logo
Anzeige
Die Fremde in Dir

Die Fremde in Dir

(tsch) New York ist sicherer geworden. Es ist lange her, dass die größte Stadt der USA ein Moloch war und der Central Park sein horribler Kern. Noch in den 70-ern und 80-ern war vor allem nachts die Wahrscheinlichkeit hoch, auf den verwinkelten Spazierwegen des weitläufigen Parks inmitten Manhattans überfallen oder gar getötet zu werden. Das ist lange her. Dennoch: Auch heute erschüttern fast täglich Meldungen über Gewalttaten die Lokalnachrichten der Metropolregion. Brandherde sind zwar meist die Bronx, Brooklyn oder die Randzonen von Queens, doch auch in Manhattan zeigt sich bisweilen noch die hässliche Fratze der Straßenkriminalität. Dass der Schrecken hinter jeder Ecke lauern kann, zeigt Regisseur Neil Jordan in seinem neuen Film. "Die Fremde in Dir" ist ein Rachedrama ungewohnter Art: Jodie Foster spielt eine lebenslustige Frau, die sich nach einem brutalen Überfall als Eine-Frau-Bürgerwehr auf einen Feldzug der Selbstjustiz begibt.

Anzeige
Counter

 

Foster ist Erica Bain, eine erfolgreiche Radiomoderatorin, die fasziniert von den Geräuschen der Metropole ist. Sie läuft mit Mikrofon und Rekorder über und unter Brücken, an U-Bahn-Linien und Sportplätzen vorbei, hört, denkt, spricht über die Schönheit dessen, was eigentlich die Laute einer unberechenbaren Kreatur sind. Ihre Unbeschwertheit findet ein jähes Ende, als sie während eines Spaziergangs mit ihrer großen Liebe und baldigem Ehemann David (Naveen Andrews, "Lost") im Central Park brutal überfallen und zusammengeschlagen wird. David erliegt im Krankenhaus seinen Verletzungen, doch Erica kämpft sich zurück ins Leben. Dessen Sinn muss sie aber erst wieder neu finden.

Weil die Polizei ihre Schwierigkeiten damit hat, die Täter zu ergreifen, kauft sich Erica eine Pistole und gerät kurze Zeit später in zwei Situationen, in denen sie - scheinbar in Notwehr - drei Männer erschießt. Ihre Bereitschaft, das Böse zu jagen und zur Strecke zu bringen, wird immer größer. Die Hemmungen schwinden, die Hand hört auf zu zittern. Bis sie den charismatischen Kommissar Mercer (Terrence Howard) kennenlernt, der den geheimnisvollen, von der Presse sensationalisierten und hochgejubelten Rächer jagt. Der Gesetzeshüter verliebt sich in Erica - das bringt ihn zwangsläufig auf die Fährte ihrer Rachetaten.

Dass Jodie Fosters Darstellung des zuerst verstörten, dann immer mehr selbstsicheren und verbitterten Traumaopfers brillant sein würde, war anzunehmen. Bereits in "Angeklagt" wurde sie für die Verkörperung eines Vergewaltigungsopfers gefeiert und ausgezeichnet (Oscar 1988). Zwischen ihr und Filmpartner Terrence Howard, oscarnominiert für seine Hauptrolle in "Hustle & Flow", entwickelt sich eine zwischenmenschliche Spannung, die keinerlei körperliche Annäherung braucht, um Intensität zu erzeugen.

"Die Fremde in Dir" ist kein Krimi und kein Psychothriller, sondern ein Bilderbuch-Drama. Die Energie lässt Regisseur Neil Jordan aus Enttäuschung entstehen. Enttäuschung darüber, dass New York doch kein Paradies ist, weil es im kulturellen, sozialen und ethnischen Schmelztiegel zu unkalkulierbaren Reibungen kommen kann. Es ist aber auch ein Film darüber, dass Selbstkontrolle unmöglich ist, wenn jede Faser des Körpers nach Rache sinnt. Dabei möchte Erica Bain aufgehalten werden. Sie bemerkt ihren eigenen Verfall und befürchtet, sie könnte in ihrem Kampf für das scheinbar Gute die Seiten wechseln und selbst zu Abschaum werden.

