für die breite Masse, sondern auch für andere Musiker gemacht hat. teleschau: ... sogar für Bands, die Kritikerlieblinge sind! Schenker: Als es Anfang der 90er-Jahre diese Alternative-Welle gab, wurden wir niedergemacht. Das schockte uns damals nicht, weil dieser 80er-Rock tatsächlich ausgespielt hatte. Hair Bands, geile Autos, Frauen, das war einfach tot. Da kam so eine Band wie Nirvana, die zu drei Akkorden ihre Wut herausschrie, natürlich gerade recht. Aber trotzdem hat sich das Neue aus dem Alten entwickelt. Und deswegen muss man an seine Musik glauben. Diese Tradition, die wir verkörpern, ist wichtig und hält einen Bereich am Leben, der eigentlich erst tot war. Und dann entsteht wieder etwas Neues daraus! Das ist einfach toll und das wird in den USA übrigens anders wahrgenommen als hier. Diese Trennlinie zwischen vermeintlich coolem Alternative-Rock und Mainstream-Rock existiert dort nicht wie bei uns. teleschau: "Humanity - Hour 1" entstand in Los Angeles. Hübsche Stadt. Wie vermeidet man da, dass man erst einmal ins Nichtstun und in Urlaubsstimmung verfällt? Schenker: Ganz einfach, in dem Du mit den richtigen Menschen zusammenarbeitest. Unser Produzent Desmond Child hatte das drauf. Er brachte uns in den richtigen Spirit, mietete sogar Personal Trainer an - so widmeten wir uns wirklich diesem Projekt, dieser Platte. Wir gingen direkt an die Arbeit und blieben da vier Monate dran. Erst später kamen wir in die Relaxphase, genossen das Nachtleben und trafen unsere Freunde. Los Angeles war in den 80er-Jahren immerhin so etwas wie unser Zuhause. "Crazy World" entstand da, insofern ist es für uns trotz des Besonderen der Stadt, trotz dieser konzentrierten Kreativität, die da herrscht, vergleichsweise normal, dort zu sein. Du gehst Melrose runter und triffst den Typen von System Of A Down oder trinkst im Club einen mit Slash - dir laufen einfach ständig bekannte Gesichter über den Weg. teleschau: Geht man sich in vier konzentrierten Monaten nicht auf die Nerven? Schenker: Nein, wir brauchen auch keine Pausen voneinander, bevor wir aufnehmen. Wir sind uns aber auch immer sehr einig, was solche Dinge angeht, diskutieren alles aus. Da herrscht Freundschaft und Respekt vor dem anderen. Wenn das da ist, nervt man sich auch nicht. teleschau: Was ist die Geschichte von "Humanity - Hour I"? Schenker: Es ist nicht unbedingt ein klassisches Konzeptalbum, aber schon eine Platte mit Inhalt. Wir sagen: "Leute, denkt daran: Es gibt andere Werte als nur die materiellen! Besinnt Euch, sonst geht's eben mit der Menschheit schnell bergab." Aber wir machen das nicht mit dem Zeigefinger und nicht nur auf einer politischen Ebene. Viele Songs gehen auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen ein. "The Cross" handelt von der Vergewaltigung eines kleinen Jungen durch einen Priester. Der Zuhörer soll erst von der Musik gepackt werden und sich dann mit dem Text beschäftigen, ihn so lesen, wie er eben möchte. Denn einige Songs, etwa "Future Never Dies" zeigen auch auf, dass der Wandel immer möglich ist. Deswegen brauchen wir Menschen wie Al Gore mit seinem Kinofilm oder Bono, die das kollektive Bewusstsein, was Dinge wie Umweltschutz und Armut angeht, anheben. Und genau da wollen wir helfen. teleschau: Das mit der Botschaft scheint aber nur wenigen Bands wichtig zu sein ... Schenker: Neue Bands sind wie kleine Pflanzen. Früher wurden die gehegt und gepflegt. Und so entwickelten Künstler eine Persönlichkeit, die irgendwann eben auch etwas zu sagen hatte. Heute wird der große Eimer genommen, viel gedüngt, und im Schnellkursus ist eine Band da. Ohne jedes System. Dieses ganze "Superstar"-Ding zeigt doch, dass Persönlichkeit heute in der Musik nicht mehr gefragt ist. Wer welche besitzt, wird rausgeschmissen, weil er nicht so leicht zu leiten ist. Wichtig ist: gute Stimme, gute Optik. Wo sollen da bitte Botschaften herkommen? Insgesamt ist heute die Musikwelt viel komplexer, als sie früher einmal war. Da gab es die Rolling Stones und die Beatles. Heute kannst Du entweder dieses Radio-Fastfood wählen oder eben das gute Zeug. Und wieder dadurch finden Bands wie System Of A Down ihren Weg - weil weniger Aussagen da sind, werden sie gehört. teleschau: Ihr habt Euch 1965 gegründet. Wenn Du die damalige Zeit betrachtest: War der Weg zum Superstardom, zu "Rock You Like A Hurricane", einfacher? Schenker (überlegt): Es ist genauso einfach und genauso schwer. Es gibt heute einfach so unfassbar viele Möglichkeiten. Aber im Prinzip ist ja alles dasselbe. Wer kreativ ist, präsentiert sich auf 'ner geilen Internetseite und wird dann irgendwann seinen Plattenvertrag bekommen. Ab da ist der Weg dann der gleiche wie früher. Nur: Damals gab's noch keine Massenmedien, da gab's den Hype noch nicht. Du musstest spielen, spielen, spielen. Erst dann warst du ein Star. teleschau: Was war der erste Moment, an dem sich die Scorpions als Stars gefühlt haben? Schenker: Japan, 1978. Wir kamen in Tokio auf dem Flughafen an, und schon dort waren tausende Fans. Wir wurden dann mit schwarzen Limousinen in unser Hotel gefahren, und die ganze Lobby war voll von Frauen. Da sagten wir uns: "Jetzt wissen wir Bescheid. Das kommt auf uns zu." Jochen Overbeck |
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