(tsch) Der 32-jährige Kölner Tilmann Otto, besser bekannt als Reggaesänger Gentleman, ist ein deutsches Phänomen. Als 17-Jähriger reiste der Pastorensohn nach Jamaika, um dort mit perfektem Patois-Zungenschlag den Reggae zu singen und das kritische Publikum in Windeseile auf seine Seite zu ziehen. Zur selben Zeit war Reggae in Deutschland Musik für Althippies und ewig gestrige Tagträumer, die immer noch nicht mitbekommen hatten, dass Bob Marley aus nachvollziehbaren Gründen schon lange nichts Neues mehr gemacht hatte. Doch dann verwandelte sich die Geschichte von Tilman Otto in ein Märchen. Spätestens seit seinem Album "Confidence", das im Jahr 2004 von Platz Null auf Eins der deutschen Albumcharts schnellte, war klar: Gentleman und der Reggae haben das neue Deutschland erobert. Anlässlich seines vierten Albums "Another Intensity" (erscheint am 24.08.) zieht Gentleman Bilanz.
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teleschau: 1994 zeigte das deutsche Fernsehen in der Reihe "Lost in Music" eine Dokumentation über das Phänomen Reggae. Der rote Faden der Sendung war ein blutjunger Kölner namens Gentleman, der nach Jamaika flog, um den Leuten dort ihre eigene Musik vorzuführen. Damals warst Du eine Skurrilität. Heute erreichen Deine Alben die Top-Positionen der Charts. Denkst Du manchmal, Du träumst?
Gentleman: Ich frage mich oft, wo eigentlich der Haken ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, das alles war eine Bestimmung. Beim Extravaganza-Festival, bei dem ich im Dezember 1994 zum ersten Mal zu sehen war, trat ich damals ganz spontan auf. Da ging es um Leidenschaft, und die hat auch eine Menge Naivität bei mir überdeckt. Ich machte Sachen, die würde ich mich heute nicht mehr trauen. Ich ging an gefährliche Orte, die ich heute meide. Ich schnallte das damals nicht. Aber ich spürte auch eine Art Schutzhülle um mich herum, vielleicht so eine Art Aura des Naiven.
teleschau: Würdest Du Dich als nassforschen Typen bezeichnen?
Gentleman: Vielleicht. Damals war ich erst 17 Jahre alt. Da denkst du nicht viel nach. Es ist etwas, das einfach passiert. Als es hieß, es gibt eine längere Umbaupause, sagte einer zu mir: "Geh doch mal zu GT Taylor, das ist der Promoter, und singe ihm etwas vor." Das habe ich gemacht, und dann musste ich auf die Bühne. Alles passierte sehr schnell, und ich stand plötzlich vor 30.000 Leuten. Hinterher denkst du dir: "Was war das denn jetzt?"
teleschau: Würdest Du sagen, dass Deine Karriere aufgrund solcher spontanen Eingebungen funktioniert?
Gentleman: Ich habe nie irgendetwas geplant. Mein einziges Ziel war, diese Mucke zu machen. Das habe ich getan, sehr lange mit Existenzängsten. Was mich und die Rastas verbindet, ist sicherlich die Fähigkeit zur Leidenschaft. Für mich wird immer klar, dass Reggae ein universelles Ding ist. Jamaika ist zwar das Mutterland, aber die Wahrheiten in der Musik sind allgemeingültig. Das ist es, von dem schon Bob Marley und Peter Tosh gesungen haben. Ich kenne keine andere Musik, die einen solchen Wahrheitsgehalt besitzt. Man kann ihn förmlich greifen.
teleschau: Gab es einen Punkt in Deinem Leben, an dem Du gewusst hast: "Jetzt habe ich es geschafft!"
Gentleman: Es gab verschiedene Stationen, die mich immer weitermachen ließen. Das besagte Extravaganza-Festival auf Jamaika war sicherlich die erste. Dass ich meine Musik vor diesen Leute machen konnte, und die das gut fanden, obwohl ich aus Deutschland kam, das war schon Wahnsinn. Oder dass Four Music mich unter Vertrag nehmen wollte, als ich beim Stück "Tabula Rasa" (Hit aus dem Umfeld der Band Freundeskreis aus dem Jahre 2000, Anm. der Red.) mitgemacht hatte. Ich meinte zu denen: "Ich habe außer ein bisschen Singen bei 'Tabula Rasa' doch noch nie einen Song aufgenommen!" "Egal", war die Antwort und dass ich ja sicher mal einen aufnehmen würde.
teleschau: Wer hört heute in Deutschland Reggae?
