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Tom Schilling

Warum nicht mal ein paar Tabus brechen?

Schauspieler Tom Schilling

(tsch) Im Alter von zwölf Jahren war er einst auf dem Schulhof von Regisseur Thomas Heise angesprochen und für das Theaterstück "Im Schlagschatten des Mondes" am Berliner Ensemble engagiert worden: Tom Schillings Karrierestory ist so schön, dass man sie gar nicht oft genug hervorkramen kann, wenn es gilt, eines der größten deutschen Schauspieltalente abzufeiern. Wer ihn in seinen Filmrollen von "Crazy", über "Verschwende deine Jugend" bis "Napola - Elite für den Führer" spielen sieht, mag es einfach nicht glauben: Tom Schilling hat nie eine Schauspielschule besucht. "Und ick denke mal, der Zug ist auch abgefahren für mich", sagt er nun mit dem entspannten Lächeln eines selbstbewussten Berliner Jungstars. In einem kleinen Münchner Kino lehnt sich der 25-Jährige lässig im Sitz zurück und redet quirlig über sein neuestes Projekt - eines, das sich einer, wie er, schon einmal nur so aus Lust und Laune gönnt. Denn Geld gab es nicht für das derbe Episoden-Stück "Schwarze Schafe". Doch für Tom war es eine tolle Gelegenheit: nicht nur in einem denkwürdigen Film mit Kultpotenzial mitzuwirken, sondern auch wieder einmal mit seinem alten Kumpel Robert Stadlober drehen zu können.

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teleschau: Herzlichen Glückwunsch, Tom! Sie sind beim ganz sicher außergewöhnlichsten Film dieses Jahres dabei ...

Tom Schilling: (lacht) Ja, danke, das glaube ich auch. Und "außergewöhnlich" trifft es perfekt - das Wort ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner, den man finden kann, um diesen Film zu beurteilen, ohne inhaltlich zu werden.

teleschau: Wie haben Sie eigentlich Ihren Eltern den Auftritt in diesem heftigen Streifen erklärt?

Schilling: Das habe ich mich noch gar nicht getraut (lacht). Aber ich denke, ich sollte sie fairerweise vorbereiten, rechtzeitig, bevor jetzt meine Interviews zum Film erscheinen. Wahrscheinlich werde ich mich darauf beschränken, dass meine Episode noch zu den langweiligeren gehört, und dass dieser Film eben Kunst ist und überhaupt nichts mit mir als Person zu tun hat. Und natürlich werde ich sagen: "Schaut mich an, ich bin immer noch ein guter Junge, habe noch die gleichen Moralvorstellungen, die ihr mir anerzogen habt!" Meine Eltern sind sehr stolz, auf das, was ich mache, und sehr offen für meine Arbeit. Aber bei "Crazy" verschwieg ich ihnen auch lieber die leider berühmt gewordene Keks-Wichsszene.

teleschau: Würden Sie sich solche Filme gemeinsam mit den Eltern im Kino ansehen wollen?

Schilling: Ganz sicher nicht. Wenn ich mir vorstelle, die sitzen neben mir, während vorne auf der Leinwand zu sehen ist, wie ich mir gerade einen runterhole - ein Albtraum.

teleschau: Um den Inhalt kommen wir auch bei "Schwarze Schafe" nicht herum. Der Film ist ...

Schilling: ... wie ein Paukenschlag, würde ich sagen. Mir fällt wirklich nichts Vergleichbares ein - weder national noch international.

teleschau: Haben Sie sich deshalb bereit erklärt, da mitzumachen. Kohle gab's für den Auftritt wohl weniger ...

Schilling: So etwas macht man nicht wegen des Geldes. Ich wusste zwar schon, dass dies irgendwie etwas Besonderes werden könnte, aber als ich zusagte, ahnte ich nicht, wie außergewöhnlich dieser Film wird (lacht). Oliver Rihs hat das clever gemacht: Er schickte mir vorab nur das Drehbuch zu meiner Episode. Ich fand die Geschichte reizvoll und ganz lustig und konnte mir sehr gut vorstellen, diesen Part zu spielen - zumal ich wieder einmal mit meinem Kumpel Robert (Stadlober, ihr gemeinsamer Auftritt in "Crazy, 2000, machte beide schlagartig berühmt, die Red.) zusammenarbeiten konnte. Ich sagte also zu. Den ganzen Film sah ich dann zum ersten Mal im Kino - mit Publikum ...

teleschau: Und?

Schilling: Na ja, ich dachte mir nach einer Weile: Oh, meine Fresse! Im Nachhinein bin ich jedenfalls ganz froh, dass unser Part der mit Abstand der harmloseste im ganzen Film ist.

teleschau: Es geht derb zur Sache: Das Portfolio reicht von einer abgeschlagenen Hand bis zu erigierten Penissen ...

Schilling: ... um den Analverkehr des Satanisten mit der Großmutter nicht zu vergessen! Immerhin: In meiner Vorführung ist niemand rausgerannt. Die Leute, alles zahlende Gäste, haben sogar immer wieder laut gelacht, die sind richtig durchgedreht vor Begeisterung. Das hat mich selbst ein bisschen überrascht.

teleschau: Glauben Sie, daraus könnte so etwas wie ein kommerzieller Erfolg werden?