"Die Fremde in Dir" ist ein passenderer Titel als das englische Original: "The Brave One" ("Die Mutige") suggeriert eine Verherrlichung dessen, was gezeigt wird - knallharte, wenn auch leidenschaftslose Selbstjustiz. Erica wird sich selbst fremd, und eine Rückkehr zu ihrem alten Ich ist nicht mehr möglich. Sie wird jede Chance nutzen, ihre Peiniger und Mörder ihres Verlobten zu töten. Das moralisch und politisch fragwürdige Finale liefert dabei einen gewagten Diskussionsansatz: Inwiefern ist Selbstjustiz und die damit einhergehende Außerkraftsetzung der Gerichtsbarkeit tatsächlich gerechtfertigt, wenn sich ein Strafverfolgungssystem dem Einzelnen als zu schwerfällig und ineffektiv erweist?

Wann Gerechtigkeit über dem Recht steht, und wer schlussendlich entscheidet, was Gerechtigkeit ist, kann im Kino, wo nach dem Sympathieprinzip entschieden wird, freilich leicht beantwortet werden. Das wahre Leben zeigt dagegen oft genug, dass ein Mord ein Mord bleibt. Auch wenn das Gefühl manchmal behauptet, dass es manche skrupellosen Verbrecher verdient hätten zu sterben.

Leif Kramp

Credits:
V:Warner, USA 2007, R: Neil Jordan, D: Jodie Foster, Nicky Katt, Terrence Dashon Howard u.a.

Laufzeit: 119 Min.

Kinostart:
27. September 2007


Ein brutaler Überfall verändert das Leben von Erica Bain (Jodie Foster) schlagartig.
Ein brutaler Überfall verändert das Leben von Erica Bain (Jodie Foster) schlagartig. (2007 Warner Bros. Ent.)

Detective Sean Mercer (Terrence Howard) nimmt Erica Bain (Jodie Foster) genau unter die Lupe.
Detective Sean Mercer (Terrence Howard) nimmt Erica Bain (Jodie Foster) genau unter die Lupe. (2007 Warner Bros. Ent.)

Erica Bain (Jodie Foster) und ihr Verlobter David (Naveen Andrews) werden brutal überfallen.
Erica Bain (Jodie Foster) und ihr Verlobter David (Naveen Andrews) werden brutal überfallen. (2007 Warner Bros. Ent.)

Datum: 23.09.2007

Facebook aktivieren

Diskussion: "Die Fremde in Dir"

Um eine Diskussion zu "Die Fremde in Dir" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 190657

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Weniger wäre hier mehr gewesen: "Das Vaterspiel"
    „Das Vaterspiel“ ist ein Computergame, bei dem man nach Lust und Laune auf vielfältigen Weisen seinen eigenen Vater zur Strecke bringen kann. Der Erfinder: der 35-jährige Ratz aus Wien, der verschlossene ...

    "Helen" (Ashley Judd) leidet an Depression
    Seit dem Freitod des Nationaltorhüters Robert Enke hat das Thema Depression Konjunktur in den deutschen Medien. Zur richtigen Zeit kommt nun auch ein Film, der sich mit der Gemütskrankheit auseinandersetzt. ...

    "Nokan" gewann den Auslands-Oscar
    Entgegen allen Erwartungen setzte sich der stille japanische Film „Departure“ (dt. Titel „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“) bei den Oscars 2009 gegen den Favoriten "Waltz with Bashir" sowie gegen den Cannes-Gewinner ...

    Super: "Public Enemy No. 1 - Todestrieb & Mordinstinkt"
    In den 60ern und 70ern hatte das Böse in Frankreich offiziell einen Namen: Jacques Mesrine. Das war ein smarter, charismatischer, aber auch unberechenbarer Mann, der außerhalb des Gesetzes lebte und zum ...

    "Dorothy Mills" bewegt sich auf betretenen Pfaden
    "Dorothy Mills" leidet an multipler Persönlichkeitsstörung. Auf einer von gläubigen Christen bewohnten Insel kann das schon mal zum Problem werden. Ist das 15-jährige Mädchen gar vom Teufel besessen? Das ...

    "Das Leben vor meinen Augen" ist ein Leben nach dem Amok
    Amoklauf ist längst kein Phänomen mehr, was man nur mit den USA verbindet. Trotz der Brisanz dieses Themas weltweit sind filmische Auseinandersetzungen damit eine Seltenheit. Der eigenwillige Mix aus Drama ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 3547 - task = view - option = com_content - limitstart= 0