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Annett Louisan

Konsequentes Sensibelchen

Sängerin Annett Louisan

(tsch) Rien ne va plus - Nichts geht mehr. Die Pattsituation macht Annett Louisan zu schaffen. Nun heißt es abwarten, ob die Menschen ihr drittes Album "Das optimale Leben" genauso annehmen werden, wie die beiden Vorgänger "Bohème" und "Unausgesprochen". Für die Longplayer hagelte es im vergangenen Jahr Platin-Auszeichnungen. Doch still sitzen und die Dinge auf sich zukommen lassen, liegt dem 30-jährigen Energiebündel nicht. Eine gewisse Gelassenheit und Souveränität konnte sie sich trotz der Erfolge nie aneignen: "Man fängt bei jeder Aufnahme wieder von null an. Nichts kann vorausgesetzt werden." Doch diese Unsicherheiten bewahren die Wahl-Hamburgerin vor Routine und Stillstand: "Ich würde es schlimm finden, wenn ich Gewissheit hätte, dass eine Platte funktioniert." Was ihr sonst noch Angst einjagen kann, und wie man sich als Vorreiterin fühlt, erklärt sie im Interview.

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teleschau: Wenn jemand einen Trend setzt, wird er für gewöhnlich von anderen kopiert. Doch bislang tauchte noch kein Annett-Louisan-Klon mit ebenso forsch-frivolen deutschen Chansons auf ...

Annett Louisan: Ich bin zu speziell. Die Stimme und die Texte zusammen mit meiner Person ergeben in ihrer Gesamtheit etwas Besonderes. Ich finde es traurig, dass sich die Musikindustrie oft einfallslos präsentiert. Hat eine Boygroup Erfolg, folgt schon bald die nächste. Nur haben die Jungs dann andere Frisuren. Man darf den Künstlern jedoch keinen Vorwurf machen. Diese Trends bestimmen die Plattenfirmen. Ich glaube aber, dass sich in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren viel getan hat. Die Labels kommen immer mehr auf den Trichter, dass nach dem Individuum, dem Originellen gesucht werden muss, das für sich eine Nische besetzt. Dann entsteht erst gar nicht der Bedarf, eine Kopie anzufertigen.

teleschau: Ein anderer Trend ist, dass immer mehr auf Deutsch gesungen wird ...

Annett Louisan: Dass deutschsprachige Musik gerade in ist, mag ich gar nicht laut sagen. Es ist schon beschämend, dass man das hochhalten muss. Es sollte normal sein, dass die Deutschen ihre eigene Sprache mögen. Wenn ich nach Italien, in die Türkei oder auch nach Frankreich fahre, stehen nationale und internationale Musik gleichberechtigt nebeneinander. Als ich vor drei Jahren mein erstes Album veröffentlichte, hörte ich immer den Einwand: "Deutsche Texte? Oh Gott, da muss ich ja zuhören." Dabei eröffnet die Muttersprache emotional eine ganz andere Welt.

teleschau: Einer der erfolgreichsten deutschen Texter ist derzeit Frank Ramond (Anm. d. Red.: "Männersachen" von Roger Cicero), mit dem Sie seit dem Debüt zusammenarbeiten. Hinter seinem Autoren-Namen steht immer öfter auch der Ihre. Hat sich das Team mit der Zeit verändert?

Annett Louisan: Durchaus. Ich habe viel von ihm gelernt. Am Anfang war er der Beobachter, der mich auf die richtige Weise gesehen hat. Mit seiner Musik hat er ein Porträt von mir gezeichnet. Der Vergleich mit der Malerei kann durchaus herangezogen werden. Ein Zeichner braucht immer eine Figur als Inspiration. Und Frank hat das mit mir als Muse wunderbar hinbekommen. Aber natürlich habe ich mittlerweile auch vermehrt die Möglichkeit und den Mut, meine Gedanken selbst auf ein Blatt Papier zu bringen.

teleschau: Sie studierten selbst Kunst. Wenn man "Das optimale Leben" malen würde, was für ein Bild könnte entstehen?