Schilling: Ernsthaft: Ich denke, der Film kann funktionieren. Das Ganze ist so anarchistisch, so extrem, dass sich bestimmt eine gute Mundpropaganda entwickeln wird. Ich hoffe schon, dass "Schwarze Schafe" ein kleiner Überraschungserfolg werden könnte. Mein ganzer Respekt gehört dem Regisseur Oliver Rihs, der sein Ding konsequent durchzog, auf jede Art von Konvention geschissen hat - mit dem vollen Bewusstsein, dass es auf diese Weise nicht einen Euro Fördermittel geben würde. Aber das ist im Nachhinein betrachtet wohl ganz gut so.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Schilling: Hier hat sich definitiv niemand eingemischt. Nicht einmal das Fernsehen. Es würden sich bestimmt einige Leute wundern, wenn der Film funktionieren sollte. Denn was Oliver Rihs da gemacht hat, traute sich bis dato niemand. Das ist Neuland.

teleschau: Sollte man nach einem Sinn in "Schwarze Schafe" suchen?

Schilling: Na ja. Die hier gefeierten Tabubrüche mögen vielleicht simpel sein, aber in ihrer Konsequenz ergeben sie für mich schon so etwas wie ein Konzept.

teleschau: Hätten Sie in diesem "Konzept" auch einen anderen Part übernommen?

Schilling: Ganz ehrlich: Nein. Diese Satanistennummer mit der armen Oma, oder die drei jungen Türken, die plötzlich mit erigierten Gliedern dastehen - so etwas wäre mir ein paar Nummern zu krass gewesen. Für so etwas muss man einfach super-selbstbewusst draufsein und wohl als eine Art Outlaw durch diese Schauspielerszene wandern. Es ist auf jeden Fall bewundernswert, was Oliver Rihs alles aus seinen Schauspielern herauzuholen vermag. Und ich finde das, was er da gemacht hat, unter dem Strich wirklich super. Ich bin zwar grundsätzlich nicht unbedingt ein Freund des sinnlosen Tabubruchs, aber bei diesem Film ist es durch die Wiederholungen so penetrant auf die Spitze getrieben, dass es schon wieder lustig ist.

teleschau: Schwarzweiße, grobkörnige Bilder, das irgendwie mysteriöse Versprechen von wildem Punk-Kino aus Berlin ... Der Film wird vor allem die hippen, jungen Bildungsdeutschen aus den Großstädten in die Kinos locken. Meinen Sie, die brauchen mal genau so etwas vor den Latz?

Schilling: (lacht) Schwierige Frage. Der Film stimuliert einen natürlich nicht besonders intellektuell. Inhaltlich reicht das alles sicher nicht zur großen Debatte. Aber ich glaube, er vermittelt dem Kinobesucher ein gewisses Gefühl der Originalität. Und was bei aller Überhöhung der bekannten Schablonen auch gelingt: Diese Entourage von Losern vermittelt greifbar etwas von dem aktuellen Lebensgefühl in Berlin. Ich glaube übrigens, dass dieser Film nicht nur die jungen, studierten Großstädter erreicht, sondern dass sich auch ein sehr, sehr junges Publikum, das von der Straße kommt, angesprochen fühlen wird.

teleschau: Musste es unbedingt Berlin sein?

Schilling: Ja, auf jeden Fall. Weil Berlin die Stadt in Deutschland ist, die die meisten Leute mit kruden Selbstverwirklichungsträumen anzieht. Und weil hier wohl auch die meisten dieser Leute auf der Strecke bleiben. Sie bilden diese Bohème, die eigentlich mittellos ist und nichts Besonderes leistet, die aber unermüdlich die Cafés und die Clubs bevölkert. Diese Art Szene gibt es wohl nur in Berlin. Oder in New York vielleicht. Ich wohne in Berlin Mitte, ich bin da aufgewachsen, und, glauben Sie mir, ich sehe tagtäglich diese arbeitslosen Lebenskünstler, mit Sonnenbrille und Trainingsanzug, also genau solche Typen, wie Robert und ich sie im Film verkörpern. Aber, um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Film bildet nicht die Berliner Realität ab, sondern er übertreibt natürlich maßlos.

teleschau: Braucht Aufschwung-Deutschland im Augenblick einen Film wie diesen?

Schilling: Ich glaube, der Film schadet Deutschland zumindest nicht. Wenn er zum Gesprächsthema wird, dann wird sich hoffentlich auch die konservative Boulevardpresse einschalten. Für den Film, der sich ja selbst überhaupt nicht ernst nimmt, gäbe es doch nichts Schöneres, als so eine hübsche Skandaldebatte. Ich sehe schon die Schlagzeile: "Oma anal vergewaltigt" - super!

Frank Rauscher


Einer, der seine Chance genutzt hat: Tom Schilling gibt sich gerne schick gekleidet - nicht nur beim Shooting zum Film "Verschwende deine Jugend" (2003).
Einer, der seine Chance genutzt hat: Tom Schilling gibt sich gerne schick gekleidet - nicht nur beim Shooting zum Film "Verschwende deine Jugend" (2003). (Highlight)

Zwei Freunde, die "sich leider echt ziemlich selten sehen": Robert Stadlober (rechts) und Tom Schilling. Für "Schwarze Schafe" standen Sie als sympathische Loser mal wieder gemeinsam vor der Kamera.
Zwei Freunde, die "sich leider echt ziemlich selten sehen": Robert Stadlober (rechts) und Tom Schilling. Für "Schwarze Schafe" standen Sie als sympathische Loser mal wieder gemeinsam vor der Kamera. (Chris-Hirschhaeuser)

"Das Ganze ist so anarchistisch, so extrem, dass sich bestimmt eine gute Mundpropaganda entwickeln wird": Tom Schilling (rechts) hofft einen Überraschungserfolg für "Schwarze Schafe".
"Das Ganze ist so anarchistisch, so extrem, dass sich bestimmt eine gute Mundpropaganda entwickeln wird": Tom Schilling (rechts) hofft einen Überraschungserfolg für "Schwarze Schafe". (Chris-Hirschhaeuser)

Datum: 28.07.2007

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