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Fatih Akin
Distanz hilft beim Verstehen(tsch) Mit "Gegen die Wand" gewann Fatih Akin den "Goldenen Bären" in Berlin. Das Mittelstück der "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie setzt die Erfolgsgeschichte fort. Für "Auf der anderen Seite" (Kinostart: 27. 09.) erhielt Akin im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Außerdem wurde der Film gerade als deutscher Beitrag für den Oscar ausgewählt. Der in Hamburg lebende Regisseur erzählt darin von sechs Personen, deren Leben sich zwischen Deutschland und der Türkei abspielt. Dabei kreuzen, berühren und verfehlen sich ihre Wege - zum Teil mit tödlichen Folgen. Im Interview spricht Akin über den Erfolg, das Erwachsenwerden, und warum er diesmal auf mehr Distanz zu seinen Figuren geht.Anzeige
teleschau: Der philosophische Episodenfilm "Auf der anderen Seite" wirkt, als wollten Sie sich damit auf alle Fälle von "Gegen die Wand" absetzen - auch stilistisch. Fatih Akin: Dieser Film schaut in mein Gehirn. Ich komme vom klassischen Storytelling und wollte meine momentane Gedankenwelt erzählerisch so attraktiv wie möglich umsetzen. Dafür habe ich versucht, eine andere Bildsprache zu finden, ein anderes kinematografisches Konzept. Meine Vorbilder finden sich im iranischen und chinesischen Kino. Das heißt, gib dem Bild Raum und Ruhe, habe es nicht so eilig. Manche Filme sind mir heute viel zu schnell. teleschau: Auf jeden Fall wirkt der Film erwachsener ... Akin: Ich bin in der Zwischenzeit Vater geworden, also schon mal im Leben erwachsener. Früher war mir egal, was morgen ist. Ich trage jetzt Verantwortung für ein Kind und kann keine Rock'n'Roll-Existenz mehr führen. Ich würde gerne so lange wie möglich noch am Leben meines Kindes teilnehmen und ihm vermitteln, was ich für richtig und falsch halte. teleschau: Wie ist "Auf der anderen Seite" entstanden? Akin: Relativ schnell. Im Mai 2006 steckten wir noch mitten im Probenprozess. Im Jahr davor gab es nicht einmal ein Drehbuch. Wenn ich mir den Film ansehe und alles, was darin enthalten ist, dann kommt mir das vor, als wäre es eine Arbeit von fünf bis sechs Jahren. Dabei wurde er wirklich in sehr kurzer Zeit gemacht. teleschau: Diesen Zeitdruck merkt man dem Film nicht an ... Akin: Das liegt an der optimalen Mischung aus quantitativer und qualitativer Zeit. Aus Druck ist hier etwas Gutes entstanden. Ich bin zufrieden, oder sagen wir: zufrieden genug. Ich sehe viele Fehler - vor allem im technischen Bereich. Während ich drehte, war das anders. Da dachte ich nur: 'Das ist ja alles furchtbar altmodisch. Das spielt in den 70er-Jahren - heute ist das doch anders!' Doch mit den jüngsten Ereignissen, dem zeitweilig drohenden Militärputsch und dem Bombenanschlag in Ankara, bei dem sechs Menschen getötet wurden und der nicht von Moslems ausging, habe ich gelernt: Zeit bewegt sich in Zyklen. Genau wie das Kino. Das ganze Leben, die ganze Welt besteht aus Zyklen. teleschau: Ihr Film blickt auffallend neutral auf die Figuren - warum? Akin: Ich will dem Zuschauer nichts aufdrängen. Distanz zu wahren, hilft mir dabei, zu verstehen. teleschau: Ihre Figuren bewegen sich zwischen den beiden Welten Deutschland und Türkei. Wie viele eigene Erfahrungen stecken in diesem Film? Akin: Ich fühle mich als Vertreter des deutschen Films, und die Frage, ob ich nun mehr türkisch oder deutsch bin, macht mir keine Kopfschmerzen. Ich komme aus Hamburg und Istanbul. Meine Filme sind wie Gemälde und geprägt vom Lokalkolorit. Man kann das Ganze aber auch anders sehen. Wir leben in einer globalisierten Welt, da geht es um mehr als Türkisch-Deutsches zu verfilmen. Für mich handelt mein Film auch von der Globalisierung. Nicht nur Deutschland und die Türkei, oder Europa und die Türkei, stehen sich gegenüber, sondern Christentum und Islam, Kapitalismus und Sozialismus. teleschau: Was halten Sie von der Globalisierung? Akin: Für mich das einzig Vernünftige. Und damit meine ich nicht G8. Mein Film ist in drei Sprachen gedreht und wenn ich mit meinem Fahrrad durch Hamburg fahre, höre ich englisch, französisch und mehr - da fühle ich mich zu Hause. teleschau: Wie ist ihr Verhältnis zur Türkei? Akin: Es ist schwieriger geworden. Vor drei Jahren war die Türkei freier und liberaler denn je. Jeder konnte sagen, was er wollte, das Land war auf EU-Kurs, ging auf die Kurden zu und die Zypernfrage sollte gelöst werden. Bei den letzten Wahlen stand das Land jedoch fast vor dem Abgrund. Das zu akzeptieren, fällt mir schwer. Darüber muss ich nachdenken und das Kino hilft mir dabei. Ich bin froh über die Sicherheit, die ich in Deutschland habe. teleschau: Was bedeutet Ihnen Erfolg? Akin: Finanzieller Erfolg schafft Unabhängigkeit. Richtig eingesetztes Geld gibt mir die Freiheit, genau so zu drehen und zu schneiden, wie ich will. 'Gegen die Wand' ermöglichte meiner Produktionsfirma "corazón international" die Finanzierung von kleinen Filmen wie "Takva - Gottesfurcht" (Kinostart: 15.11.). Mein nächstes Projekt ist eine Doku über ein kleines türkisches Dorf, das sich gegen eine geplante Mülldeponie im Ort zur Wehr setzt. Diemuth Schmidt |
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