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Werner Herzog

"Independent ist ein Mythos"

Regisseur Werner Herzog

(tsch) Werner Herzog ist einer der großen Außenseiter des deutschen Kinos, ein Mitbegründer des Neuen Deutschen Films, der in den frühen Sechzigern Opas Kino zu Grabe trug. Noch heute bezeichnet sich Herzog, der am 05.09. seinen 65. Geburtstag feiert, gerne als "Selfmade-Man", als unabhängigen, eigensinnigen Filmemacher, der gewissermaßen aus der Kälte und dem Dunkel kam. Filmhochschulen hasst der gebürtige Münchner, der im oberbayerischen Sachrang aufwuchs, wie die Pest. Er kennt keinen Unterschied zwischen seinen berühmt gewordenen Spielfilmen wie "Auch Zwerge haben klein angefangen", "Fata Morgana", "Aguirre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo" - oder seinen immer wieder dazwischengeschobenen großen Dokumentationen, die er im Interview "Spielfilme in Verkleidung" nennt, weil er ja auch hier eingreift als Regisseur. Filme sind bei Werner Herzog immer Abenteuer, zugleich Sinnsuche und gefährliche Exkursion.

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Einer seiner schönsten, "Stroszek" von 1984, handelte von einer Reise seines Helden nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Als naiver Hauptdarsteller reiste Herzogs Lieblingsschauspieler Bruno S. - und wurde von den verrückten Einwohnern Wisconsins fürchterlich enttäuscht.

Umso mehr reibt sich einer nun die Augen, wenn er den deutsch-amerikanischen Piloten Dieter Dengler in Herzogs neuestem Spielfilm "Rescue Dawn" (noch ohne Starttermin in Deutschland) in höchsten Tönen - "I love America" - preisen sieht. Herzog inszenierte den Genrefilm nach Denglers wahrer Geschichte, der Pilot stürzte bei seinem ersten Vietnam-Einsatz nach 40 Kriegsminuten ab.

Herzog goes Hollywood? Ob er nun vollends die eigene Unabhängigkeit aufgegeben hat? - "Ganz im Gegenteil", belehrt Herzog wie üblich sanft. "Das Major-Studio MGM hat bei der Produktion keine Rolle gespielt. Es hat nur den Film 24 Stunden vor der Premiere gesehen und sofort die Rechte gekauft. Die Produktionsfirma selbst war, wenn Sie so wollen, völlig unabhängig - zwei Leute, die bis dato nichts vom Kino verstanden. Sie wussten nicht, was ich da wirklich mache. Was wiederum eine zweischneidige Sache war: Einerseits waren die Produktionsbedingungen völlig unprofessionell und chaotisch, gleichzeitig genoss ich die größte Freiheit."

Was ihn an einem amerikanischen Kampfpiloten deutscher Abstammung so faszinierte? - "Dengler hat alle Eigenschaften in sich vereinigt, die ich an Amerikanern liebe", sagt Herzog zu unserer Verblüffung, "den Frontier Spirit, die Self-Reliance, den Mut" - Pioniergeist also und Eigenständigkeit. Es sei ein Leichtes heute, fügt Herzog hinzu, "auf Amerika einzuschlagen": "Das wird vorübergehen wie ein Spuk, wie die McCarthy-Zeit, das geht vorbei."

Unter die Action-Filmer sei er mit "Rescue Dawn" (der Titel bezieht sich auf Denglers Erkennungswort: so viel wie "Rettung in der Dämmerung", d. Red.) nicht gegangen. Der Flugzeugabsturz zu Beginn sei allerdings "ein gewaltiges kinetisches Ereignis, eine Riesen-Expolsion". Wenn das Werk einem bestimmten Genre zuzuschlagen sei, dann allenfalls dem des Knast- oder Ausbruchsfilms, ein Kriegsfilm sei er keineswegs.

Ob er mit "Batman" Christian Bale womöglich einen neuen Kinski gefunden habe, manche Einstellungen in der Dschungel-Einsamkeit erinnerten doch an "Fitzcarraldo" oder "Aguirre"? Nein, sagt Herzog strikt. Ohnehin habe er mit Kinski ("Mein liebster Feind") nur fünf Filme gedreht: "Fünf von 60. Und Kinski selbst hat 215 Filme gemacht, fünf davon mit mir. Kinski spukt einfach noch zu sehr in den Köpfen herum!"

Einst, 1977, hatte sich Herzog mit anderen deutschen Filmemachern vor dem Münchner "Leopold"-Kino angekettet, um gegen die Weigerung einer deutschen Fernsehanstalt zu protestieren, die den Cannes-Gewinner "Padre Padrone" (noch) nicht ins Kino lassen wollte. Mit Erfolg. Mittlerweile hat sich die Kinostruktur verändert, aber auch die Macht des Fernsehens ist gesunken. Und Hollywood? - "Dessen Promotionsbedingungen gehorchen den Erfordernissen und den Ritualen des Marktes", sagt Herzog. "Und wenn Sie die nicht verstehen wollen, müssen Sie sich heraushalten." Angst vor der digitalen Zukunft hat er nicht: "Ich arbeite nach wie vor auf Zelluloid, weil das technisch besser ist. Aber deswegen bin ich nicht nostalgisch. Man darf es nicht wie in den Zwanzigern halten, als es beim Heraufkommen des Tonfilms hieß: 'Jetzt wird die Filmkunst zu Grabe getragen', und: 'Es wird nie wieder Filmkunst geben.'"

