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Sam Shepard
Die blanke WutSchauspieler / Autor Sam Shepard (tsch) Dieser Mann ist ein Mysterium. Volker Schlöndorff nannte ihn einen intellektuellen Einzelgänger. Er gilt in der brodelnden Theaterszene der amerikanischen Ostküste als Cowboy unter den Theaterautoren. Er sieht aus wie ein Rancher, ein Präsident oder ein ranghoher Militäroffizier: Hat er alles schon gespielt. Manche halten Sam Shepard auch für einen gealterten Rockstar. Das ist ebenso korrekt. In den 60-ern probierte er die Schlagzeugerei in den verschiedensten Bands aus. Sie hießen "Lothar and the Hand People" und "The Holy Modal Rounders". Dabei sieht Shepard nicht danach aus, als hätte er Humor. Anzeige
In seinen mittlerweile fast 40 Filmen war er vor allem eines: nicht zu fassen. Seine Filmografie umfasst Meisterwerke wie "Magnolien aus Stahl", Tiefpunkte wie "Passwort Swordfish" und nicht zuletzt auch Zusammenarbeiten mit dem deutschen Regisseur Wim Wenders. Neben dem kürzlich im Kino gestarteten "Don't Come Knocking" arbeiteten beide bereits 1984 bei "Paris, Texas" zusammen, für den Shepard ebenso das Buch verfasste. Nun spielt er wieder einen Militaristen. Als Captain George Cummings befehligt er in "Stealth" (Bundesstart: 15.09.) drei junge Elite-Piloten und einen ganz besonderen Zögling, den er gegen alle gut gemeinten Widerstände zum Einsatz bringt: ein künstlich intelligentes Jagdflugzeug, das auf den Namen Edi hört und nach einem Blitzeinschlag die Welt oder zumindest Russland in Schutt und Asche legen will. Wie kommt ein Pulitzerpreisträger (1979 für das Theaterstück "Buried Child" verliehen), der Max Frisch für den besten Schriftsteller der Moderne hält, dazu, sich als bösartiger Captain der US-Marine zu gerieren? Nur des Geldes wegen mag das nicht geschehen. Dafür ist Shepard ein zu intelligenter Schöngeist. "Stealth" ist ein höchst patriotischer Action-Reißer, der weit unter der Flughöhe von "Top Gun" operiert. Ist seine Blockbuster-Rolle Ausdruck verhüllter Kritik? Was die US-Amerikaner neuerdings über das Thema Patriotismus denken, geht ihm zumindest gehörig gegen den Strich: "Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass für Patriotismus geworben werden müsse. Patriotismus ist etwas, das man tief in sich fühlt. Man muss ihn nicht zur Schau tragen wie einen Sticker an der Jacke. Das ist für mich keineswegs Patriotismus." Shepard ist mit der Regierung Bush nicht im Reinen, fühlt sich gar "auf der anderen Seite des Zauns". Er beschwert sich, dass die Bevölkerung in den USA förmlich vor Angst zittern würde bei dem Gedanken, auf der falschen Seite stehen zu können. Demokratie sei eine zerbrechliche Sache, um die man sich kümmern, die beschützt werden müsse: "Wenn man sich nicht mehr verantwortlich dafür fühlt und sie als Spiel mit der Angst missbraucht wird, ist es nicht länger Demokratie, oder? Das ist dann fast schon Totalitarismus." Shepard, der Demokrat, hat offenbar sein Radar ausgeschaltet, als es ans Casting für die unverhohlene Propaganda für die amerikanische Luftwaffe in "Stealth" ging. Oder er wollte doch Kritik üben, und zwar an der Technologisierung der Weltgesellschaft: "Ich denke, der Verrat an uns selbst wird immer deutlicher und schlimmer, desto weiter wir voranschreiten, speziell mit der elektronischen Revolution. Wir bevorzugen die eine Welt, in der uns elektronische Dinge alles bedeuten. Wir wollen nichts mehr mit Fleisch und Blut zu tun haben. Das ist schon so weit fortgeschritten, dass wir es gar nicht mehr als Verrat wahrnehmen!" Am Ende