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Overlord

Virtuelle Niedertracht

Böse, aber gut: "Overlord" ist so etwas wie der fiese Zwillingsbruder des Nintendo-Hits "Pikmin". Nur witziger ...

(tsch) Weil Moral auf Dauer ganz schön anstrengend und virtuelles Gutmenschentum ziemlich öde sein kann, beschreitet "Overlord" andere, dunkle Pfade. Hier soll, nein, hier muss der Spieler teuflisch böse sein, plündern und brandschatzen, um - was sonst? - die Weltherrschaft an sich zu reißen. Ein perfides Vergnügen, zumal sich "Overlord" als eine sarkastische und schwarzhumorige Persiflage auf das Fantasy-Genre im Allgemeinen und "Herr der Ringe" im Besonderen entpuppt. Die Ähnlichkeit des Titelfinsterlings mit dem Dunklen Herrscher aus der Kinotrilogie ist jedenfalls frappierend und auch Hobbits dürfen nach Belieben verkloppt werden ...

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Zwischen Wiedergeburt und Allmacht liegt jedoch ein langer Weg. Fünf Provinzen - von blühenden Hobbit-Landschaften bis zu mysteriösen Dunkelwäldern - wollen in diesem eigenwilligen Action-Strategie-Mix, der glatt der völlig verdorbene Zwillingsbruder des Nintendo-Hits "Pikmin" sein könnte, unterjocht werden. Sieben sündige Helden vom Schlage eines dauerbesoffenen Zwergs, eines sexsüchtigen Paladins und verfetteten Halblings wollen ihre Vorherrschaft allerdings nicht kampflos aufgeben und müssen in einer Reihe anspruchsvoller Bossfights besiegt werden.

Alleine hätte der geschwächte Overlord keine Chance. Doch zum Glück hat der miese Monarch seine Schergen - kleine, devote Kreaturen mit spitzen Ohren und schiefen Zähnen, die aussehen, als hätte Gollum Unzüchtiges mit einer Horde Gremlins getrieben. Die treudoofen Helfer aus der Hölle lassen sich mit dem rechten Analogstick entweder direkt bewegen oder mit der Schultertaste an einen Ort befehligen, um dort Gegner zu attackieren, Schalter in Bewegung zu setzen, alles Wertvolle (Gold, Waffen, Rüstungen) zusammenzuraffen oder schweres Gerät aufzuheben - sofern sie nicht dem Alkohol verfallen oder wie gebannt einem Barden lauschen und das Tanzbein schwingen ...

Bis zu 50 partysüchtige Gnome können - genügend Lebensessenz vorausgesetzt - an bestimmten Schreinen beschworen und herumkommandiert werden, wobei es grundsätzlich vier unterschiedliche Gattungen gibt: braune Haudraufs, rote Pyromanen, grüne Meuchelmörder und blaue Schamanen. Jede Art hat so ihre Vor- und Nachteile, die ein taktisches Vorgehen an bestimmten Stellen unerlässlich machen. Manche der loyalen Krummbuckel sind immun gegen Feuer, andere gegen Gift - aber das kennen wir alles schon aus "Pikmin". Ihnen gemein ist jedoch die gute Künstliche Intelligenz. Die kleinen Racker bleiben nur selten irgendwo hängen und rüsten sich obendrein mit gefundenem Krempel selbstständig aus.

Gelegentlich muss sich der Overlord allerdings auch selbst die Hände schmutzig machen - etwa, wenn er mit Axt und Magie seine Schergen schützen muss, während die ein Hindernis aus dem Weg räumen.

Ausgangspunkt allen Fantasy-Terrors ist der Turm des Overlords. Das alte Gemäuer kann im Lauf des Spiels durch Schöner-Wohnen-Aktionen und eingesammelte Gegenstände Stück für Stück in eine finstere Feste ausgebaut werden - inklusive Sparring-Verlies, pompösem Thronsaal und Schmiede. Dort werden unter anderem neue Waffen und Rüstungen erstellt und mit verheizten Schergen nachhaltig verbessert. Leider erfordert es viel zu viele Opfer, um etwa der Axt des Overlords einen ordentlichen Bonus zu bescheren. Was leider dazu führt, dass sich manche Aufgaben im späteren Spielverlauf wiederholen: Um nämlich genügend Lebensessenz für die benötigten Schergen zu bekommen, müssen manche Abschnitte erneut besucht und ganze Heerschaaren von Schafen abgeschlachtet werden ...

Das klingt jetzt natürlich ziemlich übel, niederträchtig und fragwürdig, wird aber derart gekonnt mit schwarzem Humor gewürzt, dass so gut wie keine Bedenken aufkeimen. Hinzu kommen viele witzige Slapstick-Einlagen und Zwischensequenzen, die meist die nächste Mission einläuten. In diesem Zusammenhang muss auch die Synchronisation lobend erwähnt werden: Wenn Gnarl, die rechte Hand des Overlords, sich aus dem Off immer wieder mit altklugen Ratschlägen zu Wort meldet, bleibt meist kein Auge trocken. Schade nur, dass sich der Overlord selbst vornehm mit Kommentaren zurückhält ...

Richtig böse Schnitzer hat sich Codemasters so gut wie keine erlaubt. Bis auf die fehlende Übersichtskarte vielleicht. Die wäre nötig gewesen, um in den ebenso großen wie wunderbar inszenierten Level die Übersicht zu bewahren - zumal eine Nachjustierung der Kameraperspektive kaum möglich ist. Im späteren Verlauf wird auch die Steuerung zunehmend sperriger, aber nicht unbeherrschbar. Die schicke und effektreiche Grafik, der rabenschwarze Humor und der Prügelknabe von Hofnarr stimmen jedoch nachhaltig milde ...

Bernd Fetsch




Datum: 03.07.2007

Diskussion: "Overlord"

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