Annett Louisan: Es wäre ein zweigeteiltes Gemälde: eine Mischung aus einem lichten Claude Monet und einem düsteren Edvard Munch. Ich glaube, das Album ist fröhlich und traurig zugleich und könnte von einem einzigen Maler gar nicht kreiert werden. Oder aber man ließe jemanden mit großen Stimmungsschwankungen oder einer multiplen Persönlichkeit ran. (lacht) Schließlich wirkten auch bei meinem Album mehrere Personen mit. Zudem müsste es großflächig angelegt werden, damit alle Aspekte untergebracht werden könnten.

teleschau: Unter anderem war diesmal James Last bei der Entstehung des Gesamtkunstwerks beteiligt. Wir kam es zu dieser Konstellation?

Annett Louisan: Leander Haußmann drehte den Film "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" (kommt im Dezember in die Kinos, Anm. d. Red.). Er fand, dass meine Stimme, der Humor und der Sprachwitz meiner Lieder gut dazu passen würden. Ich war sofort begeistert, weil ich bei der ersten Tour in meinem Programm aus der Buchvorlage zitiert hatte und somit wusste, worum es geht. James Last produzierte den Soundtrack, und so wurden wir zusammengeführt. Ich durfte auch schon die Szene sehen, bei der mein Titel "Der kleine Unterschied" eingespielt wird. Benno Fürmann und Jessica Schwarz tanzen dazu durch eine Küche. Ein bezaubernder Augenblick.

teleschau: Ihr aktuelles Album wirkt weniger provokativ als die beiden Vorgänger ...

Annett Louisan: Ich habe natürlich keine Lust, mich zu wiederholen. Als ich "Bohème" machte, war ich noch Studentin, und alles fing erst an. "Unausgesprochen" wurde so schnell nach der ersten Platte veröffentlicht, dass die Thematik nahtlos daran anschließen musste. "Das optimale Leben" spiegelt einen gewissen Reifegrad wieder. Da gab es Desillusionen, die ersten Familien wurden gegründet, die Probleme wurden schwerwiegender als noch zu Studentenzeiten. Ich werde mich zum Beispiel in Zukunft von Klischees fernhalten, mit denen ich bei meiner ersten Single "Das Spiel" noch kokettierte.

teleschau: Es handelt sich demnach bei der Platte um eine Momentaufnahme ...

Annett Louisan: Wenn man so viel erreicht hat, fragt man sich, was da noch kommen soll. Falco hat das in einem Interview einmal treffend formuliert. Als er die Nummer eins in den USA war, meinte er: "Jetzt habe ich wirklich Angst." Das kann ich gut nachvollziehen.

teleschau: Die ersten beiden Alben wurden mit Platin ausgezeichnet. Hat Sie das in Ihrer Arbeit behindert?

Annett Louisan: Erfolgsdruck ist nicht angenehm. Auch ich kann mich davon nicht freimachen. Das Erschreckende daran ist, dass ich diesen Druck nicht nur bei mir feststelle, sondern mittlerweile mein gesamtes Umfeld davon betroffen ist. Ich kann dem nur begegnen, wenn ich konsequent bin. Ich mache in der Kunst keine Kompromisse mehr. Im Leben schon, aber nicht bei meiner Arbeit. Zu sehr auf den Erfolg ausgerichtet zu sein, macht satt und verfälscht die Sicht auf viele Dinge.

teleschau: Was haben Sie in den vergangenen drei Jahren über Menschen lernen müssen?

Annett Louisan: Der Zirkel des Vertrauens ist kleiner geworden. Was nicht unbedingt negativ ist. Der wird im Laufe des Lebens auf ganz natürlich Weise kleiner. Bei mir vollzog sich das jedoch sehr abrupt. Ich musste die rosarote Brille absetzen und mir ein dickeres Fell zulegen, weil ich ein ziemliches Sensibelchen bin. Ich versuche immer noch, den richtigen Weg zwischen Selbstbewusstsein und Selbstkritik zu gehen. Das ist gar nicht so einfach.

Julia Köhler


Annett Louisan veröffentlicht mit "Das optimale Leben" ihr drittes Album.
Annett Louisan veröffentlicht mit "Das optimale Leben" ihr drittes Album. (Nela König / Sony BMG)

Kleine Frau, große Stimme, enorme Wirkung: Annett Louisan.
Kleine Frau, große Stimme, enorme Wirkung: Annett Louisan. (Nela König / Sony BMG)

Annett Louisan zog sich mit ihrem Team nach Mallorca zurück, um die Songs für ihr neues Album zu schreiben.
Annett Louisan zog sich mit ihrem Team nach Mallorca zurück, um die Songs für ihr neues Album zu schreiben. (Nela König / Sony BMG)

Datum: 04.09.2007

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