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Barbara Kopple und Cecilia Peck
"Die Bedrohung ist real"(tsch) Sie lachen, als hätten sie nie glücklichere Zeiten erlebt. Barbara Kopple und Cecilia Peck geht es gut. Die Filmemacherinnen haben einen Erfolg zu feiern: Mit einem Drama, wie es nur das Leben schreiben kann, landeten sie einen im Dokumentargenre so seltenen kommerziellen Erfolg. Die 51-jährige Barbara Kopple ist bereits zweifache Oscarpreisträgerin. Die zwölf Jahre jüngere Cecilia Peck ist dagegen als Dokumentarfilmerin ein unbeschriebenes Blatt. Bisher trat die Tochter von Gregory Peck als Schauspielerin in Erscheinung. Was die couragierten Frauen sofort verband, war ihre Liebe zur Country-Musik. Und das drängende Gefühl, Ungerechtigkeit in der Machtmaschinerie der Musikindustrie offen zu legen. Mit "Shut Up & Sing" (Start: 09.08.) erzählen Kopple & Peck nun die emotionale Geschichte der US-Country-Formation Dixie Chicks: Drei Frauen, die 2003 durch eine öffentliche Äußerung bei einem Konzert in London von Fans und Kollegen verschmäht und an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben wurden. Natalie Maines hatte erklärt, die Band sei "beschämt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stamme". Im Interview sprechen die Regisseurinnen über die Hintergründe.Anzeige
teleschau: Wie haben Sie das Vertrauen der Dixie Chicks gewinnen können? Barbara Kopple: Die Dixie Chicks suchten nach Filmemachern, die unter Umständen eine Dokumentation über sie drehen sollten. Sie waren sich nicht ganz sicher, doch fühlten sie, dass es eine Geschichte gab, die erzählt werden musste. Wir hörten davon und knüpften den Kontakt. Am Ende hatten wir Glück, dass ihnen unsere bisherige Arbeit gefiel, denn es hatten sich noch unzählige weitere Regisseure beworben. teleschau: Gab es Einschränkungen, was Sie filmen durften und was nicht? Cecilia Peck: Es gab keinerlei Auflagen oder Vorschriften. Sie wollten einen Film, der wahrhaftig ist. Barbara Kopple: Die Dixie Chicks bestanden darauf, dass die Filmemacher das Recht haben sollten, die finale Schnittfassung zu erstellen. Sie haben zu keinem Zeitpunkt versucht, uns zu beeinflussen oder sich in unsere Arbeit einzumischen. teleschau: Dabei zeigen Sie die Dixie Chicks auch in Situationen, in denen sie nicht von ihrer schönsten Seite zu sehen sind. Cecilia Peck: Es gab Momente, in denen Leute aus ihrem Umfeld uns herumkommandieren wollten, bestimmte Situationen nicht zu filmen oder den Raum zu verlassen. Aber die Chicks machten für alle klar, dass wir zur Familie gehörten und uns keiner wegschicken dürfe. teleschau: Wie erklären Sie sich diese verblüffende Offenheit? Cecilia Peck: Ihre Natürlichkeit resultiert aus derselben Quelle, der auch der Kommentar von Natalie beim Londoner Konzert entsprang: Sie waren immer ehrlich, nach außen und nach innen. Sie wollen nicht immer nur nett sein, nur um des schönen Scheins wegen. Sie wollten schon immer ihre Meinung äußern und nicht einfach so tun, als sei nichts geschehen. Es sind Künstler, die sich deutlich gegen Selbstzensur und Duckmäusertum wenden. Eine solch offensive Haltung stößt natürlich nicht überall auf Gegenliebe. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass sich Ehrlichkeit auszahlt. teleschau: Wie groß war das Dilemma der Dixie Chicks? Cecilia Peck: Die Ironie der ganzen Auseinandersetzung war, dass die Dixie Chicks gerade im Ausland schon immer eher als die All American Girls aus dem Heartland, also aus dem tiefsten Herzen der Country-Musik galten. Und nun waren es gerade die Country-Fans und die anderen Country-Musiker, die sie plötzlich dafür hassten, dass sie eine andere Meinung hatten. teleschau: Wie konservativ ist die amerikanische Country-Kultur tatsächlich? Barbara Kopple: In gewisser Weise ist es der Fluch der Country-Musik, scheinbar auf immer und ewig als stockkonservativ zu gelten. Country-Stars wird damit sofort unterstellt, sie seien Republikaner und damit auch auf der Seite von George Bush. Dabei haben immer mehr Sänger eine differenzierte politische Haltung und passen gar nicht in dieses Klischee. Man tut ihnen damit Unrecht. Mit unserem Film haben wir einen Versuch unternommen, die wahren Gesichter der Musiker zu zeigen - und welche Schwierigkeiten sie damit hatten, nicht nachzugeben und ihre Ansichten öffentlich zu verteidigen. teleschau: Haben die Dixie Chicks einen hohen Preis zahlen müssen? Barbara Kopple: Meiner Meinung nach trifft es das genaue Gegenteil: Sie haben sich durch den ganzen Aufruhr erst selbst finden können. Sie waren erst dadurch fähig, das Album aufzunehmen und sich ihrer wirklichen Überzeugungen gewahr zu werden: Politik, Mutterrolle, Unfruchtbarkeit - alles, was sie im tiefsten Innern umtreibt. Der Aufruhr war also das Beste, was ihnen in ihrer Karriere passieren konnte. Die gesamte Situation offenbarte der Öffentlichkeit, wer sie wirklich waren: ungeschminkt und grundehrlich. Cecilia Peck: Trotzdem war es für sie eine schwierige Situation. Es ist eine Sache, den Frauen in der Welt zu zeigen, dass sie zu ihren Überzeugungen stehen und hart bleiben sollen, wenn ihnen etwas wichtig ist. Doch der Rummel in den Medien, die Verbannung ihrer Musik aus den Programmen der Country-Radiostationen und die Verluste bei ihren Albenverkäufen - all das hat sie auch sehr mitgenommen. Da kann man sich nicht davor schützen, das haut einen um. Sie waren aber couragiert, haben sich aufgerappelt und weitergemacht. Barbara Kopple: Natürlich haben sie es persönlich genommen und nehmen müssen. Doch sie mussten eine Entscheidung treffen, wie sie den Vorwürfen begegnen wollten. Und als sie den Weg der Standhaftigkeit einschlugen, öffnete sich eine völlig neue Welt für sie - ein wahrer Segen für die Chicks. teleschau: Denken die Country-Hardliner mittlerweile anders über die Dixie Chicks? Barbara Kopple: Die Gemüter haben sich wieder etwas beruhigt. Vor allem, weil viele erkennen, dass die Dixie Chicks Recht hatten mit dem, was sie sagten. Aber natürlich gibt es im Heartland des Country immer noch genügend verstockte und unbelehrbare Menschen, die klar auf Präsident Bushs Seite stehen, auch wenn seine Beliebtheitswerte fallen. Auch das Internet spielte und spielt eine Rolle bei der Diffamierung der Dixie Chicks. Eine anonyme, rechtslastige Gruppe namens "Free Republic" rief Leute dazu auf, Radiostationen und andere Stellen anzurufen, um ihre Musik zu boykottieren. Dieses reaktionäre Netzwerk funktioniert immer noch beängstigend gut. Cecilia Peck: Doch es gibt in der Country-Musik auch hunderttausende progressive Leute, genauso wie es auch unter den Republikanern selbst viele verschiedene Überzeugungen gibt. Das Problem bleibt aber, dass die ultrarechten Konservativen mit ihren intoleranten Gruppierungen derart viel Angst verbreiten, dass viele Künstler, Politiker und ganz normale Bürger ihre Meinungen weiterhin lieber verschweigen, als von diesen Gruppen bloß gestellt und verbal attackiert zu werden. teleschau: Wie real war die Bedrohung? Peck: Die Dixie Chicks bekamen eine glaubwürdige Morddrohung, dass sie erschossen werden würden. Man weiß nie, was dahintersteckt. Wir selbst haben zwar noch