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Colin Firth

Eben verrückt ...

Schauspieler Colin Firth

(tsch) Colin Firth war viel, sogar einer der schönsten Männer der Welt, glaubt man zumindest dem amerikanischen "People"-Magazin - und Millionen von Frauen. Denn seine Rolle als Mr. Darcy in der Jane-Austen-Verfilmung "Stolz & Vorurteil" machte ihn weltweit zum Ideal des verstockten, aber eigentlich hoffnungslos romantischen Edelmannes. Bekannt wurde der 46-jährige Brite und zweimalige Vater in ähnlich harmonischen Charakterrollen in Filmen wie "Bridget Jones", "Tatsächlich… Liebe" oder "Fever Pitch". Doch der Charmeur kann auch anders: Seine düsteren Exkurse in die Abgründe der menschlichen Seele in Thrillern und Dramen wie "Wahre Lügen" oder "Trauma" blieben von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Nun kommt mit "Die letzte Legion" (Start: 30.08.) ein ähnlich ungewöhnliches Schlachtenepos in die Kinos, das Firth als mutigen Anführer zeigt, der um das Überleben des Alten Roms kämpft, indem er seinen zwölfjährigen Kaiser schützt. Im Interview spricht Colin Firth augenzwinkernd über sein Verhältnis zu Kindern, den Fluch des Mr. Darcy, und er verrät, wieso er manchmal am liebsten den Regiestuhl entern würde.

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teleschau: In Ihrem neuen Film kämpfen Sie für das Heil des zwölfjährigen römischen Kaisers Romulus Augustus. Kommen Sie auch im realen Leben gut mit Kindern aus?

Colin Firth: Ich gehe halt mit ihnen um, nicht mehr. Ich arbeite gern mit Kindern. Aber sonst ist es mir am liebsten, wenn es die Kinder Anderer sind (lacht). Dann kann es sogar Spaß machen, in ihrer Umgebung zu sein, weil ich jederzeit verschwinden kann, wenn sie anfangen zu nerven. Und ich kann wiederkommen, wenn sich der Sturm gelegt hat.

teleschau: Sie selbst sind Vater: Woher holen Sie sich Erziehungstipps?

Firth: Trotz ganzer Stockwerke von Buchhandlungen über Kindererziehung sind wir als Eltern nicht besser geworden. Da läuft also irgendetwas falsch. Auch eine Armada aus Ratgebern hilft da nicht weiter. Jeder muss seinen eigenen Weg finden - es gibt keine einfache Lösung, auch wenn das die Ratgeber natürlich suggerieren wollen.

teleschau: Woran liegt es, dass Sie in Ihren Rollen meistens etwas schroff wirken?

Firth: Ich interessiere mich nicht für Charaktere, die umgänglich sind. Die sind mir sogar höchst zuwider. Leute, die keine Probleme haben und auch keine suchen und denen alles in den Schoß fällt, sind weder im wahren Leben noch in Filmen interessant. Auch die Action-Helden, die wir doch alle eigentlich am liebsten haben, entsprechen dem Harrison-Ford-Ideal: Man weiß nie, ob er eine Situation meistert.

teleschau: Ihren größten Erfolg hatten Sie als romantischer Held - Ihre Lieblingsrolle?

Firth: Um ehrlich zu sein, war ich immer schwer beeindruckt von Indiana Jones, gerade weil es dort um nichts anderes geht als das Prinzip: einfacher Mann gegen das Schicksal. Niemand weiß, ob er es schaffen wird. Er muss Hürden überwinden und mit sich selbst ins Reine kommen, um sich durchzusetzen. Unzulänglichkeit. Scheitern, egal in welcher Form. Das interessiert mich.

teleschau: Fühlen Sie sich von Ihrer Rolle als Mr. Darcy verfolgt?

Firth: Nicht wirklich. Darcy ist jemand, auf den meist die Sprache kommt, wenn ich im Kreise von Journalisten sitze. Ich weiß zwar, dass ich mein Leben lang mit dieser Figur in Verbindung gebracht werde, aber es ist kein Geist, der stets um mich herumschwirrt. Manchmal vergesse ich Mr. Darcy sogar, vor allem, wenn ich arbeite. Doch dann plötzlich ist er wieder da, wenn ich vor einem Mikrofon sitze, und ich weiß, dass ich ein weiteres Mal über ihn reden muss.

teleschau: Klingt wie eine Qual.

