Pogo in Mainz

Pogo in Mainz

(tsch) Was haben die Simpsons mit Punk zu tun - außer ihren Frisuren vielleicht? Was treibt gemütliche "Noschtalgiker" aus dem Ländle dazu, bei 35 Grad Hitze in Südostasien die Punkröhren raushängen zu lassen? Und wie sprang die DDR damals mit ihren Punkern um? Das ZDF beantwortet diese Fragen in der vierteiligen Reihe "Für immer Punk", mit der sie den 30. Geburtstag der Kulturrevolution feiert. Und das ausgerechnet jetzt, wo doch gerade erst Karl Moik, der ehemalige "Musikantenstadl"-Chef, in einem Interview die Absetzung von Kollegen wie Marianne und Michael im Zweiten beklagte: "Die TV-Chefs wollen uns Alte rauskehren - egal, ob das Publikum will oder nicht." Und jetzt machen die Mainzer auch noch Pogo statt Polka! Wenn auch nur im Nachtprogramm, als "kleines Fernsehspiel" - fernab des Methusalem-Komplotts.

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Im Deutschland des neuen Jahrtausends lebt der Punk (Englisch für "Abschaum" oder "armselig", die Bewegung verdankt ihren Namen dem "Punk Magazine") zwar weiter, aber doch mehr als Accessoire denn als Attitüde. Der Iro ist nicht mehr subversiv, sondern seit David Beckham stylish. Röhren-Jeans und Totenkopf-Shirts können samt Riss und Sicherheitsnadel beim Mode-Discounter erstanden werden. Als gesellschaftliches Statement oder Ausdruck eines Lebensgefühls wirkt der Punk von der Stange tatsächlich ziemlich armselig. Immerhin lebt die Musik weiter in den Riffs und Kniffen junger Rockbands wie The Strokes, The Hives, The Babyshambles. Punk kann viele Gesichter haben ...

Ein ganz besonderes zeigt der erste und aktuellste Film zum Auftakt der Reihe "Für immer Punk". Andreas Geiger bereiste für den Dokumentarfilm "Punk im Dschungel" (2007, Montag, 13.08., 00.00 Uhr) Südostasien und fand eine wilde und vitale Szene vor: "Punk ist dort eine riesige soziale Bewegung im Kampf um mehr Demokratie, mehr Zivilcourage und eine gerechtere Chancenverteilung im Zeitalter der Globalisierung." Der Gag des Films: Der Regisseur ("Heavy Metal auf dem Lande") nähert sich den asiatischen Punkern über die schwäbische Band Cluster Bomb Unit. Wenn die gemütlichen Altpunker in Südostasien auf Tour sind, dann geht wirklich der Punk ab. Ein Culture-Clash mit viel Musik.

Nach diesem "högscht lebendigen" Einstieg ins Thema schlägt Christoph Dreher eine Woche später (Montag, 20.08., 00.20 Uhr) mit "Pop Odyssee: House of the Rising Punk" (1998) den Bogen zurück zu den Anfängen, ja zur Keimzelle der Bewegung: ins Jahr 1974 und den legendären New Yorker Club "CBGB's". 1974? Hat man sich beim Jubiläum verrechnet? Nicht, wenn man von der "Explosion des Punk" ausgeht, die 1977 von England aus in die Welt wirkte: Unzufriedene arbeitslose Jugendliche, derer es dort damals viele gab, prägten den Slogan "No Future!". Doch los ging's im "CBGB's", das im letzten Jahr dicht machen musste: Dort verkehrten nicht nur Bands wie die Ramones, Talking Heads und Blondie. Auch Künstler wie Jim Jarmusch oder Andy Warhol bereiteten das Feld für die Entfaltung einer rohen Energie, die am Establishment kratzte. "Weltweit erfolgreiche Ikonen der amerikanischen Unterhaltungskultur wie 'Die Simpsons', Al Bundy oder 'Beavis & Butt-Head' wären nicht denkbar ohne den Punk", behauptet die Dokumentation.