Gentleman: Mittlerweile ist das absolut generationsübergreifend. Ich habe mal einen Brief von einem 35-Jährigen bekommen, der mir schrieb, dass er seine Frau auf einem meiner Konzerte kennengelernt hat. Die kommen jetzt mit zwei Kindern zu den Gigs. Ich habe schon Rechtsanwälte in der Crowd getroffen, aber auch 13-jährige Kids, die außer mir vielleicht auch Britney Spears hörten. Natürlich gibt es da die "Reggae-Heads", die Szenetypen. Aber auch die Bäckereifachverkäuferin von nebenan. Es gibt keinen typischen Gentleman-Hörer mehr ...
teleschau: Trotzdem muss es doch einen Grund dafür geben, dass Reggae nach langen Jahren im Tiefschlaf jetzt die Leute hierzulande erreicht. Reggae und Bob Marley - das war doch lange Zeit Lichtjahre entfernt von der deutschen Popkultur. Was ist also passiert?
Gentleman: Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Musik endlich aus dem Untergrund hochkam, bis sie auch von den Medien eine Plattform erhielt. Es gibt schon ganz lange eine Soundsystem-Kultur überall in Deutschland. Jedes Wochenende veranstalten sie ihre Dances. Diese Leute haben das einfach nur gemacht, weil sie Bock darauf hatten, und nicht, weil sie irgendetwas damit erreichen wollten. Es gab mutige Promoter, die Festivals organisierten. Heute ist es eine Kultur, es gibt eine Struktur, immer mehr Künstler, Produzenten und Labels. Das alles passiert völlig unabhängig vom Erfolg, einfach weil es Spaß macht. Auf dieser Basis hat sich die Reggaekultur etabliert in Deutschland, auch wenn mittlerweile eine Gesundschrumpfung stattgefunden hat. Vor fünf Jahren war der Hype am größten. Damals hatten wir die meisten Besucher bei den Dances und Festivals. Doch ich würde sagen: Im Vergleich zu HipHop, R'n'B oder Techno ist Reggae immer noch eine Nischenkultur.
teleschau: Für das neue Album "Another Intensity" hast Du relativ viel Zeit benötigt. Es heißt, dass Du zum ersten Mal auch so etwas wie eine Schreibblockade hattest ...
Gentleman: Die grundlegende Frage, die ich mir nach einem Nummer-Eins-Album und zweieinhalb Jahren Tournee durch die ganze Welt stellte, war: Wo will ich eigentlich hin? In Frankreich kam "Confidence" erst zwei Jahre später raus, alles passierte zeitversetzt. Plötzlich waren drei Jahre vorüber, die sich anfühlten wie drei Monate. Die Plattenfirma fragte: "Willst du denn eigentlich noch mal Musik machen?" (lacht) Ich setzte mich mit Stift und Zettel hin, hörte Musik, wollte neue Sachen schreiben. Aber ich spürte nichts, keinen Hunger, keinen Drang. Ich merkte, dass ich erst mal einen Ruhepol finden musste. Irgendwann sagte ich mir: "Okay, du bist Künstler und es geht darum, die Gefühle, die da sind, in Musik zu verpacken." Weil ich leer war, heißt der Song jetzt eben "Emptiness" - der handelt von meiner inneren Leere.
teleschau: Wie wichtig sind die regelmäßigen Besuche in Jamaika. Musst Du als Künstler regelmäßig dort hinfliegen, um die neuesten Trends nicht zu verpassen oder um einen bestimmten Geist zu atmen?
