(tsch) Am Anfang fragt man sich: Warum küsst ein etwa 40-jähriger Mann auf einem eisigen Himalaja-Gipfel eine im Boden eingelassene Metallplatte? Und wundert er sich wirklich, dass seine Lippen festfrieren? Zumindest kann er jetzt auf den Tod warten und seinem Freund Niila folgen, dessen Asche er gerade in das tibetische Hochland gestreut hat. Während er sich auf den Abgang vorbereitet, verkürzt er sich und dem Publikum die Zeit mit seiner Lebensgeschichte. Dabei geht es um schwedische Hinterwäldler, amerikanische Rock'n'Roll-Musik und finnische Bräute. Entspannt, unterhaltsam und herrlich lebensnah erzählt der iranisch-schwedische Regisseur Reza Bagher mit "Populärmusik aus Vittula" (2004) vom Aufwachsen in einer vergessenen und identitätslosen Region Nordschwedens in den 60er- und 70er-Jahren.
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Bagher legte mit dem Film, der zu den erfolgreichsten des schwedischen Kinos zählt und nun als Free-TV-Premiere im Ersten zu sehen ist, ein rasantes Tempo vor, das im kompletten Gegensatz zur Beschaulichkeit an der schwedisch-finnischen Grenze steht. Vittula, so erklärt Matti, ist ein Ort, der eigentlich gar nicht zu Schweden gehört, und den die Finnen irgendwie nicht haben wollen. Er bedeutet eine Verbindung aus Moor und der unschönen Bezeichnung für das äußere weibliche Geschlechtsorgan: "In Anspielung auf die Fruchtbarkeit der Frauen in dieser Region." Es ist meistens eine ganze Kinderschar, die sich in den dunkelrot angestrichenen Häusern tummelt.
Zwei dieser Kinder, Matti (Niklas Ulfvarsson) und Niila (Tommy Vallikari), freunden sich an. Matti wächst recht behütet auf, mit einer Schwester, die einen Plattenspieler hat und denkt, Elvis käme aus Liverpool, einem Opa, der einer Elchkuh auf 300 Meter die Nippel wegschießen kann, und einem Vater, der ihn vor eventueller Inzucht bewahrt. Niila hingegen hat es nicht so einfach. Sein Vater redet nicht viel, setzt seine Standpunkte lieber mit dem Gürtel durch, oder der Axt. Irgendwann ist die Kindheit vorbei und aus Matti (Max Enderfors) und Niila (Andreas Af Enehielm) sind junge Männer geworden, die aus der miefigen Enge ausbrechen wollen. Da trifft es sich gut, dass der neue Musiklehrer Greger (Björn Kellmann) eine Vorliebe für elektrisch betriebene Instrumente hat und die Freunde eine Band gründen lässt. Jetzt geht das Leben irgendwie los - und auch die Sache mit den Mädchen.
Das alles erzählt Matti, als er auf dem Berg festgefroren ist, bevor er es doch noch schafft, sich mit einer unkonventionellen Methode zu befreien. In Vittula aufzuwachsen, ist auf jeden Fall nicht einfach gewesen - aber Reza Bagher ging die Verfilmung von Miakel Niemi Erfolgsroman "Populärmusik aus Vittula" mit einer bewundernswerten Leichtigkeit an. Der Realismus ist in jeder Einstellung spürbar, und doch scheint alles leicht, märchenhaft, grotesk zu sein. Die Kinder essen ihre Popel, der erste schwarze Mann predigt in der Kirche, ein Stummer spricht plötzlich Esperanto, dicke Frauen rauben flaumigen Teenagern die Unschuld, und über allem steht die Liebe zum Rock'n'Roll.
Rau wie die Landschaft, in der es nie richtig Sommer wird, Humor so trocken wie ein Knäckebrot und charmant wie Königin Sylvia - "Populärmusik aus Vittula" tobt mit einer ungestümen Frechheit über die Leinwand und ist voll mit skurrilen Figuren und liebenswerten Geschichten, die im Kino mehr als 160.000 Zuschauer verzauberten.
Andreas Fischer
Die Musik macht das Leben für Matti (Max Enderfors, links) und Niila (Andreas Af Enehielm) erträglich. (ARD Degeto)
Es dauert lange, bis sich Niila (Andreas Af Enehielm, rechts) gegen seinen prügelnden Vater Isak (Jarmo Mäkinen) durchsetzen kann. (ARD Degeto)
Matti (Max Anderfors, Mitte) tritt mit seiner Rockband vor den trinkfesten Mitgliedern des Jagdclubs auf. (ARD Degeto)
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