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Am Ende kommen Touristen

Am Ende kommen Touristen

(tsch) Umgeben von Natur, an einem idyllischen Fluss liegt die 40.000 Einwohner zählende polnische Stadt Oswiecim. Wer schon dort war, schwärmt von dem fast mediterranen Flair. Hört sich attraktiv an, denkt man - bis ihr deutscher Name fällt und damit eine ganz andere Assoziationskette in Gang gesetzt wird: Auschwitz. Ein Wort, auf das Regisseur Robert Thalheim im Filmtitel bewusst verzichtet. Denn "Am Ende kommen Touristen" nähert sich dem Auschwitz von heute und zeigt normales Leben an einem Ort, an dem nichts normal sein kann.

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Der 19-jährige Sven (lebensnah: Alexander Fehling) aus Berlin soll in der Begegnungsstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz seinen Zivildienst leisten. Er verheimlicht nicht, dass er eigentlich lieber nach Amsterdam wollte und Auschwitz für ihn nur eine Notlösung ist. Mit dem üblichen Schulbuchwissen über die Verbrechen der Deutschen, aber der Unverkrampftheit einer Generation, die keinen persönlichen Bezug mehr zur Nazizeit hat, nähert er sich dem Gelände, in dem sich in den nächsten Monaten sein Alltag abspielen wird.

Auf Zuschauer mit einem ähnlichen Wissens- und Erwartungshorizont wie Sven wirkt die Realität der "Sehenswürdigkeit" Auschwitz zunächst befremdlich. Mit dem hier Halt machenden "Everyday Auschwitz-Birkenau"-Bus lassen sich gleich zwei ehemalige KZs abklappern und zur Erinnerung schießen die Touristen ein Foto von sich selbst unter dem Schild "Arbeit macht frei" am Tor oder kaufen eine Postkarte. Sicher, man hatte es geahnt, kollektives Gedenken geht mit einer musealen Infrastruktur einher.

"Wir sitzen hier auf einem Pulverfass", das bekam das Filmteam um Regisseur Robert Thalheim zusammen mit der Absage zu hören, als es um die offizielle Erlaubnis bat, auf dem Gelände Spielfilmszenen drehen zu dürfen. Mit diesem Anliegen scheiterte schon Steven Spielberg. Die Crew machte es also wie der Hollywoodregisseur und baute wichtige Gebäude nach. Besonderes Feingefühl mit einer Stätte, die auch ein Friedhof ist, verlangt im Film Svens Chef, ein Deutscher. Er reflektiert mit Schulklassen ihre Erlebnisse in der Gedenkstätte und ringt ihnen Betroffenheitsstatements ab. Er ist es auch, der Sven darauf hinweist, dass man an diesem sensiblen Ort besonders als Deutscher unter Beobachtung steht. Das gilt vor allem für den Umgang mit KZ-Überlebenden wie dem alten Stanislaw Krzeminski (beeindruckend: Ryszard Ronczewski), um den sich der Zivi besonders zu kümmern hat.

Sensibilisiert für die Fettnäpfchen und irritiert von den "War dein Opa nicht auch schon hier"- Sticheleien eines jungen Polen, den er in der Kneipe trifft, versucht Sven mit seinem Alltag, der fremden Sprache und seiner Verliebtheit in die polnische Museumsführerin und Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) klarzukommen. "Wie ist es, hier zu leben?", fragt Sven einmal Ania. Sie zuckt nur mit den Schultern und wünscht sich insgeheim, wegzuziehen von einem Ort, an dem die Eröffnung einer Diskothek für die einheimische Jugend in der Nähe der Gedenkstätte zur weltweit diskutieren Affäre werden kann. Deutsche Geschichte scheint das heutige Leben der Polen rund um Auschwitz zu bestimmen. Das nervt nicht nur Ania, aus der es einmal herausbricht: "Lass mich doch jetzt mal mit Deinem Lager zufrieden, ich hab wirklich genug davon."

Umso mehr wundert sich Sven über den Erinnerungsbetrieb, in dem subtile Grabenkämpfe ums Gedenken ausgetragen werden und in dem nicht immer die Menschlichkeit siegt. Der sperrige Zeitzeuge Krzeminski soll von damals erzählen - aber bitte nicht zu ausführlich - und muss dummdreisten deutschen Lehrlingen seine eintätowierte Lagernummer wie einen Beweis für seine Authentizität vorführen. Als dem immer noch nah am Lager lebenden Krzeminski nach vielen Jahren seine Lebensaufgabe, das Restaurieren der alten Koffer der Nazi-Opfer wegen seiner veralteten Methoden von den polnischen Spezialisten weggenommen werden soll, erträgt Sven die Doppelmoral nicht mehr und wird aktiv.

"Am Ende kommen Touristen" überzeugt mit seinen leisen Zwischentönen. Die Vergangenheit, das heutige Verhältnis zwischen Deutschen und Polen sowie der Umgang der nachgeborenen Generationen in beiden Ländern mit Geschichte und Schuld bringt der Regisseur dezent in die Geschichte über Svens Erwachsenwerden und seine Suche nach einem Platz in der Welt ein. Bevor Robert Thalheim die Filmhochschule Potsdam-Babelsberg abschloss und mit dem Spielfilm "Netto" auf sich aufmerksam machte, arbeitete er selbst als Zivi in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz.

Der etwas andere Blick, das Interesse an Polen und interessante Begegnungen kamen dem Film zugute. So oszilliert der Soundtrack zwischen polnischem Hardrock und Schubert. Letzteren will übrigens Krzeminski während der Autofahrt mit Sven immer hören. Wer einen Widerspruch darin sieht, wenn ein ehemaliger KZ-Häftling deutschem Kulturgut lauscht, muss sich selbst fragen, warum. Überlebende dagegen sagen: "Die Sprache kann doch nichts dafür."

Diemuth Schmidt

Credits:
V:X Verleih, D 2007, R: Robert Thalheim, D: Ryszard Ronczewski, Alexander Fehling, Piotr Rogucki u.a.

Laufzeit: 85 Min.

Kinostart:
16. August 2007


Der Zivildienstleistende Sven Lehnert (Alexander Fehling) hat einen schweren Start in Polen.
Der Zivildienstleistende Sven Lehnert (Alexander Fehling) hat einen schweren Start in Polen. (X Verleih AG / Gerald von Foris)

Sven (Alexander Fehling) fühlt sich sehr zu der Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) hingezogen.
Sven (Alexander Fehling) fühlt sich sehr zu der Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) hingezogen. (X Verleih AG)

Tag für Tag macht sich Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) an die Restaurierung der zerschlissenen Häftlings-Koffer.
Tag für Tag macht sich Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) an die Restaurierung der zerschlissenen Häftlings-Koffer. (X Verleih AG)

Datum: 14.08.2007

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