Jens Richter
Es muss fliegen können(tsch) Deutsches Fernsehen ist nach langer Durststrecke ein gefragter Exportartikel geworden, doch die Programme made in Germany sind international noch lange keine Selbstläufer. Worauf es beim Lizenzverkauf ankommt, erklärt Jens Richter (41), Geschäftsführer des ProSiebenSat.1-Vertriebs SevenOne International. Er spricht im Interview über die besonderen Herausforderungen seines Jobs und über die jüngsten Top-Seller aus dem eigenen Programmportfolio. Anzeige teleschau: Herr Richter, Stefan Raab hat in Luzern die "Rose D'Or" verpasst, Sie machen dennoch einen zufriedenen Eindruck! Jens Richter: Awards sind schön und hilfreich als Verkaufsargument, das haben wir zum Beispiel bei der "Schillerstraße" gesehen. Die Kunden schauen aber noch mehr darauf, ob ein Format im Herkunftsland funktioniert. Da "Schlag den Raab" der erfolgreichste Neustart einer Unterhaltungsshow in den letzten drei Jahren im deutschen TV war, müssen wir nicht groß mit Preisen protzen. teleschau: Was muss eine Produktion noch mitbringen, damit sie auf dem internationalen Markt funktioniert? Richter: Es gibt ganz klare Kriterien. Fiktionale Programme müssen zuallererst eine gute Story liefern. Sie müssen den Zuschauer durch ihre Erzählweise packen, Emotionen wecken und mit ihren Bildern begeistern. Bei Unterhaltungsshows will der Kunde eine tolle Idee haben - die sich in ihrem Heimatland schon bewährt hat. Denn starke Quoten sind das beste Verkaufsargument. Ich sage immer, ein Stück muss inhaltlich fliegen, um die Welt reisen können! teleschau: Was fliegt denn derzeit, von "Schlag den Raab" einmal abgesehen? Richter: Die "Schillerstraße" wollen zum Beispiel sehr viele haben. Allerdings stellt hier die lokale Umsetzung manchmal eine Herausforderung dar. In manchen Ländern gibt es kaum Impro-Comedians. Also muss man zuerst einmal die geeigneten Protagonisten finden. In Italien wurde das dort sehr prominente Comedy-Duo "Ale e Franz" aus der Sitcom "Zelig" übernommen. Das hat funktioniert. Die "Schillerstraße" feiert in Italien unter dem Titel "Buona la prima" mit einem überdurchschnittlichen Sendermarktanteil Erfolge. Das Format wurde bisher von 15 TV-Sendern erstanden. Zuletzt haben auf der MIPTV 2007 Griechenland und Rumänien zugeschlagen. teleschau: Wird bei den Adaptionen grundsätzlich neu besetzt? Richter: Bei lokalen Adaptionen wird immer neu besetzt. In seltenen Fällen wird jedoch auch mal die deutsche Originalfassung erworben und in die Landessprache übersetzt. Bei "Clever", das zum Beispiel in China und Thailand extrem erfolgreich ist, wird Wigald Boning in astreinem Mandarin und Thai synchronisiert - das macht Freude. teleschau: Deutsche TV-Unterhaltung gilt, von "Wetten, dass ..?" einmal abgesehen, eigentlich nicht als Exportschlager. Richter: Das hat sich geändert. Unterhaltung aus Deutschland hat einen guten Ruf - was sicher auch mit der guten Arbeit der Gottschalk-Brüder zu tun hat. Erfolge befruchten sich eben gegenseitig. teleschau: Wie war das früher? Richter: Durchaus schwierig. Es gab immer Renner wie "Derrick" oder "Kommissar Rex", aber bei manchen der angebotenen Fiction-Programme kam aus Frankreich oder Italien schon mal der Kommentar: "Ihr macht ja ganz gute Filme, aber: Warum sind Eure Schauspieler so unattraktiv?" Noch schwieriger war es für Unterhaltung oder deutsche Comedy. Zwischen Humor und Deutschland ist international lange keinerlei Verbindung hergestellt worden, da traute man uns nichts zu. Ich erinnere mich gut an den verheerenden ersten Pitch mit der "Schillerstraße". Auch eine Telenovela wie "Verliebt in Berlin" hätte uns keiner zugetraut. Doch genau da kommen wir als Lizenzverkäufer ins Spiel: Unser Job ist es, immer wieder zu sagen: "Es kann funktionieren!" Diese Überzeugungsarbeit muss man in diesem Geschäft permanent leisten. teleschau: Wenn Sie ein Format wie "Schlag den Raab" ins Ausland verkauft haben - wie darf man sich die weitere Entwicklung vorstellen? Richter: Konkret arbeiten Produzenten in fast allen Kernmärkten gerade daran, den entsprechenden Moderator zu finden - man braucht einen besonderen Typen, der polarisiert -, und sie machen sich über die Programmierung Gedanken. Was bei uns eine fast beliebig dehnbare Liveshow am Samstagabend ist, kann in einem anderen Land ganz anders aussehen. Vielleicht will ein Sender das Format zum Beispiel lieber zu einer wöchentlichen 60-Minuten-Show umbauen. teleschau: Was Ihnen nach dem Verkauf egal sein könnte ... Richter: Ganz und gar nicht. Unser Verkaufspaket beinhaltet sogar die gegenseitige Verpflichtung des Dialoges. Wir bringen den deutschen und