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Tocotronic

Die Chance des Untergangs

Band Tocotronic

(tsch) "Wir werden im Besitz der magischen Formel sein: Fuck. It. All." Tocotronic begleiten die Veröffentlichung ihres neuen Albums "Kapitulation" mit einem Manifest, das mit jenen Worten endet. Das ist hübscher Größenwahn, vielleicht auch ein bisschen der Versuch, allzu große Erklärungsforderungen zurückzuweisen. Hey, steht da doch alles ganz genau aufgeschrieben, Weiß auf Schwarz! Was zunächst ein bisschen nach Selbstüberschätzung, nach bequemer und auf hohem sozialem wie finanziell abgesichterem Niveau sicher leicht erlebbarer trotziger Verweigerung gegen die Mainstream-Gesellschaft klingt, ist gerade, weil man so lange überlegen muss, wie ernst man das nun nehmen soll, Teil eines der wichtigsten Kunstwerke des Jahres. Die "Kapitulation" zieht den Hörer in ihren Bann, wie das nur wenige Platten tun. Nicht nur Album und Single - auch Artwork, Live-Auftritte und das erste Video spielen da ganz heftig mit rein. Dass Arne Zank und Dirk von Lotzow ihre Interviews in der Lobby, also quasi im Herz des größten Konferenzhotels Münchens, und damit inmitten der auf der Platte so harsch abgeurteilten Leistungsgesellschaft geben, passt da ganz gut.

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teleschau: Der Begriff Kapitulation ist einer, der in Deutschland nicht sehr oft in Zusammenhang mit einem Unterhaltungsprodukt verwendet wird. Gerade nach dem Fahnenmeer des letzten Fußballjahres ist das wahrscheinlich das letzte, an das die meisten Deutschen denken wollen. Singt Ihr dagegen an?

Dirk von Lotzow: Die antinationalistische Tendenz des ganzen Themenkomplexes war uns natürlich bewusst. Wir bieten sie dem Hörer an und finden sie genau richtig, weil wir diesen wiederaufkeimenden Patrioismus extrem abscheulich finden. Aber alleine das, also so eine Art der Provokation, wäre zu eindimensional für ein Album. Das wäre dann ja sozialkritische Kunst, und so etwas interessiert uns überhaupt nicht, das sollen bitte andere machen. Man braucht da schon eine gewisse Vielschichtigkeit.

Zank: Wir wollen damit auch niemanden belehren oder aufrütteln. Das ist Rock / Pop, und damit ein Angebot an alle Menschen. Die können das hören oder nicht, die können das auch doof finden. Wir sind ja keine Partei, die irgendwie Stimmen sammeln muss.

teleschau: Bekommt Ihr da Gegenwind? Schon die letzte Platte hatte mit "Aber hier leben - nein danke" einen durchaus politisch zu rezipierenden Song.

von Lotzow: Oh ja. Es gibt Medien, die uns nicht mögen, weil sie einfach ein ganz anderes Weltbild transportieren. So nach dem Motto: Deutschland muss leben, und wir müssen alle arbeiten, um unsere Leben lebenswert zu machen. Da geht es eben darum, dass dein Chef dein bester Freund ist. Anpacken, offen über die Gefühle zu reden, und so weiter: Das ist natürlich so ein Zeitgeist, gegen den wir uns wenden.

teleschau: Was war die Grundidee zur "Kapitulation"?

von Lotzow: Ich glaube nicht, dass es eine Grundidee gab, die ganze Sache entstand eher aus sich selbst heraus - weil "Kapitulation" ein Wort ist, das einem, wenn man es benutzt, den Boden unter den Füßen wegzieht. Zuerst war das Lied da. Es gefiel uns sehr schnell, weil es die Struktur eines Kirchenliedes hat - weil es ja textlich Hoffnungen nährt, die es recht schonungslos zerstört, um am Ende dann doch wieder die Liebe zu thematisieren. Wenn man da dann das Wort "Kapitulation" einsetzt, entsteht die größtmögliche Negation, die man haben kann. Es ist auch phonetisch ein wahnsinnig schönes Wort - und es fräste sich dann so lange durch, bis es der Plattentitel wurde.

teleschau: Also gab es kein Konzept ...

von Lotzow: Wir arbeiten schon sehr konzeptuell, weil wir das mögen. Aber im Enstehungsprozess stecken auch viele Zufälligkeiten drin, auf die man dann wieder reagieren muss. Insofern ist es eben kein Konzeptalbum.

teleschau: Wann begann die Arbeit an "Kapitulation?