keine Drohungen erhalten, doch wer weiß, was noch kommt. Kopple: Die Bedrohung ist zwar real. Es gibt aber Hoffnung: Selbst die Leute, die die Dixie Chicks hassen, kommen zu ihren Konzerten, um zu hören, was sie zu sagen haben. Das eröffnet zumindest die Chance, dass sich vielleicht Verständnis entwickelt. teleschau: Brauchen Sie als Filmemacher einen emotionalen Schutzwall, um nicht selbst von den Problemen, die Sie mit der Kamera aufnehmen, betroffen zu sein? Barbara Kopple: Ich könnte nie eine Distanz aufrechterhalten. Um eine wahre Geschichte zu erzählen, muss man leidenschaftlich und tief in die Materie eintauchen. Wir sind keine Journalisten, die objektive Arbeit abliefern wollen, sondern wir wollen die Menschen, ihre Gefühle und Nöte genau verstehen. Und das können wir nur, wenn wir mit ihnen fühlen. Cecilia Peck: Egal, auf welcher Seite man politisch stehen mag, ist es emotional ergreifend zu sehen, wie die drei Frauen als Mütter und Künstler ihre Situation meistern. In ihrer Art, wie sie durchhalten und nicht zurückschrecken, muss man sie einfach bewundern. teleschau: Weshalb haben sich die Dixie Chicks vom Country-Genre losgesagt und bewegen sich nun im Mainstream-Pop? Barbara Kopple: Es war eine befreiende Erfahrung, nicht mehr nur in der Country-Box vegetieren zu müssen und auf das Gutdünken konservativer Radiomacher angewiesen zu sein. Wohl und Wehe in der Country-Musik hängen eben auch heute noch stark davon ab, wie oft man im Radio gespielt wird. Natürlich wird es weiterhin Country-Einflüsse geben, denn das sind ihre Wurzeln. Doch können sie sich nun völlig frei zwischen den Stilen bewegen - auch das ist eine positive Auswirkung der Geschichte. teleschau: Und der Film ist ihrer Karriere durchaus zuträglich. Denken Sie, dass die Dixie Chicks diesen Werbeaspekt auch im Auge hatten, als sie die Idee für den Film hatten? Barbara Kopple: Wir hätten nie zugestimmt, einen Werbefilm oder Ähnliches für sie oder irgendjemand anderen zu drehen. Im Gegenteil: Wir wollten eine ausschließlich wahre, echte Geschichte verfilmen. Cecilia Peck: Es wäre für die Dixie Chicks sehr viel einfacher gewesen, hätten sie es sich in ihrer kleinen, beschaulichen Box als Regenköniginnen des Country bequem gemacht. Doch sie haben es sich nicht leicht gemacht und entwickelten ein neues Profil, um neue Zuhörer zu erreichen. Manchmal ist es schwer und schmerzvoll in der Kunst, durch eine neue, unbekannte Tür zu gehen. Sie standen zu ihrer Haltung und trugen die Konsequenzen. Es war überhaupt nicht klar, wie die Geschichte für sie ausgehen würde. teleschau: Für Sie als Regisseurinnen ist der Film ein voller Erfolg. In den USA lief er bundesweit in den Kinos und wurde bereits auf DVD veröffentlicht. Eine solche Breitenwirkung einer Dokumentation scheint immer noch eine Ausnahme zu sein ... Barbara Kopple: Wir waren angenehm überrascht, dass die Weinstein Company den Film so groß in die Kinos brachte und er sich auch international gut verkauft. Natürlich ist das für eine Dokumentation nicht die Regel. Doch meiner Meinung nach lohnt es sich, noch viel mehr in Dokumentationen zu investieren. Sie haben den großen Vorteil, dass sich ihre Macher mit ganzem Herzen dem Projekt widmen. Doku-Regisseure sind gemeinhin engagierter bei der Sache, weil in der Geschichte ihr Herzblut steckt. Wir investierten in den Film buchstäblich Blut, Schweiß und Tränen, arbeiteten zwei Jahre lang 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Welcher Filmemacher kann das schon von sich behaupten? Leif Kramp |
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