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Buddenbrooks - Ein Geschäft von einiger Größe

Ein Film wie Open-Air-Theater

(tsch) Neben dem mächtigen Zierofen schritten sie durch eine Geheimtür, drei Generationen deutscher Film- und Fernsehgeschichte. Armin Müller-Stahl, Iris Berben, August Diehl und Jessica Schwarz stellten sich der Reihe nach auf, um von einer seltsam disziplinierten Fotografenschar abgelichtet zu werden. Zuvor war die Warnung ausgegeben worden, die Prominenz sei heute nicht so recht aufgelegt für das übliche Geschrei, wie es auch an den Roten Teppichen dieser Welt ertönt. Sollte sie jemand direkt ansprechen, um in eine Fotolinse zu schauen, würden allesamt den Saal verlassen. Und es war ein schöner Saal. Also wurde geschwiegen und die Blickrichtung zu den Fotografen kollektiv mit einem Besenstiel gewiesen. Im Lübecker Rathaus war es ohnehin recht ruhig an diesem Abend, an dem das opulente Kinoprojekt "Buddenbrooks - Ein Geschäft von einiger Größe" präsentiert wurde.

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Heinrich Breloer, der preisgekrönte Filmemacher, der mit seinen Dokudramen stilistisch und inhaltlich Fernsehgeschichte schrieb, dreht zurzeit seinen ersten Kinofilm. Es soll einer werden, der deutsche Filmgeschichte schreibt. Ein Rekordbudget von 15 Millionen Euro (Produktion: Bavaria Film, Colonia Media unter Mitwirkung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens) wird investiert. Doch über Hoffnungen wird ebenso wenig gesprochen wie über Erwartungen, die angesichts des Renommees Breloers höher nicht sein könnten. Schließlich adaptiert er einen, wenn nicht den deutschen Jahrhundertroman. Er selbst sagt, man könne ein Werk von Thomas Mann nicht besser machen und gibt damit die Zielrichtung vor: Ab Weihnachten 2008 wird das Kinopublikum den Kostümfilm wieder entdecken - und ihn vielleicht sogar lieben lernen.

Die Geschichte um die Familie Buddenbrook und ihren gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Verfall soll vor allem mit der Konzentration auf zeitlose menschliche Identifikationsmomente punkten. Die reiche Lübecker Kaufmannsfamilie, die Ende des 19. Jahrhunderts um ihr geschäftliches und soziales Überleben kämpft, ist Generationen von Schülern bekannt, gehört doch Thomas Manns bekanntester Roman seit Langem zur Pflichtlektüre in den Klassenzimmern der Republik.

Armin Mueller-Stahl spielt den sogenannten Konsul, das Familienoberhaupt, Iris Berben seine Gattin, die nicht erst nach seinem Tod die Geschicke von Firma und Familie dezent im Hintergrund führt. Jessica Schwarz ist als ihre Tochter Tony zu sehen, die zum Wohle der Familie ihre Jugendliebe opfern muss, trotzdem aber mit ihrem unverwüstlichen Optimismus überrascht. August Diehl darf als Rebell Christian Buddenbrook versuchen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich abseits der Familie durchzuschlagen. Doch muss er genauso leiden wie sein großer Bruder Thomas, der das Familienunternehmen erbt und sich geschäftlich verspekuliert. Verkörpert wird Thomas von Theatermann Mark Waschke, der mit seiner Filmrolle Neuland betritt. Trotz seiner Unerfahrenheit müsse er aber keine Schuhe putzen, erklärt Waschke augenzwinkernd. Ihm sagen Brancheninsider schon jetzt eine große Zukunft voraus.

Die alte Hansestadt Lübeck steht derzeit Kopf. Bevor der Produktionstross weiter nach Augsburg und Köln zieht, wird noch bis Mitte September an Lübecker Originalschauplätzen gedreht - werktags, bis in die Nacht. Auch der verabredete Pressetermin verzögert sich erheblich, weil eine Szene nicht rechtzeitig im Kasten war. Eine Stunde ließ die Prominenz auf sich warten. Heinrich Breloer ist der harte Arbeitstag anzusehen. Gerade habe er den Senator Möllendorp in der Kuchengasse zu Tode bringen müssen. Auch Iris Berben ist die Ermattung anzusehen. Sie ist schweigsam, ergreift nur kurz das Wort, um zu erzählen, sie habe schon einige Stadtführungen absolviert. Schließlich habe sie noch nicht oft die Gelegenheit gehabt, in einer authentisch historischen Stadtkulisse zu arbeiten: Lübecks enge Gassen, die alten Häuserfassaden in der Innenstadt, die Sehenswürdigkeiten wie das Holstentor, die Museen und nicht zuletzt der Bürgersaal des Rathauses, in dem sich nun die Filmcrew versammelt hat.