Christian Cloos von der Redaktion "Das kleine Fernsehsspiel" sieht in der "Do It Yourself"-Philosophie etwas, das neben der Kanalisierung von Wut und Energie nahezu all die vielseitigen Ausprägungen des Punk vereint: Eine Band zu gründen, sich selbst zu vermarkten - solch unabhängige Strukturen zur Verbreitung von Kultur jenseits der Industrie, das erscheint gar nicht so gestrig: "Aus heutiger Sicht wirken sie wie eine frühe Vorwegnahme der libertinären und selbstbestimmten ­Verbreitungs-Idee des Internets, einer anderen Kulturrevolution."

Die Punk-Bewegung zeigt das kleine Fernsehspiel zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten - und in unterschiedlichen politischen Systemen: Für ihr Dokumentarvideo "Störung Ost" (1996, Montag, 27.08., 23.50 Uhr) trommelten Mechthild Katzorke und Cornelia Schneider ihre alte Punk-Clique aus der ehemaligen DDR wieder zusammen. Damals galt die Gruppe als Bedrohung für die Politik und wurde zerschlagen.

Den Abschluss bildet ein lakonisches Zeitdokument: der erste deutsche Punk-Spielfilm "Brennende Langeweile" von 1978 (Montag, 03.09., 00.45 Uhr). Regisseur Wolfgang Büld ("Gib Gas ich will Spaß" und "Manta Manta") lässt ein junges Pärchen - Arbeitsloser und Friseur-Azubi aus dem Sauerland - mit der britischen Punkband The Adverts auf Deutschlandtour gehen. Jugendliche Orientierungslosigkeit in der Provinz, die Zeit, in der der Punk nach Deutschland kam ... Damit rief der halbdokumentarische Spielfilm bei seiner Erstausstrahlung kontroverse Zuschauerreaktionen hervor: "Würde man nicht in schlechten Ruf geraten, so müsste man das Prädikat 'Schmutz und Schund' geben. Haben Sie und Ihre Mitarbeiter nun auch kein Verantwortungsbewusstsein mehr gegenüber der Gesellschaft?", schrieb einer.

"Das kleine Fernsehspiel" - die Punker vom Lerchenberg? Auch "Brennende Langeweile" entstand 1978 schon im Auftrag und unter der Betreuung dieser ZDF-Redaktion - ebenso wie die drei anderen, sehr sehenswerten Beiträge. "Sie sind ein Beleg für eine kontinuierliche Auseinandersetzung des 'Kleinen Fernsehspiels' mit Pop- und Jugendkultur und mit Entwicklungen an gesellschaftlichen Rändern, die früher oder später virulent in die Mitte der Gesellschaft hineinwirken", so Christian Cloos. Vielleicht wäre das ja nun der richtige Zeitpunkt für Karl Moik und all das, wofür er steht, in den kulturellen Untergrund abzutauchen und eine Art "Subversiv-Stadl" zu gründen ... Punk kann schließlich viele Gesichter haben.

Petra Fürst

Dee Dee Ramone berichtete in der Dokumentation von 1998 noch von dem "House of the Rising Punk". Im Juni 2002 starb er an einer Überdosis.
Dee Dee Ramone berichtete in der Dokumentation von 1998 noch von dem "House of the Rising Punk". Im Juni 2002 starb er an einer Überdosis. (ZDF / Ellen El Malki)
Punk und Islam - das schließt sich nicht gegenseitig aus, wie "Punk im Dschungel" zeigt.
Punk und Islam - das schließt sich nicht gegenseitig aus, wie "Punk im Dschungel" zeigt. (ZDF / Oliver Barth)
Die Autorinnen Mechthild Katzorke (links) und Cornelia Schneider (Mitte) trommelten für ihr Dokumentarvideo "Störung Ost" die alte Punk-Clique aus der ehemaligen DDR zusammen - damals galten sie als "Staatsfeinde".
Die Autorinnen Mechthild Katzorke (links) und Cornelia Schneider (Mitte) trommelten für ihr Dokumentarvideo "Störung Ost" die alte Punk-Clique aus der ehemaligen DDR zusammen - damals galten sie als "Staatsfeinde". (ZDF / Salwa Amin)

Datum: 22.07.2007

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