Arne Zank: Wir machten nach dem letzten Studioalbum "Pure Vernunft darf niemals siegen" sehr schnell weiter. Durch den Spaß am Live-Musizieren blieben wir im Prozess des Musizierens gewissermaßen drinnen. Dirk fing dann als Songwriter rasch an, neues Material zu schreiben. Wir befinden uns momentan in einem kontinuierlichen und sehr beglückenden Prozess, der bereits mit dem letzten Album begann. So ist die Platte gewissermaßen eine sehr direkte Reaktion darauf - was sicher auch daran liegt, dass der Produzent mit Moses Schneider gleich blieb und er seine klaren Eigenheiten im Arbeitsprozess hat. Unterschiede gab's trotzdem: Damals war's ein kleiner Raum, in dem wir aufnehmen, diesmal ein großer.

teleschau: Die neuen Songs passen in puncto Klangfarbe gut zu den ganz alten, vor allem live. War das irgendeine Art von Agenda?

Dirk von Lotzow: Ich bin mir nicht so sicher, ob das wirklich stimmt. Wir waren lange Zeit nicht mehr wirklich an den gängigen Rockismen interessiert - eigentlich seit "K.O.O.K.", also seit 1999. Ab da war unsere Haltung eigentlich eine andere, mit der wir gängige Klischees vermeiden wollten. Auf "Kapitulation" ist der Ansatz vielleicht wieder da, da interessierte uns: Wie kann man Rockmusik mit all der Dynamik, die sie hat, also mit Soli, verzerrten Gitarren et cetera, wie kann man diese musikalische Themen und Strukturen aufgreifen und wieder verarbeiten.

Zank: Aber für uns hat das mit dem Frühwerk nicht viel zu tun. Dass es im Konzert angenehm flüssig funktionierte, fiel uns aber natürlich auf. Das ist eher Zufall und ein sehr schöner Begleiteffekt der neuen Platte, aber das war keine bewusste Entscheidung. Das wäre auch rückwärtsgewandt und damit einfach nicht interessant für uns.

teleschau: War es schwierig, die alten Lieder mit ihren ja recht anders strukturierten Texten in das neue Set einzubinden?

von Lotzow. Nein, Stücke, bei denen das schwierig wäre, spielen wir einfach nicht. Da sind wir rigoros, die ignorieren wir. Man merkt dann oft auch, dass es nicht funktioniert. Die kann ich nicht mehr singen. Wir probieren das aus und stellen fest: Das klingt furchtbar. Du darfst auch nicht vergessen, dass es von uns 180 Songs gibt. Davon ist nicht alles Gold, was glänzt.

Zank: Außerdem hat man diese Songs ohnehin nicht alle präsent. Da müsste man wesentlich fleißiger sein, als wir sind und auch sein wollen. Man sucht sich aus, was man gerne spielt, und manchmal entdeckt man alte Stücke neu. Das war zuletzt zum Beispiel mit "Sie wollen uns erzählen" so.

teleschau: Einen der neuen Songs, "Verschwör Dich gegen Dich" habt Ihr das erste Mal bereits im vergangenen Spätsommer gespielt - zwei Tage später stand's bei youtube und wurde in allen Fanforen diskutiert. Rechnet man als Band mit so etwas?

Zank: Das war uns natürlich vorher überhaupt nicht bewusst. Wir dachten, es würde im Internet unterwegs sein, aber in dem Maße hatten wir das nicht unbedingt erwartet. Aber es ist ganz schön, und so als erster bekannter Song des Albums vielleicht nicht schlecht gewesen. Im Übrigen ist diese Hingabe im Internet eine Fanhaltung, die einem total schmeichelt, die total nett ist.

teleschau: Ist es einem manchmal unheimlich, dass so etwas für immer abrufbar bleibt?

