(tsch) Der Engländer ist ein geduldiger Mensch - jedwedes Vordrängeln ist ihm fremd.Wenn die Schlange vor dem Electric Ballroom im Londoner Hipster-Stadtteil Camden 150 Meter lang ist, stellt man sich eben an und wartet, bis sich die Türen des legendären Live-Clubs öffnen. Zu spät kommt an diesem Donnerstagabend sicher keiner. Denn der Typ, der da vorne steht und gar nicht so wirkt wie einer, der im normalen Berufsalltag bald von der Firmenleitung in Rente geschickt werden würde, ist lebendige Geschichte: Paul McCartney hat eingeladen - ein Geheimkonzert ist's, das nur über die Homepage angekündigt wurde, einen Tag vorher - und dennoch innerhalb von nur 13 Minuten ausverkauft war und außerdem so eine Art Schaulaufen für die High Society zu sein scheint.Dass dieser Tage mit "Memory Almost Full" ein neues Studioalbum des Ex-Beatles erscheint - übrigens bei Hear Music, einer Tochter der Kaffeerösterei Starbucks, spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Anzeige
Schon der erste Song ist ein Statement. "Drive My Car" eröffnet das Set mit einer Energie, die doch ein bisschen überrascht und den Ballroom bis in die letzte Ecke zum Kochen bringt. Und diese Linie verfolgt McCartney konsequent: Er und seine vierköpfige Band spielen sich durch ein Repertoire, das zur Hälfte aus Klassikern besteht. Zu "The Long And Winding Road" wechselt McCartney ans Klavier, "Blackbird" intoniert er alleine und verblüffend zärtlich auf der Gitarre. "Lady Madonna", "Get Back" und "Back In The USSR" rocken immens, "Hey Jude" beendet das Hauptset auf strategisch ganz geschickte Weise: Den Refrain singt natürlich jeder mit. Immer lauter, immer hymnischer und immer begeisterter - bis McCartney eben doch noch einmal auf die Bühne kommt, um das Publikum mit "Let It Be" und "I Saw Her Standing There" zu entlassen. Da schließt sich ein Kreis: Vor 43 Jahren war das der Anfang des ersten Fab-Four-Albums. Einziger Höhepunkt aus dem mit nur vier Songs angerissenen neuen Album ist das früh gesetzte melancholische Mandolinen-Lied "Dance Tonight", das aber eine Menge vom Geist der Beatles atmet.
Und: Dieser Geist ist augenscheinlich das, um was es Paul McCartney geht. Der Electric Ballroom mit seiner Kapazität von etwa 1.000 Zuschauern ist einer dieser Plätze, an denen die Modernität offenbar ohne Seitenblicke vorübergezogen ist. Hier gibt's keine Leinwände, keine supermoderne Lightshow und sicher auch keine Kids, die Myspace-Freunde sind. Hier regiert das England, das man aus den Geschichten der Vergangenheit kennt und das sicher auch von McCartney mit in die Welt transportiert wurde: Schlange stehen, eben. Dazu Bier ohne übertriebene Schaumkrone, Höflichkeit selbst an den Pissoirs und ein leichter Schmierfilm, der über allem liegt, auch über der Bühne, die für den prominenten Gast nicht extra herausgeputzt wurde. Klein ist sie, doch das macht McCartney nichts. Agil und selbstverständlich bewegt er sich zwischen den verschiedenen Instrumenten, scherzt mit den Zuschauern in der ersten Reihe und macht generell den Eindruck, hier ein Konzert für gute Kumpels zu geben - im Ringelshirt.
Da wird sich Gareth Gates gefreut haben. Der Sänger, wohl vor allem aufgrund seiner optischen Vorzüge einer der meistfotografiertesten Promi-Gäste des Abends, strahlte aber ohnehin - denn auch wenn's für ihn wie auch für Pierce Brosnan oder Dave Gilmour in erster Linie ein gesellschaftliches Ereignis gewesen sein mag, dem Charme McCartneys und seiner unfassbaren Spielfreude konnte sich an jenem Abend wohl kaum jemand entziehen.
Einer merkte man die Begeisterung übrigens dann doch an. Kate Moss stand auf der Empore und ließ sich nicht davon irritieren, dass sie sich so zu einer Art Nebenkriegsschauplatz machte: Sie jubelte. Lange, auch nach Ende des Gigs. Mit so viel Leidenschaft wie die Presse und das ganz normale Publikum. Einer wie Paul McCartney eint die Menschen eben, dass er am Ende nicht nur allen Anwesenden und der Queen, sondern auch sich selbst dankt, ist nur angemessen.
Jochen Overbeck
Mit "Memory Almost Full" veröffentlichte Paul McCartney ein neues Studioalbum - jetzt gab er sein erstes Clubkonzert seit Jahrzehnten. (Universal Music)
Konzentration, bitte: Wenn Paul McCartney spielt, schweigt selbst die Prominenz. (Universal Music)
Bat nach London und transportierte die Vergangenheit in den Electric Ballroom: Paul McCartney. (Universal Music)