Firth: Ein Etikett aufgedrückt zu bekommen oder in eine Schublade gesteckt zu werden, bedeutet für einen Schauspieler, dass er zumindest einen Namen hat, eine Identität, die ihn in irgendeiner Weise bei der breiten Masse bekannt macht. So etwas kann eine wertvolle Währung sein.

teleschau: Meinen Sie, dass Sie mit einer anderen Rolle eine ähnliche Popularität erreichen könnten?

Firth: Wer kann das schon vorhersagen? Ein Archetypus entsteht, wenn die Leute zu einem bestimmten Zeitpunkt eben für diese Figur bereit sind und sich in ihren teils auch verborgenen Wünschen oder Befürchtungen wiederfinden. Vor 100 Jahren war es Dracula, eine lüsterne Gestalt, die den Menschen die Seele raubte und ihnen das Blut aussaugte. Frankenstein wurde zur Ikone, weil die noch junge Industriegesellschaft auf eine solche Figur gewartet hatte, die dem Menschen zeigte, dass er über sich hinauswachsen und selbst Kreaturen erschaffen, diese aber nicht kontrollieren kann. Auf sehr viel unspektakulärerem Level traf ich mit Mr. Darcy auch einen Nerv zur richtigen Zeit. Ich kann mir aber bis heute nicht erklären, warum. Schließlich war er ganz schön unfreundlich, distanziert und weltfremd.

teleschau: Zieht es Sie eher auf die Seite der liebenswerten Charaktere oder der ambivalenteren Bösewichte?

Firth: Wir alle in der Schauspielzunft haben, glaube ich, eher eine Neigung für die dunkle Seite. Und ich versuche, meinen Charakteren zu einer gewissen Ambivalenz zu verhelfen, selbst wenn sie nett sind. Ich suche immer nach bestimmten Merkmalen, die meine Rolle vielseitiger machen können.

teleschau: Worin liegt der Reiz von undurchsichtigen Figuren?

Firth: Als Schauspieler sollen wir unsere Charaktere nicht verurteilen, sondern wir sollen sie und ihr Handeln rechtfertigen, so sehr wir das Publikum damit auch befremden mögen. Am Ende hoffen wir, es doch noch auf unsere Seite ziehen zu können. Man kann nicht in eine fremde Identität eintauchen und einfach all das aussortieren, was einem nicht gefällt. Da heißt es: alles oder nichts. Mr. Darcy ist zu Beginn ein mieser Patron, und ich habe mir wirklich Mühe gegeben, das Misstrauen der Zuschauer zu vermehren. Am Ende ist es eine umso schönere Erfahrung, wenn das Publikum doch die eine oder andere Eigenschaft an der Rolle mag und es Darcy sogar gönnt, das Mädchenherz zu erobern. Das ist zwar für einen Schauspieler eine ungeheuer lange Reise in einer unglaublich kurzen Zeit, doch sind die Sympathien der Zuschauer danach um so ehrlicher, weil sie zuvor die Figur anders empfunden haben.

teleschau: Haben Sie sich deswegen bisher meist für Charaktere entschieden, die im tiefsten Innern eigentlich gutherzig sind?

Firth: Auch Verbrecherrollen haben das Potenzial: Die beliebtesten Bösewichte der Filmgeschichte sind solche, die auf irgendeine Art das Publikum auf ihre Seite schlagen können. Nehmen Sie das große Vorbild Hannibal Lecter, eine fast schon idealtypische Verbrecherikone der Filmgeschichte: Grund für seine Popularität ist das Charisma von Anthony Hopkins. Dabei ist es unglaublich, dass ein weltweites Publikum einen Kannibalen sympathisch findet! Aber wir können seitdem von Filmen, egal welchen Themas, nicht genug bekommen - Hauptsache, es spielt Anthony Hopkins mit.

teleschau: Anthony Hopkins ist auch ein berühmter Vertreter des englischen Method Acting. Wie unterschiedlich sind sich Hollywood und britisches Kino?