Lübeck hat seit Jahren mit sinkenden Einwohnerzahlen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es ist gar nicht lange her, da hatte die Ostseemetropole eine der höchsten Mordraten Deutschlands. Nach Aussage Breloers soll der Film indirekte Bezüge zur Gegenwart herstellen, weil die Gesellschaft auch heute wieder vor einem Umbruch stehe. Während die Buddenbrooks mit dem wirtschaftlichen Wandel zu kämpfen hatten, ist es heute mit der Globalisierung ähnlich: "Die Zeit kommt ins Wanken, das verlangt nach großen Bildern", meint Breloer.

Doch hat Lübecks kultureller Ruf nie Schaden genommen. Günter Grass hat hier seine Werkstatt, es war die Geburtsstadt Thomas Manns, und auch die Filmindustrie hat der Marzipanhochburg nicht den Rücken gekehrt. Neben den jährlich stattfindenden Nordischen Filmtagen, die regelmäßig Prominenz und Künstler aus Skandinavien anziehen, wird auch fleißig produziert wie zuletzt Fernsehfilme wie "Helden der Arbeit - Blaumänner im Anzug" oder die Krimireihe "Das Duo". Auch die Arztserie "Freunde fürs Leben" entstand hier und lockt immer noch Fans an. Doch die Verfilmung der "Buddenbrooks" verschafft dem Drehort Lübeck eine neue Qualität, was auch von den Einwohnern mit großem Interesse honoriert wird.

Jessica Schwarz spricht von einer Atmosphäre wie in einem Open-Air-Theater, weil die Drehabsperrungen meist mit unzähligen Zuschauern gesäumt sind. Die Beeinträchtigungen durch Parkverbote, Umleitungen und besondere Ruheverordnungen werden dementsprechend milde angenommen. Die Begeisterung geht sogar so weit, dass schon einige Requisiten vom Set gestohlen wurden, darunter drei Gaslaternen, die eine Straße schmücken sollten. Die Lokalzeitung zelebriert die Dreharbeiten unterdessen als Nachrichtenereignis und schickt über ein halbes Dutzend Mitarbeiter an die Orte des Geschehens.

Bereits drei Filmadaptionen hat es von den "Buddenbrooks" gegeben, darunter auch eine elfteilige Fernsehserie von 1979, die aber vollständig in Danzig gedreht wurde. Am bekanntesten ist der Spielfilm von 1958 mit Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar und Nadja Tiller. "Uns sind die großen Vorbilder bewusst. Aber gegen Hanns Lothar anzuspielen, würde mir nie in den Sinn kommen. Ich weiß, dass die Latte hoch hängt, aber Angst habe ich nicht", sagt August Diehl. Jessica Schwarz hat sich bewusst keine der Vorgängerfilme angeschaut, um sich ihrer Rolle völlig unvoreingenommen zu nähern: "Ich möchte ja nicht mit Liselotte Pulver konkurrieren."

Allein Armin Mueller-Stahl scheint neben Heinrich Breloer, mit dem er schon für "Die Manns. Ein Jahrhundertroman" zusammenarbeitete, eine innige Verbindung mit der Romanvorlage zu haben: "Ich las das Buch als 18-Jähriger im Krankenhaus nach einer Mandeloperation. Danach glaubte ich ständig, all die Figuren in Menschen auf der Straße wiederzuerkennen." Nun wird er als Konsul einen Schlaganfall erleiden und den Filmtod sterben - für Mueller-Stahl ein Schlusspunkt seiner Filmkarriere, in der er in etwa 40 Rollen zu Tode kam: "Ich werde zwar noch einmal für meinen Sohn vor der Kamera stehen. Aber ich habe genug davon, in Filmen ständig nur noch sterben zu müssen. Nun werde ich mich meiner Geige und der Malerei widmen". Lübeck dagegen wird er treu bleiben: Er wohnt nur wenige Kilometer Richtung Norden an der Ostsee.

Leif Kramp


Von links: Thomas Buddenbrook (Mark Waschke), Konsulin Bethsy Buddenbrook (Iris Berben), Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl), Tony Buddenbrook (Jessica Schwarz), Christian Buddenbrook (August Diehl).
Von links: Thomas Buddenbrook (Mark Waschke), Konsulin Bethsy Buddenbrook (Iris Berben), Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl), Tony Buddenbrook (Jessica Schwarz), Christian Buddenbrook (August Diehl). (Bavaria Film / Stefan Falke)

Regisseur Heinrich Breloer (links) lässt sich von Filmarchitekt Götz Weidner das Modell des Buddenbrooks-Hauses zeigen.
Regisseur Heinrich Breloer (links) lässt sich von Filmarchitekt Götz Weidner das Modell des Buddenbrooks-Hauses zeigen. (Bavaria Film / Stefan Falke)

Das Haus der Buddenbrooks wird in Köln nachgebaut. Filmarchitekt Götz Weidgner (Mitte) zeigt Regisseur Heinrich Breloer (links) und Kameramann Gernot Roll das Modell.
Das Haus der Buddenbrooks wird in Köln nachgebaut. Filmarchitekt Götz Weidgner (Mitte) zeigt Regisseur Heinrich Breloer (links) und Kameramann Gernot Roll das Modell. (Bavaria Film / Stefan Falke)

Datum: 04.09.2007

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