Gentleman: Man muss nicht nach Jamaika fahren, um Reggae zu machen. Bei mir ist es eher so, dass ich dort mittlerweile Familie und Freunde habe. Es ist ein Ort, den ich vermisse, wenn ich längere Zeit nicht dort war. Natürlich ist es auch das Mutterland der Musik, die ich so sehr liebe. Wenn ich in einem Studio auf Jamaika bin, schlagen mir ganz andere Erfahrungswerte entgegen als hier in Deutschland. Ich habe diesmal in Jamaika, London und Deutschland aufgenommen. Auch in Deutschland kann man gut arbeiten - wenn du genau weißt, was du willst. Bist du in Jamaika im Studio, hängen dort 20 Leute rum, und jeder von ihnen hat kreative Vorschläge. Da kommt auch mal der Parkplatzwächter herein und gibt einen fundierten Tipp, wie Gentleman eine bestimmte Textzeile singen sollte. Ein Zweiter sagt etwas über Betonung, ein Dritter schlägt vor, an dieser Stelle eine Bassline rauszunehmen. In Jamaika ist es ein Gemeinschaftsprojekt mit riesigem Input aller, da kommst du oft schneller an dein Ziel. Die Musik ist außerdem so allgegenwärtig in Kingston, das ich dort einfach fokussierter arbeiten kann und weniger abgelenkt werde.
teleschau: Was sagen denn die Jamaikaner heute über Deine Musik. Hören die da etwas typisch Deutsches oder Europäisches raus?
Gentleman: Ich glaube, man kann das nicht heraushören. Einige der fettesten Roots-Reggae Stücke habe ich mit meiner Band hier im Studio eingespielt. Viele Leute in Jamaika kennen meine Lieder, können aber gar nicht glauben, dass ich der Sänger dazu bin. Weil sie dachten, es wäre ein Landsmann ...
teleschau: Bringt "Another Intensity" denn auch musikalische Neuerungen?
Gentleman: Der rote Faden ist nach wie vor Roots-Reggae. Das ist mein Ding, und ich will ja auch nicht die Leute vergraulen, die mich so weit gebracht haben. Aber ich möchte mich auch weiterentwickeln. Es gibt ein "Songwriterding" mit Lagerfeuerromantik auf dem Album, einen knallharten HipHop-Beat und ein Dancehallbrett - es ist sicher für jeden etwas dabei.
teleschau: Viele Kenner Jamaikas bestätigen, dass es ein immer gefährlicherer Ort wird, und dass die Waffengewalt dort immer mehr zunimmt. Du sagst andererseits selbst, dass die Insel ein Ort großer Spiritualität ist. Wie kommt es zu diesem Paradoxon?
Gentleman: Zunächst müssen wir da mit einem großen Missverständnis aufräumen: Jamaika war noch nie "One Love, One Peace", "Harmony" und "Sunshine-Reggae". Wenn die Europäer verzückt singen "I Shot The Sheriff" und sagen: "Hey, Bob Marley, alles easy ...", dann lach ich mich schlapp. Eine klarere Aussage kann man ja in einem Song kaum treffen. Reggae hat schon immer Missstände angeprangert, war stets eine extrem politische, sozialkritische Musik. Jamaika ist ein Land, das in Korruption versinkt und das politisch total verkorkst ist. Bei jeder Wahl gibt es bürgerkriegsähnliche Zustände. 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, und es herrscht eine Waffengewalt, die auf einmal ganz komische Ausmaße annimmt. Die Leute besitzen Waffen, die hat noch nicht einmal die Armee. Jeder verfügt über eine Knarre dort. Das Land ist auch einfach zu nah an Amerika dran. In den 60-ern hat man die Rastas zur Tötung freigegeben. Jamaika war früher ein Piratennest, und dieses Wilde hat sich bis heute gehalten. Andererseits gibt es dort eine Spiritualität bei den Menschen. Ich verstehe diese Gesellschaft bis heute nicht richtig und laufe oft mit Fragezeichen herum. An einem Tag denke ich: "Ihr habt sie nicht mehr alle" - und bin total sauer. Am nächsten Tag passiert etwas Wunderbares, und dann bin ich plötzlich der Meinung, eine Gesellschaft sollte genau so sein. Es gibt kein Land auf der Erde, das so kontrovers ist.
Eric Leimann
Gentleman hat sein neues Album in Deutschland, London und auf Jamaika aufgenommen. (Four Music)
Brachte den Reggae nach Deutschland: Tilmann Otto, besser bekannt als Gentleman. (Four Music)
"Ich hatte nie den Plan, irgendwann mal Reggaesänger zu werden", sagt Gentleman. (Four Music)