Wie wichtig ist ihm die Münchner Retrospektive beim aktuellen Filmfest? - "Es hat schon immer Retros meiner Filme gegeben", sagt er, "auch schon vor 30 Jahren - mit damals 15 Filmen. Ich sehe so etwas nicht museal. Gegenwärtig bin ich mit der Auswertung von fünf Filmen beschäftigt, und in zwei Filmen, darunter eine Poker-Komödie, habe ich als Schauspieler mitgewirkt." Auch arbeite er an "zwei, drei" neuen Projekten. "Ich habe gar keine Gelegenheit, nach hinten zu schauen." Die Münchner Retro habe für ihn allerdings eine besondere Bedeutung, "insofern, als ich einer der Mitbegründer des Münchner Filmfests bin. Es sollte ja ursprünglich ein schickes Gesellschaftsereignis werden. Dagegen haben wir Regisseure uns gewehrt und es selbst mit Erfolg in die Hand genommen."

Und noch einmal philosophiert Herzog über den gegenwärtigen Kino-Zustand: "Das Publikum hat sich gewandelt. Sonst würde es den Siegeszug des Hollywood-Kinos ja nicht geben. Es gibt dafür einen weltweiten Bedarf, den man ernst nehmen muss. Andererseits bleibt das Kino unbeeinflusst von Eintagsfliegen und Modetendenzen. Schnelle Schnitte, hektisches Erzählen muss nicht sein."

Ob er sich denn - er lebe ja teils in Los Angeles - zu den unabhängigen Filmemachern, zu den Independents rechne? "Independent ist ein Mythos. Der Begriff sollte aus dem Verkehr gezogen werden. Wir sind immer abhängig - von den Zuschauern, von Verleihern, vom Zugang zu den Studio-Mischpulten. Es gibt nur Abstufungen von Abhängigkeit, und ich stehe auf einer Stufe mit geringerer Abhängigkeit. Machen Sie Familienfilme am Strand. Das ist dann echtes Independent-Kino. Alles andere ist Etikettenschwindel." Sagt's und wirft sich wieder ins Filmfest-Pressegetümmel hinein. In diesen Tagen ist Werner Herzogs Terminkalender voll verplant.

Kinowelt TV zeigt bei Kabel Digital Home ab 23.06., um jeweils 20.15 Uhr, folgende Filme:

"Woyzeck" (1979, am 23.06.), "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972, am 24.06.), "Herz aus Glas" (1976, am 25.06.), "Auch Zwerge haben klein angefangen" (1970, am 26.06.), "Lebenszeichen" (1968, am 27.06.) und "Fata Morgana" (1970, am 28.06.). Das Dritte Programm des Bayerischen Rudfunks zeigt am Samstag, 30.06., "Fitzcarraldo" (20.15 Uhr), "Mein liebster Feind" (22.50 Uhr) und "Unbesiegbar - Invincible" (00.25 Uhr).

Wilfried Geldner


"Münchner (Filmfest-) Geschichten - 25 Jahre Filmfest München" präsentiert der BR am 24.06., um 23.15 Uhr. Werner Herzog gehörte zu den Mitbegründern des Filmfest München. Ursprünglich sollte es eine Schickeria-Veranstaltung werden.
"Münchner (Filmfest-) Geschichten - 25 Jahre Filmfest München" präsentiert der BR am 24.06., um 23.15 Uhr. Werner Herzog gehörte zu den Mitbegründern des Filmfest München. Ursprünglich sollte es eine Schickeria-Veranstaltung werden. (BR / Wittlich)

Einer der schönsten Filme Werner Herzogs, in denen einer das Unmögliche möglich macht. Klaus Kinski als "Fitzcarraldo", der im Urwald eine Oper errichten will.
Einer der schönsten Filme Werner Herzogs, in denen einer das Unmögliche möglich macht. Klaus Kinski als "Fitzcarraldo", der im Urwald eine Oper errichten will. (Kinowelt)

Am 05.09. wird Werner Herzog, einer der wichtigsten Autorenregisseure des neuen deutschen Films, 65 Jahre alt. Nachdem er zehn Jahre lang für Spielfilme keine Förderung mehr erhielt, änderte sich das mit der Kinski-Dokumentation "Mein liebster Feind". Im Bild Werner Herzog (links) mit Klaus Kinski.
Am 05.09. wird Werner Herzog, einer der wichtigsten Autorenregisseure des neuen deutschen Films, 65 Jahre alt. Nachdem er zehn Jahre lang für Spielfilme keine Förderung mehr erhielt, änderte sich das mit der Kinski-Dokumentation "Mein liebster Feind". Im Bild Werner Herzog (links) mit Klaus Kinski. (WDR)

Datum: 21.06.2007

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