(tsch) Es wurde in den vergangenen Kinojahren häufig gefragt, ob die Zeit reif sei für einen neuen Actionhelden, einen kühlen und doch leidenschaftlichen Kerl, der ordentlich auf den Putz hauen kann, wenn es sein muss. Der aber auch einen feinsinnigen Intellekt hat. Außen hart, innen zart eben. Der einstmalige Hoffnungsträger Vin Diesel hatte wenig Erfolg mit seinen Ambitionen in seinen XXX- und "Riddick"-Hohlgeschossen. Auch Muskelpaket Dwayne "The Rock" Johnson mag privat der sympathische Pfundskerl von nebenan sein, doch fehlte seinen Filmen nicht nur das gewisse Etwas, sondern auch Herz und Hirn. Bruce Willis bäumte sich zwar diesen Sommer noch ein letztes Mal als Cop-Ikone auf, doch sind seine Falten fast noch tief als die Einschusslöcher, die er als John McClane hinterlässt.
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Es steht also nicht gut um die Figur des klassischen Actionhelden aus Hollywood. In diese erschreckend desolate Situation stößt nun Clive Owen aus seinem Versteck als charakterlich kaum fassbarer Darsteller zwischen den Stereotypen. Er war bereits Einbrecher, verzweifelter Ehebrecher, liebenswerter Eigenbrötler und wurde als triebgesteuerter Arzt in "Closer" für den Oscar nominiert. Jetzt, und dieser Begriff ist mehr als angebracht, ballert er sich ohne Furcht und Tadel durch einen Film voller comic-hafter Klischees und Übertreibungen.
"Shoot'em Up" heißt der Streifen, der vom Feuilleton leicht als "Machwerk" abgetan werden könnte, wenn er denn nicht in sich so geradlinig und konsequent wäre. Der bisher mit Liebeskomödien aufgefallene Regisseur und Drehbuchautor Michael Davis schuf eine heillos überzeichnete Ode an das Genre des asiatischen Gewaltfilms, in dessen Tradition auch "Hard Boiled" stand, in dem Chow Yun-Fat in einem Gewitter aus Kugeln mit Baby im Arm durch ein Krankenhaus rannte. Davis soll gesagt haben, diese ballistisch beinah schon ästhetische Sequenz sei ihm Vorbild und Initialzündung für die Idee zu seinem eigenen Film gewesen.
Dass dieser mehr Blei enthält als sonstigen Inhalt, dürften nur die wenigsten Zuschauer merken. Clive Owen ist als ebenso griesgrämiger wie charismatischer Einzelgänger namens Mr. Smith zu sehen, der durch Zufall, und nur weil sein humanistisches Moralverständnis ihn dazu zwingt, eine Armee aus schießwütigen Gangstern erschießen muss, um damit nicht bloß eine Frau zu retten, sondern ihr auch zur Niederkunft zu verhelfen und ihrem Baby einen gesunden Start ins neue Leben zu verschaffen.
Während also fleißig die Colts rauchen und ganze Kaufhausbestände an Munition verfeuert werden, wird Smith zum Geburtshelfer und Personenschützer wider Willen. Das Baby kann er retten, die Mutter nicht. Als böser Gegenpart Owens inszeniert sich der zu Recht oft gepriesene Paul Giamatti ("Sideways", "Das Mädchen aus dem Wasser") in einer ungewohnten Rolle als haarsträubender Sadist, dessen Menschenverachtung gar nicht zusammenpassen mag mit den pflichtbewussten Anrufen bei der Gattin. Das fremde Baby soll er im Auftrag einer Schusswaffenschmiede lieber jetzt als später umbringen, weil mit dem frischen Genpool einem Präsidentschaftskandidaten das Leben gerettet werden kann. Nur aus diesem Grund ist das Kind offenbar gezeugt worden. Der hochrangige Politiker strebt danach, den Waffenbesitz in den USA zu verbieten. Und das geht ja nun gar nicht.
Augenzwinkernde Parodie, gar grelle Satire mit kritischen Untertönen über das Waffennarrentum in Amerika oder bloß viel Knallbumm fürs Geld: "Shoot'em Up" kann vieles sein - und für jeden etwas anderes. Den fast durchgehend krachenden Reißer dabei atemlos zu nennen, wäre untertrieben. Es ist eine wilde, nicht enden wollende Darstellung weltfremder Gewalt, wie sie sonst nur in der Videospielkultur, dort aber ohne ironischen Unterton, zu finden ist. Weil sich Ironie nicht oder nur schlecht liest, sei hier bloß darauf verwiesen, dass Michael Davis in seinem Drehbuch nicht nur nicht an pointiert eingeflochtenen Filmreferenzen spart, sondern den Bogen auch mit Unterstützung des stoischen Minenspiels Owens dermaßen überspannt, dass der Ernst schon nach der ersten Minute aus dem Saal weicht. Dafür ist schon die Neigung des Protagonisten zur Mohrrübe ein Wegweiser, schließlich seien diese gut für die Augen.
Wenn zudem Monica Bellucci, die ja bereits alles Mögliche - darunter auch auf verstörende Weise ein Vergewaltigungsopfer - verkörpert hat, als Brust gebende Prostituierte auftritt, die sich mit Baby in einem Museumspanzer versteckt, weil das in der betreffenden Situation der einzig sichere Ort in New York zu sein scheint, darf man nicht mehr nach Sinn und Unsinn fragen. Außerdem funktioniert auch diese noch so gegen den Strich gebürstete Geschichte nach dem Prinzip des Happy Ends, wobei es fraglich bleibt, ob Familienglück für den aufopferungsvollen Helden wirklich das Richtige ist. "Shoot'em Up" könnte das schaffen, was meist aufgrund vorsichtiger Marktanalysten ausbleibt: Gleichsam die Lust der Jugend auf blanke Action und die Neugier des anspruchsvolleren Publikums auf die Synthese aus Genrestilen und Systemkritik zu bedienen.
Leif Kramp
Credits: V:Warner, USA 2007, R: Michael Davis, D: Monica Bellucci, Clive Owen, Greg Bryk u.a.
Laufzeit: 100 Min.
Kinostart: 20. September 2007
Bei der Baby-Rettungsaktion kommen sich Mr. Smith (Clive Owen) und DQ (Monica Bellucci) immer näher. (2007 Warner Bros. Ent.)
Hertz (Paul Giamatti) leitet die Attentäter an, die das Baby töten sollen. (2007 Warner Bros. Ent.)
Auch die Prostituierte DQ (Monica Bellucci) will wissen, warum die Gang unbedingt den Tod des Babys will. (2007 Warner Bros. Ent.)