den ausländischen Produzenten zusammen und überlegen gemeinsam, wie und ob etwas machbar ist. Denn wir wollen, dass das Format so originalgetreu wie möglich umgesetzt wird. Die Käufer erwerben in der Regel nicht die fertige Show, sondern die Idee und jede Menge Know-how. Brainpool und ProSieben haben in Deutschland intensive Entwicklungsarbeit geleistet, Marktforschung betrieben, Zeit und Geld investiert. Dadurch wissen wir genau, was funktioniert, etwa bei den Wettkämpfen. Käufer erwerben immer auch einen Wissens- und Zeitvorsprung. Kein unwesentliches Kriterium für eine so schnelle Branche wie das TV-Geschäft. teleschau: Wie passt "Schlag den Raab" in die Zeit? Richter: Wir erleben gerade ein Revival der Game-Shows, und große Gameshows mit einem innovativen Konzept sind international sehr gefragt. Ein Vorteil ist, dass wir hierzulande schneller geworden sind. In Deutschland wurde beispielsweise schon die zweite, dritte Staffel von "Big Brother" gezeigt, als man in Frankreich noch diskutierte, ob man so was überhaupt machen darf. Klar wissen wir, dass jeder Trend irgendwann eine Übersättigung erfährt und sich wieder abschwächt, also kommt es am Markt auf Schnelligkeit und Innovationskraft an. Im Bereich der Gameshows ist "Schlag den Raab" sicher einzigartig. Es gibt sonst kein Format, in dem der Kandidat gegen den Moderator antritt. Auch die anderen Raab-Formate wie die WOK-WM sind im Ausland gefragt. Wir vermarkten sie unter dem Titel "Stars in Danger". teleschau: Gutes Stichwort: Können Sie sich vorstellen, dass die "WOK WM" eines Tages auch im Heimatland der WOK-Küche, also in China veranstaltet wird? Richter: (lacht) Ausgeschlossen ist gar nichts. Wenn man Formate verkauft, darf man sich nicht auf den bewährten Pfaden bewegen. Natürlich sind wir daran interessiert, die in der Umsetzung nicht ganz günstigen Sportevents von Stefan Raab gut zu verkaufen. Einige ausländische Sender haben sich die Rechte bereits gesichert. teleschau: Insgesamt präsentierten Sie in Cannes über 50 neue Programme. Der Schwerpunkt war die Fiction. Inwieweit werden heute Serien und Movies von vornherein für die internationale Vermarktung produziert? Richter: Grundsätzlich muss eine lokale Produktion erst einmal den lokalen Markt treffen. Man will die Identifikation für den Zuschauer herstellen. Aber je aufwändiger und teurer eine Produktion ist, umso mehr wird auf den internationalen Finanzierungsbeitrag hinproduziert. Wenn etwa Berlin als die neue, junge, wachsende, boomende Großstadt, als internationale Metropole dargestellt wird, kann man den Standort auch im Lizenzverkauf wunderbar einsetzen. Deswegen funktioniert zum Beispiel "Verliebt in Berlin" so gut in Frankreich. Würden wir Lisa Plenske aber in den lokalen Kiez schicken, ginge das nicht mehr. Der Kiez in Deutschland sieht völlig anders aus als in Frankreich. Da kommt man schnell in lokale Settings rein, die sich im Ausland kaum mehr erklären lassen. teleschau: Nehmen Sie als Lizenzverkäufer Einfluss auf den kreativen Prozess? Richter: Bei vielen Produktionen gibt es einen sehr frühzeitigen Dialog, weil man weiß, dass es ohne internationale Sender im Boot nicht funktionieren wird. Da sage ich schon mal, dass zum Beispiel ein französischer Star sich ganz gut machen würde. "Der geheimnisvolle Schatz von Troja" mit Heino Ferch und Melanie Doutey ist dafür ein gutes Beispiel. Natürlich hat uns die Darstellerin auf dem französischen Markt geholfen. teleschau: Kommt Ihrer Ansicht nach der nächste große internationale Renner aus Deutschland? Richter: Könnte sein. Ich glaube, dass "The Successor", eine israelische Show für die wir den Vertrieb machen und in der Uri Geller seinen Nachfolger sucht, international für Furore sorgen wird. Sie war der erfolgreichste Launch inklusive des fiktionalen Bereiches in der israelischen Fernsehgeschichte! In Cannes haben sich alle um diese Talentshow gerissen. Bei einem Castingprozess werden Leute mit außergewöhnlichen Talenten gesucht, die mit hohen Ambitionen und atemberaubenden Performances in die Show kommen. Am Ende der Episode wählen die Zuschauer ihre Favoriten, und Geller ist quasi der Dieter Bohlen von "The Successor", der auch vor der Interaktion mit dem Zuschauer zu Hause nicht zurückschreckt. Da gibt's wieder haufenweise verbogene Löffel und viele andere Überraschungen. "The Successor" deckt eine große Bandbreite an Emotionen ab und ist ein Programm für die ganze Familie - genauso wie "Schlag den Raab". teleschau: Und demnächst läuft die Show bei Sat.1 oder ProSieben? Richter: Schau'n mer mal. Frank Rauscher |
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