(tsch) Oliver Stone ließ sein Epos mit dem Tod Alexanders beginnen, was im amerikanischen Kino nichts Ungewöhnliches ist, sich aber mittlerweile als dramaturgisches Element verbraucht hat. Ein Ring fällt in Zeitlupe zu Boden, und zum ersten Mal stellt sich schon nach wenigen Sekunden das Gefühl ein, das alles schon einmal gesehen zu haben. Es wird nicht das letzte Mal sein. Dabei war die Biografie von Alexander dem Großen (2004), die nun bei ProSieben ihre Free-TV-Premiere feiert, ein beinahe neues Thema in der Filmgeschichte. Womöglich jedoch gibt es Gründe, dass so viele bislang die Hände davon ließen.
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Zwei Möglichkeiten hatte Oliver Stone: Er hätte einen Film über den Herrscher und Feldherrn drehen können, über den brutalen Eroberer, über den machtbesessenen König, der schon in den ersten Wochen seiner Regentschaft Verwandte und Fürsten töten ließ, um seine Macht zu festigen. Oder aber er versucht sich an einem Charakterporträt des 356 vor Christus geborenen Sohns Phillip II. (Val Kilmer), was Oliver Stone vorzog.
Sein "Alexander" passt denn auch nicht in die Reihe großer historischer Filme der letzten Jahre wie etwa "Gladiator" oder "Troja", ist er doch weit weniger unterhaltend und setzt nicht in diesem Maße auf Opulenz. Nur zwei Schlachten enthält der immerhin knapp dreistündige Film, der im TV einige Minuten kürzer als im Kino sein wird. Sie werden mit wenigen Massenszenen illustriert, vielmehr regieren die Handkamera und der schnelle Schnitt. Die außergewöhnlichen Kriegsmaschinerien lassen diese Aufnahmen dennoch zu etwas Besonderem werden. Die Schlacht in den indischen Wäldern gegen eine von Elefanten vorangetriebene Armee vereint eine gewaltreiche Bildsprache mit fremdländischer Poesie. Das ist großes Kino.
Doch es ist auch die Ausnahme in einem bisweilen langatmigen Film, der dem Zuschauer keine Wahl lassen will. Alexander ist im Großen und Ganzen ein ziemlich netter Mensch, was durch seine Taten, durch sein Reden und vor allem auch durch sein Aussehen klar wird. Colin Farrell spielt ihn, zweifellos leidenschaftlich, aber eben zu wenig charismatisch und von einer gewissen Naivität im Blick beseelt. Tyrann oder großer Herrscher? Machtgeiler Kriegsherr oder Visionär? Fragen wie diese stellen sich allzu selten, schon weil Stone seinen Film erstaunlich unpolitisch gehalten hat. Was überrascht, betrachtet man die Filmografie eines Regisseurs, der die Welt so gerne dabei zusehen lässt, wenn er historische Ereignisse und Figuren - von Nixon bis Jim Morrison, von der Ermordung Kennedys bis Vietnam - durchaus spekulativ in ihre Einzelteile zerlegt.
Manchmal tut er das auch jetzt, etwa wenn er die Bisexualität Alexanders und seine lebenslange Beziehung zu Hephaistion (Jared Leto) thematisiert. Doch die Szenen wirken über weite Strecken allzu plump und erinnern eher an Vorabendsoap als an großes Kino. Dann wieder schreckt Stone vor Wahrheiten zurück. So ehelichte Alexander die baktrische Prinzessin Roxane, die Quellen zufolge damals 13 Jahre alt war. Im Film ist sie ein Vollweib mit Riesenbrüsten, die denn auch optisch gut platziert über dem kindlichen Antlitz Alexanders wogen.
Stundenlang begleitet man den Großen auf seinen Wegen. "Alexander", das teuerste Road-Movie aller Zeiten. Auf geht's nach Persien hin zur Gründung Alexandrias und über den Hindukusch weiter nach Indien. Durchaus geschickt zeigt Stone die unterschiedlichen Reaktionen der Eroberten: Mal lieben sie Alexander, mal hassen sie ihn und mitten drin immer er, der dem Ende der Welt nachjagt. Der Wahn, der diesem Feldzug innegewohnt haben musste, spiegelt sich aber kaum wieder. Stattdessen beschreibt der Regisseur und Autor seinen Alexander vor allem als einen Vereiniger der Welten und spielt ebenso geschickt wie auch historisch korrekt mit dem zähen Ringen des Herrschers gegen rassistische Vorbehalte seiner Untergebenen.
Dennoch: Man versteht Alexander nicht, und das ist das große Problem des Films. Ganz abgesehen davon, dass seine Kriegstaktiken (gegen die Perser war seine Armee zahlenmäßig deutlich unterlegen) mit zwei, drei Theorien über "Flanken" und "Phalanx" völlig im Dunkeln bleiben, wird seine Sehnsucht nur unzureichend ausformuliert. Hinzu kommt, dass Entscheidungen, die Tausende zu Tode trieben, mal eben so im Handstreich vollzogen werden. So beendete Alexander den Indienfeldzug mit einem Rückmarsch durch die gedrosische Wüste, was wohl unzählige Menschen seines Gefolges das Leben kostete. Im Film dauert das nicht einmal eine Minute, und die Toten sind nur im Wort, nicht im Bild.
Dann also ist er wieder daheim, und ein bisschen überhastet führt Oliver Stone die Geschichte zu ihrem Ende, beginnend mit dem Tod Hephaistions, der, zieht man die Tatsache in Betracht, dass sein Ableben wohl mit dauerhaftem übermäßigem Alkoholgenuss zu tun hatte, selbst auf dem Totenbett vor Liebreiz nur so strotzt. Und dann stirbt Alexander. Erzählt wird das alles durchweg von Ptolemaios (Anthony Hopkins), der immer wieder zeitliche Lücken füllt und mal so eben ein paar entscheidende Jahre (jene, in denen Alexander vom Königssohn zum Herrscher reifte) in Sekunden zusammenfasst. Doch ihm gehört eine der inhaltlich stärksten Szenen des Films, wenn am Ende glorifizierende Erinnerung und Realität schon bei ihm, nur 40 Jahre nach dem Tod Alexanders, in Konflikt geraten. Warum sollte es weit über 2.000 Jahre danach anders sein ...
Kai-Oliver Derks
Colin Farrell spielt Alexander den Großen engagiert, aber von einer dauerhaften Naivität beseelt. (ProSieben / Constantin Film)
Angelina Jolie spielt, obwohl nur ein Jahr älter als Colin Farrell, die Mutter Alexanders. (ProSieben / Constantin Film)
Alexander der Große (Colin Farrell, Mitte) erobert erfolgreich ein Reich nach dem anderen. (ProSieben / Constantin Film)
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