Firth: Ich habe schon mit unzähligen amerikanischen Schauspielern gearbeitet, und es ist mittlerweile schon ungewöhnlich für mich, in einem britischen Film zu spielen, für den keine amerikanische Schauspielerin engagiert wurde. Der Unterschied zwischen Hollywood- und britischen Produktionen ist so groß nicht. Nur das Publikum unterstellt meistens eine gänzlich andere Philosophie.

teleschau: Woran liegt das?

Firth: Es mag an den kulturellen Unterschieden liegen, die aber nichts über die Qualität aussagen. Während die Amerikaner lieber ein Drama über das Leben in einem Wohnwagen-Park drehen, entscheiden sich die Briten eher für das Porträt eines konservativen Ministerpräsidenten. Ich würde Eminem gerne einmal in der Rolle eines britischen Konservativen sehen. Das würde er vielleicht sogar hinbekommen. Genauso stimmt das Klischee des pompösen britischen Theaterschauspielers auch nicht mehr: Daniel Day-Lewis, Tim Roth, Gary Oldman - sie alle sind vielseitig und sind sogar fast häufiger in US-Produktionen zu sehen als in europäischen. Meine Ausbildung in London basierte auf Stanislawski und Strasberg, also auch auf dem Method Acting, doch entwickelte ich eine sehr amerikanische Herangehensweise. Das hat sich sehr schnell vermischt.

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?

Firth: Ich bereite mich heutzutage nicht mehr so intensiv auf meine Rollen vor wie früher. Da recherchierte ich noch wochenlang und versuchte, mich schon im Vorfeld möglichst eng an die Lebenssituation des jeweiligen Charakters anzupassen. Als ich in meinen Zwanzigern war, trainierten alle jungen Schauspieler für Boxer-Rollen, weil uns zu jener Zeit Robert De Niro in "Raging Bull" so sehr fasziniert hatte. Wir wollten einfach keine typischen englischen Schauspieler mehr sein. Es war ein echter Kult, der sich um den Prozess des Method Acting entwickelte. Eine ganze Generation von Schauspielschülern wurde hypnotisiert.

teleschau: Wieso denken Sie heute anders?

Firth: Es besteht die Gefahr, dass die Methode die Schauspielleistung an sich in den Hintergrund drängt. Wenn der Darsteller auch nach Drehschluss die Rolle nicht ablegt, sondern alle Gewohnheiten der Figur weiter behält, um sich bloß nicht von ihr zu entfernen, kann das durchaus positive Auswirkungen haben, doch bekommt das meist mehr Beachtung als der Film selbst. Wenn Renée Zellweger für "Bridget Jones" ihren Körper verändert und zwar in einer Weise, die für die meisten Schauspielerinnen völlig indiskutabel wäre, dann ist das eine bemerkenswerte Leistung. Und wir alle sind von der Magie der Verwandlung beeindruckt. Doch wurde jeder, der am Film mitgewirkt hatte, später ausschließlich mit Fragen über ihre Diät bombardiert. Die Filmhandlung an sich wurde plötzlich unwichtig. Der Prozess sollte meiner Meinung nach nicht zum eigentlichen Produkt werden, das die Öffentlichkeit zu interessieren hat.

teleschau: Sind Sie glücklich in Ihrem Beruf?

Firth: Wahre Momente des Glücks, wenn man das überhaupt so sagen kann, erlebe ich allenfalls hinter den Kulissen, wenn wir proben, am besten auf der Theaterbühne. In den Momenten, in denen ich vor Publikum spiele oder wenn es um die finale Drehsequenz geht, erfülle ich meine Vertragspflicht. Da bin ich ein reiner Arbeiter.

teleschau: Ist es dann nicht Zeit, sich über Alternativen Gedanken zu machen?

