Bill Murray

Das Wesen der Krise

Schauspieler Bill Murray

(tsch) Seit "Lost In Translation" gilt Bill Murray als der perfekte, krisengeschüttelte Komödienheld. Den gibt er jetzt auch in Jim Jarmuschs "Broken Flowers" (Kinostart: 08.09.), in dem er oscarverdächtig gut den schweigsamen Lebemann Don Johnston spielt. Dem flattert eines Tages der pinkfarbene Brief einer anonymen Verflossenen ins Haus - mit explosivem Inhalt: Vor 19 Jahren soll Don angeblich einen Sohn gezeugt haben. Die Nachricht reißt ihn allerdings nicht aus seiner liebeskummerbedingten Lethargie. Denn seine aktuelle Flamme Sherry (Julie Delpy) hat ihn gerade verlassen, Don leidet am Leben. Aber auf Drängen seines Nachbarn begibt er sich dennoch auf die Suche nach dem vermeintlichen Sprössling. Mit stoischer Ruhe klappert der wortkarge Playboy die möglichen Mütter ab, stets einen pinkfarbenen Rosenstrauß im Gepäck. Zum Gespräch erscheint Bill Murray (54) eher wortgewaltig, aber ohne rosa Blumengebinde.

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teleschau: Kaum vorstellbar, dass Regisseur Jim Jarmusch, der Meister der Lakonie, so etwas wie ein Vorsprechen für seine Filme veranstaltet. Wie sind Sie zu dem Projekt "Broken Flowers" gekommen?

Bill Murray: Ich traf Jim vor zwölf Jahren zusammen mit Steve Buscemi in einer Bar. Wir unterhielten uns hervorragend über Filme und das Leben - und dann hat er mich völlig vergessen. Nun saßen wir elf Jahre später gemeinsam als Gäste in derselben Fernsehsendung und sprachen wieder über Film. Wir unterhielten uns sogar so gut, dass der Gastgeber nicht mehr zu Wort kam.

teleschau: Und damit hatten Sie die Rolle?

Murray: Nein, wir verbrachten erst noch einen gemütlichen Herrenabend, an dem wir über die Frauen in unserem Leben sinnierten. Was Männer eben so reden. Nach diesem Abend hat Jim innerhalb weniger Wochen das Drehbuch zu "Broken Flowers" geschrieben, in dem ich mich ja unter meinen Verflossenen auf die Suche nach der möglichen Mutter eines möglichen Sohnes von mir begebe ...

teleschau: ... und dabei zur Belustigung des Publikums reichlich emotionale Prügel einstecken.

Murray: Die stecke ich ein, weil meine Filmfigur Don, wie jeder von uns, irrationale romantische Entscheidungen getroffen hat. Niemand von uns verliebt sich doch bewusst oder mit Absicht. Ich treffe eine Frau, und dann geht die unterbewusste Prüfung los: Liegt etwas Besonderes in ihren Augen? Ist sie witzig? Verfügt sie über eine Art von Charme, der nur für mich gültig zu sein scheint? Mit solchen Kleinigkeiten fängt alles an.

teleschau: Aber was ist, wenn das Desaster eintritt und die Beziehung scheitert?

Murray: In diesem Fall rettet mich meine linke Gehirnhälfte.

teleschau: Wie denn das?

Murray: Ich habe gerade ein sehr interessantes Buch gelesen. Darin stand, dass die rechte Hälfte des Gehirns unser Faktenwissen sammelt und die linke Entschuldigungen entwirft, für Entscheidungen, die wir aufgrund von Fehleinschätzungen dieser Fakten treffen. Sonst würden wir nämlich verrückt. Die linke Gehirnhälfte schreibt unsere Erinnerungen um, damit sie erträglich sind. Das ist doch sehr praktisch, denn täte sie das nicht, gäbe es einen Kurzschluss im Gehirn.

teleschau: Hatten Sie schon mal einen Kurzschluss?

Murray: (lacht) Wer sagt Ihnen, dass ich nicht irre bin - merkt man das?

teleschau: Immerhin spielen Sie ständig Männer, die sich seltsam benehmen und mindestens in einer schweren Midlife-Crisis stecken ...

Murray: ... wie ich dieses Wort hasse! Ich habe ständig Krisen und zwar schon seit ich ein Kind war. Sich mit dem Nachbarsjungen zu prügeln, ist nämlich auch eine schwere Krise. Und das so genannte "Midlife" ist ein zufälliges Ereignis, eine Lebensphase, die völlig überbewertet wird. Sie erscheint nur deshalb so bedeutsam, weil in unserer Gesellschaft Job und Karriere so wichtig sind. Und irgendwann haben die Leute in diesem Bereich alles erreicht. Dann drehen sie sich zu ihrem Partner um und fragen: Sag mal Schatz, was verbindet uns denn eigentlich noch außer Kindern, einem Haus und Geld?

teleschau: Wie wichtig ist Ihnen denn Geld?

Murray: In erster Linie bin ich ein fauler Mensch.

teleschau: Aha, Sie drehen also nur, weil Sie Geld brauchen. Warum spielen Sie dann nicht mal in einem hoch dotierten Millionen-Blockbuster mit?

Murray: Wenn ich arbeite, dann wirklich hart. Aber ich habe mich niemals verkauft an einen Film, und ich würde niemals des Geldes wegen spielen, auch nicht anderen Menschen zuliebe oder weil mich jemand zu einer Rolle überredet. Ich spiele nur dort mit, wo ich mitspielen will. Das gebietet mein Respekt vor diesem Beruf und hat mir das Vertrauen der Leute eingebracht, mit denen ich wirklich zusammenarbeiten möchte. Aber neben der Schauspielerei gibt es noch viele andere Dinge zu tun.

teleschau: In die Ferien fahren?

Murray: Das kann ich leider überhaupt nicht gut. Ich liege am Strand und werde erst faul, dann matschig im Kopf und schließlich übellaunig. Ehrlich gesagt: Für meine Familie geradezu unausstehlich.

teleschau: Waren Sie auch unausstehlich vor Enttäuschung über Ihren entgangenen Oscar für "Lost In Translation"?

Murray: Wenn ich darüber wirklich ernstlich traurig gewesen wäre, dann hätte ich mich erschossen. Das wäre wahre Enttäuschung gewesen!

Kerstin Borner


Mit stoischer Ruhe sucht der wortkarge Playboy (Bill Murray) nach der möglichen Mutter eines möglichen Kindes.
Mit stoischer Ruhe sucht der wortkarge Playboy (Bill Murray) nach der möglichen Mutter eines möglichen Kindes. (Tobis)

Kennen sich seit zwölf Jahren: Bill Murray (links) und der Regisseur Jim Jarmusch.
Kennen sich seit zwölf Jahren: Bill Murray (links) und der Regisseur Jim Jarmusch. (Tobis)

Wieder in einer oscarverdächtigen Rolle: Bill Murray spielt den schweigsamen Lebemann Don.
Wieder in einer oscarverdächtigen Rolle: Bill Murray spielt den schweigsamen Lebemann Don. (Tobis)

Datum: 03.09.2005

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