von Lotzow: Natürlich, manchmal fühlt man sich da beobachtet. Aber in unserem Fall ist es in Ordnung, weil sich die Aufmerksamkeit rein auf unseren künstlerischen Output bezieht. Wir legen Wert darauf, dass wir nichts Privates nach außen tragen. Heutzutage ist es leider recht üblich geworden, dass Medien als Marketing-Tool plötzlich eine extreme Nähe zu Künstlern herstellen. So etwas lehnen wir ab. Mittlerweile machen das viele Bands verblüffenderweise freiwillig, in einer Art vorauseilendem Gehorsam. Das ist uns doch sehr fremd.

teleschau: Dirk, man hat den Eindruck, dass Du auf "Kapitulation" mehr als früher mit Querverweisen in die Moderne spielst. Du droppst "Die Stars in der Manege" und "Ich bin ein Star, holt mich hier raus", zitierst sogar die Prinzen ...

von Lotzow: (lacht) Ich habe viel ferngeguckt. Nein, im Ernst: Ich glaube, ich habe weniger mit Zitaten gearbeitet als zuletzt. Aber die, die ich verwende, fallen mehr auf, weil sie eben populär sind, das war vielleicht früher anders.

Zank: (lacht) Fernsehen kommt immer gut. Andere Menschen gucken auch viel fern. Das ist sehr verbreitet.

teleschau: Da steckt viel Humor drin.

von Lotzow: Humor spielt bei uns schon immer eine wahnsinnig große Rolle, auch wenn das in der Berichterstattung über uns gerne unterschlagen wird, aber das kennen wir schon sehr lange. So klassische, erzählte Witze sind natürlich sehr öde. Das Schlimme an Humor ist halt, dass er in Deutschland oft ganz schlimm ist, so offensichtlich witzig und Comedy-haft.

Zank: Man wird da oft missverstanden. Die meisten Leute finden witzige Musik extrem blöd, glaube ich. Aber Musik, über die man nicht auch ein bisschen lachen kann, ist schlimm. Das gehört zu so einer Schwere, zu einer Ernsthaftigkeit auch dazu. Man findet oft gerade ganz traurige Musik ulkig, und das ist dann wiederum befreiend.

teleschau: Muss man einen Begriff wie "Kapitulation" auch ein bisschen abfedern - eben weil er so schwer ist?

Zank: Na ja, dadurch, dass er so schwer ist, wirkt das Ganze ja so komisch. Dass man sich damit ein bisschen lächerlich macht, ist ja das Schöne an der Sache.

von Lotzow: Als wir darüber diskutierten, ob "Kapitulation" der Albumtitel werden soll, sahen wir das in unserem inneren Auge schon in Cinemascope, und natürlich in allen Städten riesengroß auf Bauzäunen plakatiert. Wir dachten uns: Wenn das so groß ist, wird es witzig.

teleschau: Wieviel Zeit nehmen solche Entscheidungs- und Gedankenprozesse ein?

Zank: Wenn man das anteilig betrachtet, dann nimmt das Gesabbel etwa 90 Prozent ein, das Musizieren zehn. Es ist ganz gut, dass wir jetzt Rick haben. Der versucht, das Verhältnis etwas ins Lot zu bringen. Früher haben wir immer nur geredet.

von Lotzow: War aber auch 'ne herrliche Zeit. Das Musizieren wird ja gerne überbewertet.

Jochen Overbeck


Tocotronic (von links: Arne Zank, Rick McPhail, Dirk von Lowtzow und Jan Müller) veröffentlichen mit "Kapitulation"" das beste Album ihrer Laufbahn.
Tocotronic (von links: Arne Zank, Rick McPhail, Dirk von Lowtzow und Jan Müller) veröffentlichen mit "Kapitulation"" das beste Album ihrer Laufbahn. (Universal / Jutta Pohlmann)

Träumen von Bauzäunen, plakatiert mit ihrem Albumtitel: Tocotronic.
Träumen von Bauzäunen, plakatiert mit ihrem Albumtitel: Tocotronic. (Universal / Jutta Pohlmann)

"Kapitulation" zeigt Tocotronic eine Band, die sich wieder mit Rockmusik beschäftigt - ohne die Frühphase zu wiederholen.
"Kapitulation" zeigt Tocotronic eine Band, die sich wieder mit Rockmusik beschäftigt - ohne die Frühphase zu wiederholen. (Universal / Jutta Pohlmann)

Datum: 15.07.2007

Diskussion: "Tocotronic"

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