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Rolling Stones - Biggest Bang - DVD

Ein Manifest des Größenwahns

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"This Is Your Front Row Seat And Your Backstage Pass To Their 'Biggest Bang' So Far", heißt es wenig bescheiden im Booklet dieser wohl opulentesten Veröffentlichung im nicht gerade langsam anwachsenden Backkatalog der Rolling Stones. Doch diese so klotzenden Worte haben durchaus Berechtigung: Die Live-Verwertung der "A Bigger Bang"-Tour, mit der die Rock-Dinosaurier ihr letztes, gleichnamiges Studioalbum flankierten, kommt auf stolzen vier DVDs und im aufwendigen Pappschuber. Der Inhalt: acht Stunden Rock'n'Roll. Klar, mit einigen Wiederholungen, was bei zwei ganzen Konzerten und ein paar Ausschnitten nicht weiter verwunderlich ist, aber dennoch ein durchaus beeindruckendes Zeugnis der Schaffenskraft der Band zeigt, das zudem technisch reizvoll umgesetzt wurde.

Zwei komplette Konzerte, dazu Höhepunkte einer Hand voll weiterer Shows und eine Tour-Doku, die das Meiste, was unter diesem Namen gerne auf die Bonusrillen einer DVD gebrannt wird, in den Schatten stellt: "The Biggest Bang" mag kein billiges Teil sein, es ist aber eines, welches das aktuelle Standing der dienstältesten Rockband der Welt auf nachvollziehbare Art und Weise manifestiert.

Die zweite DVD zeigt das vielleicht am besten. Die Rolling Stones in Brasilien, das passt traditionell gut zusammen. An jenem Abend fanden sich an der Copacabana in Rio de Janeiro unfassbar viele Zuschauer ein - die Schätzungen schwanken zwischen realistischen 1,3 und wohl etwas übertriebenen zwei Millionen -, um Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts zu feiern. Und dass das, was sie zurückgeben konnten, eine ganze Menge war, zeigen die Kameraschwenks über das Publikum. Einen guten Kilometer lang ist die Menschenmasse, die da abgeht und die nah an ihren Idolen ist - nicht zuletzt deshalb, weil der traditionelle Steg ja jetzt elektrisch ist und die Band komfortabel durch das Publikum gleiten lässt, um ein paar Songs auf einer Mini-Plattform inmitten der Menschenmassen zu intonieren - dass die gemächliche Fahrt auf der Hebebühne optisch irgendwo zwischen Lifta-Treppenlift und Papamobil einzuordnen ist, sei nur am Rande erwähnt, wichtiger ist: Am Ende trägt Mick Jagger ein Brasilien-Shirt, singt "You Can't Always Get What You Want" sowie "Satisfaction" und entlässt Brasilien mit furioser Lightshow in die heiße Nacht.

Natürlich ist auch der Zilker Park in Austin kein kleiner, intimer Nachtclub. Natürlich feiern auch hier Hunderttausende. Dennoch, hier gelang es der Regie, die Rolling Stones aus der Nähe einzufangen. Closeups auf Mick Jaggers Finger, auf Keith Richards Falten, auf Ron Woods Hinterteil, dazu immer wieder direkt in die begeisterten Gesichter der Fans: Sicher ist das einer der besten Rolling-Stones-Mitschnitte überhaupt - nicht zuletzt, weil gerade im Vergleich mit dem Massenevent in Rio Ton und Bild doch um einiges besser sind.

Jede andere Band hätte hier aufgehört. Doch die Rolling Stones legen noch zwei DVDs bei. Sicher, das ist Gigantomanie. Und gut möglich, dass einige besonders die Compilation mit Live-Mitschnitten aus verschiedenen Städten eher als überflüssig empfinden. Aber man lernt was, als Zuschauer - zum Beispiel, dass das japanische Publikum sich bis auf wenige Ausnahmen durch eine gewisse Distanziertheit auszeichnet, die chinesischen Behörden "Brown Sugar" nicht auf der Setlist des Shanghai-Gigs sehen wollten, mit "Bitch" aber offernbar kein Problem hatten, und dass Eddie Vedder fast zu viel Respekt vor "Wild Horses" hat: Man kann dem Pearl-Jam-Kopf das nicht unerhebliche Muffensausen von den Augen ablesen, als er den Klassiker gemeinsam mit den Rolling Stones interpretiert. Abgerundet wird dieser Stones-Overkill von einer gut einstündigen Doku, die dramaturgisch nicht besonders ausgefeilt ist, aber einige durchaus bemerkenswerte Schlaglichter auf die Tour wirft. Da sieht man - noch einmal - die Band in China, aber auch vor der Altstadtkulisse Mailands. Da geben die Rolling Stones durchaus ernsthafte Antworten auf Fragen nach dem Zustand des amerikanischen Mainstreams und erklären, wie das so ist, bei Rocklegenden im Proberaum.

"The Biggest Bang" setzt eine alte Stones-Tradition durch: Schon vor drei Jahren erschien mit "Four Flicks" eine Vierfach-Live-DVD, die im Aufbau etwas logischer gewesen sein mag, unter technischen Gesichtspunkten aber nicht ganz überzeugen konnte. Und genau da besitzt "The Biggest Bang" Referenzklasse. Gerade die Aufnahmequalität des Austin-Gigs ist atemberaubend, aber auch die Ausschnitte der Shows in Japan, China und Argentinien wissen voll zu überzeugen. Lediglich bei der Rio-Disc muss man Mini-Abstriche machen - die aber eher der etwas fantasielos agierenden Regie, als der Bild- und Tonqualität anzurechnen sind. So ist "The Biggest Bang" Pflichtkauf für Stones-Fans, ohnehin klar. Aber auch Gelegenheits-Anhänger, die ein paar Stunden ekstatischen Rock'n'Roll-Größenwahn erleben wollen, sei der Kauf empfohlen - auch wenn ein Backstage Pass noch ein Stückchen geiler wäre.

Jochen Overbeck


Die Rolling Stones kleckern nicht, sie klotzen: Mit "The Biggest Bang" erscheint jetzt die DVD-Verwertung der letzten Tour.
Die Rolling Stones kleckern nicht, sie klotzen: Mit "The Biggest Bang" erscheint jetzt die DVD-Verwertung der letzten Tour. (Universal)

Datum: 22.07.2007

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