logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film Angel - Ein Leben wie im Traum
Angel - Ein Leben wie im Traum

Angel - Ein Leben wie im Traum

(tsch) Wahre Genies haben es schwer. Dass sie es sich manchmal selbst aber auch nicht leicht machen, zeigt François Ozon mit seinem neuen Film "Angel - Ein Leben wie im Traum". Das Leben der jungen, schönen Angel ist ihr Leid und Glück zugleich. Ihre ärmlichen Lebensumstände als Tochter einer Gemischtwarenhändlerin zwängen sie in das enge Korsett von Pflichterfüllung und Geringschätzung ihrer Umwelt, doch ermöglicht es ihr auch die Flucht in Fantasiewelten, die ihr später Tür und vor allem Tor zu einer Existenz in Prunk und Ruhm öffnen werden. Ozon wagte mit seinem Film ein nicht sofort erkennbares Experiment: Die Auskleidung der Protagonistin mit einem unsympathischen, streitbaren Charakter. Der Geschichte verhilft es zu höherer Glaubwürdigkeit, dem Film schadet es durch das Fehlen einer Bezugsperson.

Anzeige

 

Schon als Mädchen hat Angel Deverell ausschweifende Ambitionen. Sie ist überzeugt von ihrem literarischen Schaffen, ihrem Aussehen, ihrer Persönlichkeit. Sie fühlt sich zu Höherem geboren, möchte die Welt erobern. Für eine junge Frau im England zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus nicht ungewöhnlich, entstammte sie doch einem vornehmen Geschlecht. Doch als Kind bescheidener Verhältnisse muss sie kämpfen, um ihr Glück zu verwirklichen.

Mit erstaunlichem Selbstbewusstsein, Hartnäckigkeit und leichtem Sarkasmus adressiert sie ihre Verhandlungspartner, ob nun daheim ihre engstirnige Tante oder in London ihren Wunschverleger. Sie möchte unter keinem Pseudonym schreiben, und sie lässt keine Änderungen zu. Ihr Werk soll für sich sprechen, unangetastet, ungefiltert. Der vom Verhalten der jungen Nachwuchsautorin verwunderte wie angezogene Verleger Théo (verlässlich überzeugend: Sam Neill) lässt sich auf das Experiment ein, obwohl seine biedere Frau, passend pikiert gespielt von Charlotte Rampling, augenscheinlich nichts vom jüngsten Engagement ihres Mannes hält.

Doch der Plan geht auf, und Angel wird zur profitabelsten Neuentdeckung des britischen Buchmarktes. Plötzlich muss sie sich um ihren Lebensunterhalt keine Sorgen mehr machen, im Gegenteil: Trotz horrender Ausgaben für ein Landhaus, die dazugehörige Einrichtung und anderer Anschaffungen, die akute Verschwendungssucht erahnen lassen, fließt das Geld ohne Unterlass. Das Publikum kann es kaum erwarten, bis ein neuer Roman zwischen zwei Buchdeckel gebunden wird. Der Reiz ihrer Geschichten liegt in ihrer Realitätsnähe. Angel schreibt über Italien, Liebschaften und Lebensweisheiten, also über all das, was sie nie selbst gesehen oder erfahren hat. Der Leser vermutet eine reife Autorin, die die Welt gesehen hat. Doch präsentiert sich die Deverell der Öffentlichkeit als hochmütige Neureiche, die ihre Vorstellung vom vornehmen Leben zur Schau stellt.

Angel bekommt, wonach ihr beliebt. Sogar ihren Wunschehemann findet sie in dem von der Kunstwelt verschmähten Maler Esmé, wobei nie deutlich wird, ob seine Bilder Angel tatsächlich so bewegen oder sie ihr Interesse nur heuchelt und ihn bloß manipulieren möchte. Esmé wird immer mehr zu einer bloßen weiteren Anschaffung, die zu Angels Lebensentwurf passt. Als er in den Ersten Weltkrieg ziehen muss und in Verdun den Glauben an ein sorgloses Leben verliert, endet auch Angels Traum vom Leben. Der Abstieg beginnt, bis ihr komplettes Lebenswerk am Boden liegt.