landet sein Filmcharakter im Gefängnis, schließlich wollte Captain Cummings über Leichen gehen, um seinen fälschlichen Glauben an die elektronische Offenbarung zu vertuschen. Letztere Intention ist wahrscheinlicher bei einem Mann, der von allen Seiten Intelligenz, Talent und liberales Gedankengut attestiert bekommt. Bei persönlichen Gesprächen zeigt er sich dagegen schüchtern, schweigsam und resistent gegenüber Fragen, die sein Privatleben an die Öffentlichkeit ziehen sollen. In Interviews gibt er sich meist wortkarg, hält den Blick gesenkt und macht es seinem Gegenüber nicht leicht, etwas aus ihm herauszukitzeln. Doch weicht er Fragen nicht aus, sondern bewahrt sich die Kürze und Prägnanz, die auch seine Theaterstücke ausmachen. Seit fast 40 Jahren schreibt er nun für die Bühne und hat daran mehr Gefallen als jeher: "Ich sehe es nicht als Heilmethode, aber Theater ist eine Art, durch die und in der sich Menschen direkt auseinander setzen können. Nur darum geht es." Im Theater gibt es keine Fernbedienung, das ist wahr. Aber es gibt auch keinen Filter für etwaige Kritik. "Es ist die wahre Kraft des Theaters, dass es Leute mit Leuten verbindet." Dabei wird Shepard eine gewisse Abneigung, ja Angst vor Bühnenauftritten nachgesagt. Der Gang über den roten Teppich würde demnach für ihn zum Höllenritt. Doch Shepard ist unnahbar hinter seinen faltigen Wangen, dem Kinn, der Stirn. Über ihn werden genug Bücher geschrieben (zum Beispiel Carol Rosen von der Columbia University hat ein besonderes Publikations-Faible für Shepard). Wieso also sollte er sich selbst den Mund fusselig reden? Mit Schauspielerkollegin Jessica Lange lebt er seit einem knappen Vierteljahrhundert zusammen. Ob sie der Grund war, wieso er sich von seiner bisher einzigen Ehefrau vor 20 Jahren scheiden ließ, ist freilich nicht zu erfahren, ebenso wenig über seine Flugangst. Legende wurde Shepard spätestens durch seine Liaison mit Patti Smith, mit der er das Theaterstück "Cowboy Mouth" nicht nur verfasste, sondern auch auf die Bühne trat: Das erste und letzte Mal, dass er eine seiner eigenen Figuren spielte. Shepard, der Rebell: Seine frühen Theaterstücke (mit 30 Jahren hatte er schon 30 Stücke verfasst und zur Aufführung gebracht) atmen revolutionären Geist, Widerstand und Wut, was gemeinhin seiner Kindheit zugeschrieben wird. In den 50-ern wuchs er auf einer Avocado-Ranch in der Kleinstadt Duarte im Dunstkreis von Pasadena, Kalifornien auf. "Es war eine merkwürdige Ansammlung von Dingen, eine komische Art von Schmelztiegel - spanische, schwarze Elemente und welche aus Oklahoma und dem Mittelwesten, alle zusammengewürfelt. Die Leute waren auf dem Sprung ohne springen zu können, zusammengepfercht in Wohnwagenparks." Der Vater, ein beruflicher Vagabund. Die Mutter Lehrerin und gutes Beispiel: Der Vater paukte beim Abendgymnasium, um selbst Pädagoge zu werden. Seinem Biografen Don Shewey erzählte Shepard, er bemitleide seinen Vater wegen seines harten Lebens: "Er musste seine Mutter und Brüder schon in jungen Jahren unterstützen, als die Farm seines Vaters kollabierte. Man sah ihn leiden, er litt furchtbar, weil er ein Leben lebte, das für ihn selbst eine große Enttäuschung war und er nach einem ganz anderen suchte. Das war weit mehr als Frustration, es war blanke Wut." Diese Wut brachte Sam zum fahrenden Theatervolk, damit zur Schauspieler- und Schriftstellerei, zum Pulitzerpreis und weiteren namhaften Auszeichnungen - vor allem, weil er meist Ziel der Wutausbrüche seines Vaters wurde. Leif Kramp |
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