Firth: Ich reise schon seit so vielen Jahren von einem Filmset zum nächsten und habe mit so vielen unterschiedlich fähigen Regisseuren zusammengearbeitet. Und manchmal haben sie wirklich keinerlei Ahnung von dem, was sie tun. In solchen Momenten kam mir natürlich schon mal der Gedanke vorzuschlagen, dass ich die Misere in fünf Minuten wieder hinbiegen könnte. Doch habe ich es dann doch gelassen. Vielleicht ist es auch eine Illusion, dass ich selbst Regie führen könnte. Ich habe mich sogar schon ein bisschen im Drehbuchschreiben versucht. Aber die größte Schwierigkeit ist nun mal, dass Erfolg den Willen zur Veränderung verwässert. In Zeiten, in denen es gut läuft, ist es halt einfacher, das nächste Rollenangebot anzunehmen. Und die Zeiten sind zurzeit sehr gut. Bis ich nicht tiefe Unzufriedenheit spüre, bleiben meine Alternativpläne also in der Warteschleife.

teleschau: Was bedeutet die Schauspielerei für Sie?

Firth: Eines kann ich sagen: Die Schauspielerei hilft überhaupt nicht bei emotionalen Problemen, sie macht alles nur noch schlimmer.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Firth: Wer sich im normalen Leben wie ein Schauspieler verhielte, ein Bankangestellter zum Beispiel, würde schnell in der Klapse oder im Gefängnis landen. Viele erfolgreiche Schauspieler benutzen schlechte Ausdrücke und haben keinen Sinn dafür, welche Verhaltensweisen in der Realität asozial sind. Wer kann es ihnen verübeln, schließlich werden wir ständig angetrieben, solche Gefühle in unserer Arbeit zu kultivieren. Außerdem kümmert es niemanden, ob ein Schauspieler nach einem Film zu einer besseren Person geworden ist oder nicht. Wenn man in einer Mine arbeitet, atmet man vielleicht giftige Gase, und als Stewardess dehydriert man vielleicht. Wir Schauspieler haben eben mit sozial ungesunden Umgangsweisen zu kämpfen.

teleschau: Dabei hört man immer wieder, dass sich Schauspieler von ihrem Job therapeutische Wirkungen versprechen.

Firth: Ein Film soll nicht heilen, er soll in sich funktionieren. Ich erinnere mich an einen berühmten Theaterkollegen, der komplett verrückt war. Den Namen verrate ich natürlich nicht. Er tourte mit einem Theaterstück, das mit viel Körperschminke arbeitete, durch Europa. Jemand stellte fest, dass er unter der Schminke, die er nie abwusch, Prellungen hatte. Ein Arzt unterhielt sich mit ihm mehrere Stunden, war aber nicht wegen der Blutergüsse besorgt, sondern diagnostizierte, dass er geistig krank sei. Die Theaterkollegen mussten sich ordentlich ins Zeug legen, damit er nicht eingewiesen wurde. Sie meinten, er habe seine Anstalt bereits auf der Bühne gefunden. Wäre er also nicht ein solches Schauspielgenie, er würde längst in der Nervenheilanstalt sitzen. Was wir als Schauspieler machen, ist eben verrückt.

teleschau: Was ist dagegen zu tun?

Firth: Ganz einfach: Wir müssen aufpassen, nicht den Sinn für die Realität zu verlieren.

Leif Kramp


"Die letzte Legion" (Start: 30.08.) ist ein ungewöhnliches Schlachtenepos, das Colin Firth als mutigen Anführer zeigt, der um das Überleben des Alten Roms kämpft, indem er seinen zwölfjährigen Kaiser schützt.
"Die letzte Legion" (Start: 30.08.) ist ein ungewöhnliches Schlachtenepos, das Colin Firth als mutigen Anführer zeigt, der um das Überleben des Alten Roms kämpft, indem er seinen zwölfjährigen Kaiser schützt. (Tobis)

Aishwarya Rai und Colin Firth spielen Hauptrollen in dem Abenteuerfilm "Die letzte Legion".
Aishwarya Rai und Colin Firth spielen Hauptrollen in dem Abenteuerfilm "Die letzte Legion". (Tobis)

Colin Firth: "Die Action-Helden, die wir doch alle eigentlich am liebsten haben, entsprechen dem Harrison-Ford-Ideal: Man weiß nie, ob er eine Situation meistert."
Colin Firth: "Die Action-Helden, die wir doch alle eigentlich am liebsten haben, entsprechen dem Harrison-Ford-Ideal: Man weiß nie, ob er eine Situation meistert." (Tobis)

Datum: 30.08.2007

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