François Ozon drehte einen ambitionierten Kostümfilm, der mit seinen ambivalenten Charakteren fasziniert, aber sein Ziel verfehlt, den Zuschauer für das Schicksal der blauäugigen Erfolgsautorin zu erwärmen. Das Problem des Films ist das Fehlen jeglicher Erklärung für das Talent des Wunderkinds. Im Falle einer Rückblende oder auch eines kurzen Einblicks in das tatsächliche Leiden der verkannten Meisterschreiberin könnte sich deutlich mehr Sympathie und Mitgefühl für die Situation von Angel Deverell entwickeln. Doch so erscheint sie als unsympathische Egomanin, deren finales Scheitern in allen Lebensbereichen den Betrachter erschreckend kalt lässt.

Durch die Präsenz der zweifelsohne brillanten Hauptdarstellerin Romola Garai, die mit ihrer Ausstrahlung einmal das Erbe von Meryl Streep und Isabella Rosselini antreten könnte, wurde "Angel" zu einem Höhepunkt des Intellektkinos: eine Charakterstudie, deren Verlauf und Wendepunkte man immer wieder sehen und verstehen möchte. Doch die Herzen hat François Ozon diesmal nicht erobert.

Leif Kramp

Credits:
V:Concorde, F / GB / B 2007, R: François Ozon, D: Romola Garai, Michael Fassbender, Sam Neill u.a.

Laufzeit: 119 Min.

Kinostart:
9. August 2007


Immer wenn die junge Angel Deverell (Romola Garai) vor der pompösen Villa "Paradise House" steht, kommt sie ins Träumen.
Immer wenn die junge Angel Deverell (Romola Garai) vor der pompösen Villa "Paradise House" steht, kommt sie ins Träumen. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Maler Esmé (Michael Fassbender) ist gespannt, ob Angel (Romola Garai) sein neuestes Werk gefällt.
Maler Esmé (Michael Fassbender) ist gespannt, ob Angel (Romola Garai) sein neuestes Werk gefällt. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Esmé (Michael Fassbender) und Angel (Romola Garai) haben die Welt um sich herum vergessen.
Esmé (Michael Fassbender) und Angel (Romola Garai) haben die Welt um sich herum vergessen. (2007 Concorde Filmverleih GmbH)

Datum: 10.08.2007

Facebook aktivieren

Diskussion: "Angel - Ein Leben wie im Traum"

Um eine Diskussion zu "Angel - Ein Leben wie im Traum" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 188580

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Weniger wäre hier mehr gewesen: "Das Vaterspiel"
    „Das Vaterspiel“ ist ein Computergame, bei dem man nach Lust und Laune auf vielfältigen Weisen seinen eigenen Vater zur Strecke bringen kann. Der Erfinder: der 35-jährige Ratz aus Wien, der verschlossene ...

    "Helen" (Ashley Judd) leidet an Depression
    Seit dem Freitod des Nationaltorhüters Robert Enke hat das Thema Depression Konjunktur in den deutschen Medien. Zur richtigen Zeit kommt nun auch ein Film, der sich mit der Gemütskrankheit auseinandersetzt. ...

    "Nokan" gewann den Auslands-Oscar
    Entgegen allen Erwartungen setzte sich der stille japanische Film „Departure“ (dt. Titel „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“) bei den Oscars 2009 gegen den Favoriten "Waltz with Bashir" sowie gegen den Cannes-Gewinner ...

    Super: "Public Enemy No. 1 - Todestrieb & Mordinstinkt"
    In den 60ern und 70ern hatte das Böse in Frankreich offiziell einen Namen: Jacques Mesrine. Das war ein smarter, charismatischer, aber auch unberechenbarer Mann, der außerhalb des Gesetzes lebte und zum ...

    "Dorothy Mills" bewegt sich auf betretenen Pfaden
    "Dorothy Mills" leidet an multipler Persönlichkeitsstörung. Auf einer von gläubigen Christen bewohnten Insel kann das schon mal zum Problem werden. Ist das 15-jährige Mädchen gar vom Teufel besessen? Das ...

    "Das Leben vor meinen Augen" ist ein Leben nach dem Amok
    Amoklauf ist längst kein Phänomen mehr, was man nur mit den USA verbindet. Trotz der Brisanz dieses Themas weltweit sind filmische Auseinandersetzungen damit eine Seltenheit. Der eigenwillige Mix aus Drama ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 3301 - task = view - option = com_content - limitstart= 0